Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

aus Heft 17/2013 Kino/Film/Theater

»Ich muss alles hinter mir lassen, um weiterleben zu können«

Seite 3:
»In Hollywood begrüßt man einander so: Du siehst wunderbar aus, wer ist dein Chirurg?«

Malte Herwig (Interview) 

CHARLOTTE RAMPLING Die Legende Die Schauspielerin wurde 1946 als Tochter eines britischen Offiziers und einer Malerin geboren. Nach Luchino Viscontis »Die Verdammten« (1969) gelang ihr 1974 mit »Der Nachtportier« der endgültige Durchbruch. In ihrem jüngsten Film »I, Anna« (ab 2.5.), einem packenden Noir-Thriller, spielt sie die geschiedene Mutter Anna, die zu Speed-Dating-Events geht und sich in Kommissar Bernie (Gabriel Byrne, rechts) verliebt. Dessen Ermittlungen in einem Mordfall führen bald direkt zu Anna, die ein dunkles Familiengeheimnis hütet.

Als Kind gingen Sie auf ein katholisches Internat in Frankreich. Glauben Sie an Gott?
Ich bin nicht katholisch, aber die Nonnen gefielen mir und das Singen, die Rituale. Deshalb ging ich auch zur Beichte, obwohl ich das als Protestantin eigentlich gar nicht durfte. Man hat in dem Alter ja schon schlimme Gedanken, und ich dachte mir: Großartig, jetzt kann ich darüber reden, ohne dass mir was passiert. Der Zorn Gottes konnte mich schließlich nicht treffen, ich war ja nicht gläubig.

Obwohl Sie selbst ein Kind der Swinging Sixties sind, haben Ihre eigenen Kinder eine strenge Erziehung genossen. Warum?
Mein zweiter Ehemann Jean Michel Jarre und ich waren sehr konservative Eltern. Wir waren keine Rock ’n Roller wie Mick Jagger und Co., wir haben dafür gesorgt, dass unsere Kinder ein geregeltes Leben führen. Sie hatten immer dieselben Kindermädchen, waren auf derselben Schule. Meine Kinder haben sich bei mir dafür bedankt, weil sie andere Kinder gesehen haben, die als Hippies aufwuchsen und völlig undiszipliniert und haltlos waren. Wenn es keine Grenzen gibt, werden Kinder verrückt, glaube ich, und verfallen dem Alkohol oder Drogen.

Ihre Ehe mit Jean Michel Jarre zerbrach 1996 nach fast zwanzig Jahren. Stimmt es, dass Sie damals mit dem Gedanken spielten, sich für immer aus dem Filmgeschäft zurückzuziehen?
Es war eine persönliche und damit auch eine berufliche Krise. Es gab tatsächlich einen Moment, in dem ich mit dem Gedanken spielte, keine Filme mehr zu machen. Ich wollte nicht mehr im Scheinwerferlicht stehen, ich wollte nicht, dass die Leute mich ansehen, ich wollte nicht mehr Teil dieser Welt sein, in der du anderen etwas vorspielen musst. Schauspielerei kann nicht intim sein, also habe ich damals angefangen zu schreiben.

Was haben Sie geschrieben, Ihre Autobiografie?
Ich warne Sie, wenn das Wort »Autobiografie« im Interview vorkommt, verzeihe ich Ihnen das nie. Das ist ein viel zu großes Wort für mich. Ich bin keine Schriftstellerin. Ich will nicht über mich reden, sondern durch mich. Es gibt viele große Themen, aber es kommt darauf an, sie auf ein Minimum zu reduzieren, in einen Satz zu fassen. Ich habe in den letzten Jahren sehr viel geschrieben, denn ich möchte so schreiben können, wie ich spiele, und das braucht Zeit. Manchmal entdecke ich ein paar Blätter mit Notizen, die ich vor drei Jahren verfasst habe, und verliere sie dann wieder. Das ist wie mit meinen Rollen im Film: Ich muss Dinge vergessen, um mich vollständig frei zu fühlen. Ich muss alles hinter mir lassen können, um weiterleben zu können.

Eine Biografie über sich wollen Sie offensichtlich auch nicht. Ihre Biografin haben Sie verklagt, das Buch ist nie erschienen. Warum nicht?
Weil es so schlecht geschrieben war. Es war klatschsüchtig und anzüglich. Wir wollten eigentlich zusammenarbeiten, sie sollte recherchieren und ich sollte große Teile schreiben. Aber das stellte sich als unmöglich heraus, sie hinterging mich. Also sagte ich, na gut, wenn du nicht freiwillig aufhörst, werde ich dich fertigmachen, egal wie lange es dauert und wie viel es kostet.

Das Alter ist grausam, nur zu Ihnen anscheinend nicht. Verraten Sie uns Ihr Geheimnis?
Mein Vater starb 2009, er wurde hundert Jahre alt. Er war ein unglaublich gut aussehender Mann, zum Umfallen schön. Ich war immer sehr stolz auf meinen schönen Vater, und er hat mir einen haltbaren Körper und ein haltbares Gesicht vererbt. Ich werde bestimmt auch hundert Jahre alt, mindestens. Jedenfalls hoffe ich, dass ich so lange in guter geistiger Verfassung bleibe, auch wenn körperlich dann alles im Eimer ist.

Gehen Sie regelmäßig ins Fitnessstudio?

Nein. Die Leute hier in Hollywood sind geradezu besessen von körperlicher Fitness. Neulich ging ich mit der Regisseurin Kathryn Bigelow spazieren. Eine freundliche, sehr unkomplizierte Frau, noch dazu sehr schön, mit einem schmalen Körper. Sie marschierte den Canyon in einer Geschwindigkeit rauf, dass ich dachte, wir sehen uns nächste Woche am Ziel. Sie hat mir gesagt, dass sie jeden Morgen eineinhalb Stunden spazieren geht. Das sei das beste Rezept.

In Hollywood gehört es auch zum guten Ton, sich regelmäßig liften zu lassen.
Gestern Abend habe ich Jane Fonda gesehen. Ich kenne sie gut, aber ihr Gesicht war wieder mal gemacht worden. Sehr schön übrigens. Es gibt hier hervorragende Chirurgen. Sie sagt ganz offen: Ich bin 75 Jahre alt, und so läuft das hier. Zur Begrüßung sagt man einander: Du siehst wunderbar aus, wer ist dein Chirurg?

Als Sie jung waren, wollte Ihr Agent Sie dazu überreden, Ihr Gesicht operieren zu lassen. Er fürchtete, dass Ihre schweren Augenlider Ihrer Karriere im Filmgeschäft schaden würden.

(Bricht in schallendes Gelächter aus.) Ich habe ihn gefeuert. Zugegeben, heute wirken meine Augen ein bisschen wie die einer Schlange. Aber auch das ist interessant.

Woody Allen hat einmal auf die Frage, welche Gäste er gern zu einem Dinner einladen würde, geantwortet: Charlotte Rampling und Franz Kafka. Wen würden Sie einladen?
Ich würde ihn und Kafka einladen! Schließlich bin ich als braves Mädchen erzogen worden, und wenn mich jemand einlädt, dann bekommt er eine Gegeneinladung. Den Papst können wir auch dazubitten – Kafka, Woody Allen und den alten Papst Franziskus, das wärs. Ich wüsste gerne, was in seinem kleinen Kopf vor sich geht.

Fotos: NFP, dpa
Anzeige


Seite 1 2 3

Malte Herwig durfte Charlotte Rampling während des dreistündigen Treffens zu Recherchezwecken tief in die Augen blicken - und sie in seine. Als er ihr seinen deutschen Pass zeigte, in dem blau-grün-grau als Augenfarbe eingetragen ist, war die Schauspielerin überrascht: »Die deutsche Bürokratie ist sehr großzügig, drei Augenfarben sind eine ganze Menge.«