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aus Heft 25/2013 Die Gewissensfrage 3 Kommentare

Die Gewissensfrage

Informations- und Sensationsjournalismus liegen manchmal eng beieinander. Zu eng, findet ein Leser und schaut sich keine Berichte über die Flut mehr im Fernsehen an. Aber kann er damit sein Gewissen beruhigen?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

»In den vergangenen Wochen hat meine Frau intensiv die Sondersendungen im Fernsehen über die hochwassergeschädigten Ortschaften und vor allem Menschen verfolgt. Ich habe das abgelehnt, weil ich das als reine Sensationsberichterstattung empfand, und mein Informationsbedürfnis lieber mit den Nachrichten im Radio gestillt. Habe ich da zu viele Skrupel?«  Volker M., Fulda

Ihre Bedenken kann ich nachvollziehen, wenn auch nur zum Teil. Bilder sind auf jeden Fall dort sinnvoll, wo sie zusätzliche Informationen transportieren. Eine Luftaufnahme etwa sagt dem durchschnittlichen Zuschauer oder Leser wesentlich mehr als eine Quadratkilometerangabe überschwemmter Fläche. Auch Betroffene zu zeigen und zu Wort kommen zu lassen wirkt anders als nüchterne Zahlen und Fakten über ein Unglück – ist jedoch sehr zwiespältig. Es kann positiv sein im Hinblick auf das Informationsbedürfnis, aber auch um Hilfsbereitschaft auszulösen oder Verständnis zu wecken für den Aufwand, der für Hilfe und Schutz vor weiteren Katastrophen notwendig ist. Dem steht jedoch die Gefahr gegenüber, dass Menschen in ihrem Unglück vorgeführt werden. Dieses Vorführen stellt eine absolute Grenze dar, an der das Recht auf Information und sonstige Belange enden. Man muss keinen Betroffenen weinen sehen, um zu erfassen, dass es schlimm ist, alles verloren zu haben.
 
Mir scheint es zudem widersprüchlich, auf der einen Seite immer wieder zu fordern, man solle nicht unbeteiligt bleiben, »nicht wegsehen«, wenn etwas passiert, auf der anderen Seite aber die Neugier, den Antrieb, ein Unglück tatsächlich zu sehen, zu verurteilen. Beides sind zwei Seiten einer Medaille. Die Grenze zwischen positiver Anteilnahme und Sensationslust ist schmal, weshalb man sich selbst prüfen muss, wo man steht, wenn man sich die Bilder oder das Geschehen ansieht.

Noch mehr gilt das für die Medien, die das Ganze professionell betreiben. Empathie, das Mitfühlen mit den Betroffenen, ist etwas Positives und dieses Gefühl wird nun einmal durch Bilder viel stärker angesprochen als durch Fakten. Dieser Effekt kippt jedoch ins Negative, wenn er von den Medien nur dazu genutzt wird, Quoten oder Auflagen zu steigern.


Lesehinweise:


Rüdiger Funiok, Medienethik, Verlag W. Kohlhammer, 2. Auflage, Stuttgart 2011

Wolfgang Wunden, Medienwirkungen am Beispiel von Gewaltdarstellungen im Fernsehen, in: Matthias Karmasin (Hrsg.), Medien und Ethik, Reclam Verlag Stuttgart 2002, S. 77-98

Wolfgang Huber, Menschenwürde? Gewalt und Intimität als Unterhaltung., in: Wolfgang Wunden (Hrsg.), Öffentlichkeit und Kommunikationskultur, Lit Verlag, Hamburg 1994, S. 181-195

Roland Mangold, Der abendliche Horror? Unterhaltung und Emotionen bei Fernsehnachrichten, in: Gunnar Roters, Walter Klingler, Maria Gerhards (Hrsg.), Unterhaltung und Unterhaltungsrezeption, Nomos Verlag Baden-Baden 200, S. 119-140

Deutscher Presserat (Hrsg.), Praxis-Leitfaden. Berichterstattung über Amokläufe – Empfehlungen für Redaktionen. Berlin August 2010

Die Bereitschaft, wahrzunehmen, wenn etwas passiert, die zum Teil auch auf Neugier beruht, wird in der Sozialpsychologie als erste Stufe auf dem Weg der Entscheidung eines Zuschauers, einzugreifen angesehen. Diese Problematik, wann ein Zuschauer eingreift, kennt man auch unter dem Begriff „Bystander-Effekt“.


Literatur zum Bystander-Effekt:


Elliot Aronson, Timothy D. Wilson, Robin M. Akert, Sozialpsychologie, Pearson Studium, München, 6. Auflage 2008, Kapitel 11 Prosoziales Verhalten: Warum Menschen helfen, S. 349ff., besonders 11.3.3 Die Anzahl der Zuschauer: Der „Bystander“-Effekt, S. 366ff.

Darley, J. M., & Latané, B. (1968). Bystander intervention in emergencies: Diffusion of responsibility. Journal of Personality and Social Psychology, 8, 377–383
Online abrufbar unter: http://www.wadsworth.com/psychology_d/templates/student_resources/0155060678_rathus/ps/ps19.html

Bystander effect, in: Wikipedia, The Free Encyclopedia. Online abrufbar unter: http://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Bystander_effect&oldid=557649284

Zuschauereffekt, in: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie Online abrufbar unter: http://de.wikipedia.org/w/index.php?titl...


Weiterführend zur Neugier:

Hans Blumenberg, Der Prozeß der theoretischen Neugierde, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1988

Thomas D. Kennedy, Curiosity and the Integrated Self: A Postmodern Vice, Logos: A Journal of Catholic Thought and Culture, Volume 4, Number 4, Fall 2001, pp. 33-54

Elias Baumgarten, Curiosity as a Moral Virtue, International Journal of Applied Philosophy, Volume 15, Number 2 (Fall 2001)

Todd. B. Kashdan, Curiosity, in: Christopher Peterson and Martin E.P. Seligman (Hrsg.), Character, Strength and Virtues, A Handbook and Classification, Oxford University Press, 2004

George Loewenstein, The Psychology of Curiosity: A Review and Reinterpretation, Psychological Bulletin, 1994, 75-98


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Kommentare

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  • J.H.O. Schulz (0) Leider ist die überparteiliche und objektive Berichterstattung ausgestorben und wird von Auflagenhöhe dominiert.Der Journallie bestimmt das Geschehen oder
    seine persönliche Auffassung, oder seines Chefs.Man muss in D. auf ausländische Medien zurückgreifen um sich neutral zu informieren, z.Bsp. die NZZ hat Vorbildfunktion. Traurig aber leider wahr.
  • Markus Döring-köhler (1) Sondersendunegn sind wichtig, um das Ausmass einer Katastrophe aufzuzeigen. Nur duch Real-TV lassen sich die Mitmenschen heute im Zeitalter der Schnelllebigekit noch zu Betroffenheit, Spendenbereitschaft oder Verständnisbereitschaft bewegen. Denn morgen in der S.Bahn mit I-Pod, im Flieger mit i-Phone oder im X5 ist alles wieder vergessen, doch das Leid geht weiter.
  • Klaus Hinkelmann (0) Volker M. thematisiert die Sondersendungen im Fernsehen. Er sagt, dass er sich lieber über Radio informiert. Er sagt nichts zu den ausführlichen Nachrichten in den einschlägigen Formaten.
    Die Sondersendungen haben für mich eher den Charakter von Endlosschleifen, der intensiven und immerzu wiederholten Darbietung des schon längst Gesehenen; in meinen Augen wird da viel "leeres Stroh gedroschen". Das muss man sich in der Tat nicht antun, bedient aber offenbar den Wunsch vieler, sich quasi in diese Katastrofen "hineinfallen" zu lassen; Wiederholungen entfalten so etwas wie eine Sogwirkung.
    Auf der anderen Seite finde ich das Ausweichen auf Radio bemerkenswert und verständlich - es ist quasi das Gegenstück zu den Bildschleifen und erlaubt, mehr an Distanz aufrecht zu erhalten.
    Offenbar bedient die Entscheidung für dies oder jenes Medium, für diese oder jene Aufbereitung ganz unterschiedliche Grundbedürfnisse. Eine andere Frage ist dann, ob ein Konsument sich klar zu werden versucht, wieso und wozu er dieses oder jenes Format bevorzugt. M, scheint mir, muss sich für seine Wahl nicht rechtfertigen. Und umgekehrt sollte er seiner Frau auch nicht die Vorliebe für Sondersendungen vorhalten. Nachrichten sind dem Begriff nach Informationen, die einen angehen - bloße Information wäre quasi dimensionsfrei.
    Den Sondersendungen halte ich vor, dass sie in sich kreisen und nicht weiterführen, das Ventil dieser Massage ist dann die Spende - wie man dazu steht, kann man wieder so und so diskutieren. Ein Thema für sich wiederum, wie die Personalisierung des Geschehens dominiert - das Leid der Opfer, zunehmend auch die Betroffenheit der Helfer.
    An anderer Stelle, meine ich, erfüllen die Medien ihren Informationsauftrag besser, in denen erklärt z.B. wird, wieso Deiche weich werden, wieso Sandsäcke stabilisieren, und was die Forschung zum Aufbau von Deichen heute weiß - samt der Perspektive, dass Hochwasserschutz an einem Ort das Problem nur verlagert, nämlich flussabwärts. Da bieten solche Katastrophen Anlass, Dinge zum Thema zu machen und auch eine Bereitschaft vorzufinden, solcher Art Hintergrundwissen auszuwählen - und an diesen Punkten sehe ich auch Nahtstellen zu praktischen politischen Forderungen.
    Insofern bringt die Medienlandschaft genügend Typen und Präsentationsformen hervor, die sich gegenseitig bedingen.