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aus Heft 19/2013 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Tritt die Schwiegertochter aus der Kirche aus, steht die christliche Erziehung der Enkelkinder auf dem Spiel - Darf man den Kirchenaustritt Anderer verurteilen?



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»Meine Schwiegertochter plant aus der Kirche auszutreten.
Dadurch schwindet die Hoffnung, dass sie meine Enkel christlich erziehen wird. Auch ich bin mit 30 aus der Kirche aus-, aber zehn Jahre später aus Überzeugung wieder eingetreten. Habe ich nun noch das Recht, das geplante Verhalten meiner Schwiegertochter zu verurteilen?«  Hilde R., Bonn



Der amerikanische Zauberkünstler, Komödiant und Autor Penn Jillette widmet in seinem New York Times-Bestseller God, No! ein Kapitel der Frage, ob man als gläubiger Mensch verpflichtet sei, Nichtgläubige zu missionieren. Jillette bezeichnet sich selbst als »hardcore atheist«, und das Buch ist geeignet, auch bei wenig gläubigen Lesern die Sorge auszulösen, für das Lachen an einigen ziemlich witzigen Stellen direkt in die Hölle zu kommen. In besagtem Kapitel nun schreibt Jillette sinngemäß, wer an das ewige Leben glaube und ihn damit belästige, sei unerträglich und möge sich von ihm fernhalten. Wer aber an das ewige Leben glaube und ihn nicht belästige, vielmehr höflich sei und ihn, Jillette, glauben lasse, was er will, obwohl er, Jillette, dadurch eine Ewigkeit in der grässlichsten Hölle verbringen werde – was für ein Mistkerl müsste dieser Mensch sein.

Mir scheint dies eine in die subjektive Betrachtungsweise verschobene Variante der Pascalschen Wette zu sein. Bei der meinte der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal vereinfacht, der »Wettgewinn« ewiges Leben oder ewige Verdammnis sei im Verhältnis zum Einsatz, ein vergleichsweise kurzes irdisches Leben lang an Gott zu glauben, so groß, dass es sich auf jeden Fall lohne, an Gott zu glauben; selbst dann, wenn es sehr unwahrscheinlich sei, dass er existiere.
Für Sie als überzeugte Christin – ob schon immer, wieder oder neu – bedeutet das meines Erachtens, dass Sie nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht haben, sich um die christliche Erziehung Ihrer Enkelkinder zumindest zu sorgen, wenn nicht
gar dafür zu kämpfen. Allerdings hat Ihre Schwiegertochter ebenso das Recht, dies anders zu sehen, und am Ende als Mutter die stärkere Position. Und ob Ihnen ein Recht zusteht, sie deswegen zu verurteilen, scheint mir ohnehin zweifelhaft. Dieses Recht dürfte allenfalls Gott haben – so er existiert.



Quellen:


Literatur: Penn Jillette, God, No! Signs You May Already Be an Atheist and Other Magical Tales, Simon & Schuster Paperbacks, New York 2012 Das angesprochene Kapitel „Preach to Me and Pray for Me–Please!“ findet sich auf S. 59ff.

Blaise Pascal, Gedanken über die Religion und einige andere Gegenstände Dritter Abschnitt. Daß es schwer ist das Dasein Gottes durch die natürlichen Geisteskräfte zu beweisen; aber daß das Sicherste ist es zu glauben. Hier online abrufbar

Alan Hájek, Pascal's Wager, The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Winter 2012 Edition), Edward N. Zalta (ed.), hier online abrufbar

Paul Saka, Pascal’s Wager about God, Internet Encyclopedia of Philosophy, Last updated: April 20, 2005, Originally published: January/24/2002 Online abrufbar



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