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aus Heft 17/2013 Kino/Film/Theater Noch keine Kommentare

»Ich muss alles hinter mir lassen, um weiterleben zu können«

Verstörende Fotos, harte Trennungen: Die Schauspielerin Charlotte Rampling ist in ihrem Leben keinem Skandal aus dem Weg gegangen. Ein Gespräch in klaren Worten.

Von Malte Herwig (Interview) 



»Mein Vater wurde 100, er war zum Umfallen schön. Er hat mir einen haltbaren Körper und ein haltbares Gesicht vererbt.« Weiß Gott, das hat er.

Los Angeles, ein blauer Aprilmorgen. Das Hotel »Chateau Marmont« liegt an einer Biegung des Sunset Boulevard und ist seit den Dreißigerjahren die Herberge der Hollywood-Prominenz. Hier feierte Errol Flynn Orgien, hier fiel Jim Morrison vom Dach, hier bekam Britney Spears Hausverbot. An diesem Vormittag sitzt der berühmteste Blick der Filmgeschichte auf einem Sofa in der Hotellobby und schaut den Reporter mit grün-blauen Augen an. Charlotte Rampling würde nirgendwo Hausverbot bekommen. Sie ist eine Dame, aber eine lässige, die allein mit einem Augenaufschlag Distanz oder Nähe signalisieren kann. Dieser kühle und zugleich lockende Blick machte sie zur Ikone. Nun sagt er: Komm schon, setz dich auf das Sofa. Das Spiel beginnt.

SZ-Magazin: Frau Rampling, Sie sind die einzige Schauspielerin, deren Name ein englisches Verb geworden ist: »to rample«. Was bedeutet das?
Charlotte Rampling: (spricht die ersten Worte auf deutsch): »Hey, können Sie mich rampeln?« Wunderbar, ich hätte am liebsten, wenn es das Wort in jeder Sprache gäbe. Es bedeutet, einen Mann mit kühler Sinnlichkeit wehrlos zu machen.

Ihr Blick wurde zu einem Markenzeichen, als Helmut Newton 1973 das berühmte Foto im Hotel »Nord-Pinus« schoss, auf dem Sie nackt über die Schulter in die Kamera blickten.
Es war für ihn und für mich das erste Nacktfoto. Wir waren beide schüchtern, und das Shooting war ziemlich hastig.

Seitdem haben Sie immer wieder sehr gewagte Rollen gespielt. Wann begann diese Lust an der Provokation?
Das erste Foto, das je von mir veröffentlicht wurde, habe ich mit 16 gemacht. Ich war ein bisschen angetrunken und sehr aufgeregt, dass mich jemand fotografieren wollte. Ich war ziemlich brav angezogen, und sie haben mich gefragt, ob ich mich auf einen Topf setzen würde.

Einen Topf?

Ja, einen Nachttopf. Und dann ging es Schritt für Schritt. »Würdest du dich nackt auf den Topf setzen?« Und ich habe verdammt noch mal mitgemacht. So gab es dann dieses skandalöse Foto, wie ich sehr süß ausschauend auf einem kleinen Nachttopf sitze. Man sieht nichts, ich schaue nur ungezogen, lache und zeige ein wenig Bein. Am nächsten Tag war ich wieder nüchtern und habe mich gefragt: What the fuck, Charlie? Was machst du für Sachen? Ich hatte furchtbare Angst, dass mein Vater das Foto sehen würde. Ein paar Wochen habe ich in Furcht und Schrecken gelebt. Aber er hat es nie herausgefunden, das Buch wurde ein Riesenerfolg und seitdem habe ich immer wieder solche skandalösen Sachen gemacht. Es hat niemandem geschadet.

Auf die Rolle des unterkühlten, männermordenden Weibs waren Sie jahrzehntelang festgelegt, seit Sie 1974 in Der Nachtportier eine KZ-Insassin spielten, die sich nach dem Krieg in ihren ehemaligen SS-Peiniger Max verliebt. Der britische Journalist John Lichfield bezeichnete Sie als »Kultfigur mit Katzenfigur und Katzenaugen«.
Erzählen Sie das mal meinen Katzen Max und Felix. Max ist übrigens nach der Figur von Dirk Bogarde im Nachtportier benannt, weil auch er lange hinter Gittern saß, bis ich ihn fand. Allerdings ist er ein blonder Arier und sieht überhaupt nicht aus wie der Max im Film.

In Ihrem neuen Film I, Anna spielen Sie eine einsame, verlassene Frau, die hilflos ins Unglück stürzt. Unter der Oberfläche eines düsteren Thrillers erzählt der Film auch die Geschichte einer Familie. Hat es eine Rolle gespielt, dass Ihr Sohn Barnaby Southcombe Regie geführt hat?

Natürlich. Wir tauchten in Bereiche ein, in denen auch ich schon mal als gebrochene Seele gewesen bin. Barnaby wusste das selbstverständlich, weil ich seine Mutter bin, und wir haben daraus eine Geschichte gemacht, wir haben alles sublimiert. Sein Vater Bryan Southcombe war am Boden zerstört, als ich ihn 1976 verließ, und Barnaby hat das viele Jahre lang gespürt. Als Bryan 2007 im Alter von 69 Jahren starb, setzte sich Barnaby wenige Monate später hin und schrieb ein völlig neues Drehbuch für I, Anna. Als ich es las, sagte ich: Das ist es, das ist der Film, lass ihn uns jetzt drehen! Ich glaube, durch den Tod seines Vaters hat sich bei ihm eine Sperre gelöst.

Kurz vor Beginn der Dreharbeiten brachen Sie sich die Hand, verheimlichten das aber Ihrem Sohn. Warum?
Unfälle sind sehr verräterisch. Mir passieren normalerweise keine U-fälle, weil ich ein gutes Gleichgewichtsempfinden habe. Dann bin ich in der Küche ausgerutscht und habe mir das Handgelenk gebrochen. Ich dachte erst, es sei nichts Schlimmes, aber am nächsten Tag sah ich aus wie der Elefantenmensch. Als ich meinem Sohn endlich von dem Unfall erzählte, haben wir ins Drehbuch geschrieben, dass Anna einen Gips trägt.

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