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aus Heft 25/2013 Fußball

»Pep Guardiola ist obsessiv, ohne zu nerven«

Seite 2: »Für mich ist die Arbeit Guardiolas brillant, fast einzigartig.«

Peter Burghardt (Interview)  Foto: Ricardo Ceppi

Der Fußball-Philosoph César Luis Menotti, 74, trainierte von 1974 bis 1983 die argentinische Nationalmannschaft, danach den FC Barcelona, Atlético Madrid und das Team von Mexiko. Wie kein anderer hat er den Sport ideologisch überhöht, etwa 1978, als er Weltmeister wurde und äußerte: »Meine Spieler haben die Diktatur der Taktik und den Terror der Systeme besiegt.«

Außer Guardiola machen es auch andere jüngere Trainer wie Jürgen Klopp von Borussia Dortmund nicht schlecht, oder?
Zum Beispiel. Dortmund hält das in den wichtigen Spielen nur nicht durch. Die spielen im Smoking, aber wenn noch 15 Minuten zu spielen sind und das Fest schwierig wird, dann ziehen sie den Smoking aus und streifen den Overall über, und dann spielen sie am schlechtesten. Wie gegen Real Madrid und Bayern München. Die Bayern haben auch deshalb gegen sie gewonnen. Man braucht viel Überzeugung, Klarheit und Charakter. Eine Meisterschaft gewinnt jeder, den Europacup haben auch schon viele Dummköpfe und Ignoranten gewonnen. Aber in fünf Jahren 15 von 19 Titeln gewinnen wie Guardiola und dabei Spieler austauschen, die zusammen 50 Tore geschossen haben, so einen musst du erst mal finden. Für mich ist die Arbeit Guardiolas brillant, fast einzigartig.

Kommt Pep Guardiola nun zu spät? Die Bayern haben mit dem altersweisen Jupp Heynckes gerade alle Titel abgeräumt. Im Mai war Guardiola für einen Vortrag wieder in Buenos Aires und nachher wieder mit Ihnen essen. Ist er nervös?
Ja, er ist besorgt. Zum ersten Mal, seit der Fußball erfunden wurde, geht ein Trainer, der Champions League, Meisterschaft, Pokal und Supercup gewonnen hat. Wo hast du so was schon mal gesehen? Normalerweise kommt ein neuer Trainer, wenn es schlecht läuft. José Mourinho ging bei Real Madrid, weil er nichts gewonnen hat. Bayern hat alles gewonnen. Aber für mich ist Guardiolas Verpflichtung eine wunderbare Idee.

Trotz der Erfolge seines Vorgängers?
Auch Bayern braucht einen neuen Anstrich. Solche Mannschaften begnügen sich nicht damit, eine Meisterschaft und eine Champions League zu gewinnen, die wollen jedes Mal Protagonist sein. Ich glaube, Guardiolas Vorstellungen sind sehr gut, auch wenn es nicht einfach wird in der Bayern-Familie mit Rummenigge, den ich gut kenne, Beckenbauer und so. Pep freut sich auf die Aufgabe, auch die Stadt gefällt ihm. Er spricht gut Englisch und Italienisch, Deutsch wird ihm nicht schwerfallen. Ich glaube, er übertreibt mit seiner Nervosität, er wird sich leicht verständlich machen. Ich finde, er ist ein sehr deutscher Katalane, geordnet, ernsthaft. Er arbeitet viel, trainiert viel. Seine Persönlichkeit passt zu München, das ist die Stadt für ihn.

Wie ist München denn Ihrer Meinung nach?
Da begrüßen dich die Leute freundlich – hier in Argentinien und in Spanien fallen sie über dich her. In München wird er mit seiner Frau und seinen Kindern auch dann herumlaufen können, wenn er ein Spiel verloren haben sollte. Ich habe sogar den Eindruck, dass einige Bayern innerlich jetzt schon für Pep spielen. Manche Spieler hielten den Ball früher länger, waren eher Individualisten. Pep wird sehr zufrieden sein. Ich persönlich liebe München, für mich ist das eine der besten Städte der Welt. Besser als Paris. Ich war seit 1979 jedes Jahr in München, war bei vielen Festen. Irgendein idiotischer argentinischer Journalist sagte, dass um sechs Uhr nachmittags in München alle schon im Bett seien. Der Depp kannte die Münchner Nächte und Frauen nicht, der muss in einem Keller gewesen sein.

München und die Bayern dürfen sich also auf Pep Guardiola freuen?
Die Spieler wissen schon, was er will. Außerdem ist er obsessiv, ohne zu nerven. Schaut viele Spiele, studiert, kennt seine Spieler und will korrigieren, ohne die Schuld abzuladen. Der Argentinier Javier Mascherano vom FC Barcelona hat mir gesagt, Guardiola sieht Sachen, die dir auf dem Platz enorm helfen. Die Spieler schätzen ihn sehr. Guardiola weiß genau, was der Linksverteidiger bei Bayern macht, welche Schuhgröße der hat und ob er schlecht schläft. Er versteht, dass die einzige Wahrheit des Lebens das Lernen ist, bis zum Tod.

Hört sich fast übereifrig an. Wie macht man ein Team wie die Bayern noch besser?
Er wird den Erfolg zu stabilisieren versuchen. Aber sein höchstes Ziel wird es sein, eine emotionale Beziehung zwischen Publikum und Mannschaft herzustellen. Damit, selbst wenn Bayern verliert, die Leute sagen: Wir haben verloren, aber wie gut haben wir gespielt! Es gibt zwei Wege: Entweder man verwandelt den Platz in ein Schlachtfeld, wo die wilden Pferde herumlaufen. Oder du machst ihn zu einer Werkstatt, in dem Handwerker Kunstwerke schaffen. Das ist Guardiola. Wenn du einer Mannschaft von Guardiola zuschaust, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass sie dich der Schönheit annähert.

Inzwischen ist der deutsche Fußball überhaupt hübsch anzusehen, oder?
Ich wusste noch nie, wieso alle nur von Kraft und Disziplin der Deutschen reden, das ging mir schon immer auf die Nerven. Da gab es Overath, Beckenbauer und so weiter. Die spielten gut, sie hatten nur nicht immer den richtigen Trainer. Und wenn
jemand was von Philosophie, Musik, Literatur, Kreativität und Kunst versteht, dann die Deutschen, trotz der Kriege. Die Deutschen sind lustige Typen, saufen bis sechs Uhr morgens und stehen um acht Uhr wieder auf der Matte. Die Deutschen bauen schöne Autos. Jetzt spielen sie auch noch herrlich Fußball. Ihr habt ein wunderbares Land. In München fahren Frauen auf Fahrrädern mit ihren Kindern hinten drauf, keine Huperei den ganzen Tag wie hier. Guardiola wird sehr glücklich sein.

Welchen Einfluss hat ein Trainer?
Welchen Einfluss hatte Ihr Mathelehrer? Ein schlechter Lehrer macht dir das Leben zur Hölle, deshalb hasste ich Mathematik. Ein großartiger Trainer mit großartigen Spielern bildet ein großartiges Team. Ein großartiger Dirigent mit großartigen Musikern bildet ein großartiges Orchester. Ein schlechter Trainer kriegt nur Mittelmaß zusammen, da kann er die besten Geiger holen. Und du musst es schaffen, dass sie dich nicht nur wegen deiner Fähigkeiten als Trainer akzeptieren, sondern auch als loyale Person. Fußball ist eine große Verpflichtung.

Hat erst Guardiola Messi zum weltbesten Stürmer gemacht?
Guardiola hat Messi geführt und auch mal draußen gelassen, ihn immer in einer Funktion eingesetzt und nie als Erlöser. In Argentinien schicken sie Messi zu irgendwelchen Freundschaftsspielen sonstwohin, weil die Partie dann Millionen Dollar wert ist. Eine Schande.

Bei seinem Auftritt in Buenos Aires wurde Guardiola kürzlich als Guru verkauft. Ein bisschen übertrieben?
Pep hat in Barcelona gezeigt, dass er auch in Stürmen die Kontrolle über das Schiff behält, ohne dass man in der Kabine etwas merkt. Aber das hat nichts mit Magie zu tun. Wir sprechen von einem jungen Mann vor einer großen Herausforderung in einem großartigen Club. Da kommt ein Champion zu einem Champion.
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Verabredungen mit César Luis Menotti verlangen Geduld, das wusste SZ-Korrespondent Peter Burghardt schon von einem anderen verzögerten Treffen. Aber wenn Menotti erst mal loslegt, fegt er bald gestikulierend den Becher mit den Stiften vom Tisch. Zum Schluss noch die ewige Frage nach dem besten Fußballer aller Zeiten: Messi? Maradona? »Pelé. Bei Weitem. Unvergleichlich.«

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