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aus Heft 26/2013 Kinder 17 Kommentare

Böse Hex', gute Hex'

Was tun, wenn Kinderbücher zu brutal oder zu altbacken sind? Da hilft nur eins: improvisieren. Kann aber heikel werden.

Von Marc Baumann  Illustration: Jean Jullien




Es war Schlafengehzeit, meine Tochter wollte wie jeden Abend noch eine Geschichte vorgelesen bekommen. Ich nahm das kleine Märchenbuch, das wir bei der Oma auf dem Speicher gefunden hatten: Hänsel und Gretel. Ich hatte seit 20 Jahren keine Grimm-Märchen mehr gelesen, dachte mir nichts dabei. »Es war einmal ein Holzfäller, der war sehr arm …«, begann ich zu lesen. »Warum war der arm?«, fragte das Kind besorgt. »Äh, es gibt leider Menschen, die nicht viel Geld haben«, antwortete ich. »Dann gib du ihnen Geld«, sagte das Kind. »Jetzt lass mich weiterlesen, ja?« Weiter im Text: »Der Holzfäller hatte zwei Kinder, Hänsel und Gretel, und eine Frau, die die Stiefmutter war. Eines Tages sagte sie zu ihm: ›Wir haben nur noch einen Laib trockenes Brot. Wenn wir nicht verhung…‹«, ich stoppte. »Warum liest du nicht weiter?«, fragte das Kind. »Ich muss niesen«, log ich und las stumm die nächsten Zeilen, dort sagte die Stiefmutter: »Wenn wir nicht verhungern wollen, müssen wir die Kinder in den Wald bringen und da allein lassen.« Verhungern? Aussetzen? Wie bitte?

»WEITERLESEN!«, rief es unter der Bettdecke hervor. Ich räusperte mich, versuchte Zeit zu gewinnen, las dann, improvisierend, weiter: »›Wir haben nur noch einen Laib trockenes Brot‹, sagte die Stiefmutter. ›Hier habt ihr fünf Euro, geht bitte in den Wald-Supermarkt.‹« Während meine Tochter im Buch eine Zeichnung der Kinder betrachtete, überflog ich die nächste Seite – dort stand, dass die ausgesetzten Kinder im Wald vergeblich auf ihre Eltern warteten und die Vögel die Brotkrumen wegpickten. Wie gemein, wie traurig, ich überging die Seite beim Lesen. Dann, endlich, ein harmloser Satz: »Im Wald fanden sie ein Haus, das war ganz aus Pfefferkuchen und Zuckerwerk gemacht«, las ich, »Gretel brach sich ein Stück vom Dach ab.« – »Lecker!«, rief mein Kind. Dass die Hexe das Aufessen ihrer Hütte nicht so gut fand, Hänsel folglich in einen Käfig sperrte, um ihn im Gegenzug aufzuessen, was fast gelang, bis Gretel die Hexe in den Ofen schubste, wo sie lebendig verbrannte: hat meine Tochter nie erfahren. Sie fand meine Kurzversion von Hänsel und Gretel – ich benötigte keine Minute zum Vorlesen – etwas langweilig.

Wenn ich so drüber nachdenke, lese ich fast kein Kinderbuch in der Originalversion. Zum Beispiel finde ich es bescheuert, dass in all den Conni- und Jule- und Leo-Lausemaus-Büchern so wenige Väter auftauchen. Und wenn, kommen sie meist nur auf der letzten Seite von der Arbeit nach Hause. Die Regisseurin Doris Dörrie erzählt in ihrem Kinderbuch Lotte will Prinzessin sein die an sich schöne Geschichte eines Mädchens, das sich so lange weigert, in den Kindergarten zu gehen, bis die Mutter als Prinzessin verkleidet mit ihr Straßenbahn fährt. In dem Buch gibt es gar keine Männer – außer wenn ich es lese, dann sitzt der Papa mit Krone in der Bahn. In meiner Variante der Häschenschule gibt es auch keine Prügelstrafe. Meine Tochter ist dreieinhalb, ich möchte ihr das Übel der Welt noch etwas ersparen. Sie hat schon eine Ahnung, dass da draußen nicht alle nett und fröhlich sind, aber die Bewohner ihrer überschaubaren Welt sind bis auf schubsende Kindergartenjungs allesamt freundlich: die Zahnfee, Prinzessin Lillifee, der Tiger und der Bär, Ritter Rost. Der fieseste Mann, dem sie bisher begegnet ist, war der Räuber Hotzenplotz. Als ich das Buch vorlesen wollte, rief mein Kind schon auf Seite eins: »Ich hab Angst!« Da hatte Hotzenplotz gerade erst beschlossen, Kasperls Großmutter die Kaffeemühle zu rauben, und meiner Tochter war es schon zu wild.

Die Frage, ob Bücher wie Grimms Märchen zu brutal sind für Kinder, wird seit Jahrzehnten diskutiert. Es gibt Hunderte Expertenmeinungen dazu, von Pädagogen, Neurobiologen, Sprachwissenschaftlern. Grob zusammengefasst gibt es zwei Lager. Das eine sagt: Kein Problem, die Kinder nehmen die Grausamkeiten nicht als real wahr. Ich gehöre zum anderen Lager. Darum frisst in meiner Geschichte vom Rotkäppchen niemand die Oma, die Großmutter hat sich nur als Wolf verkleidet. Schneewittchens Apfel ist nicht vergiftet, bei meinem Aschenputtel werden keine Augen ausgehackt. »Findest du, ich übertreibe es?«, habe ich meine Freundin nach einer Lesestunde gefragt. »Manchmal, die Raupe Nimmersatt frisst sich bei dir nur durch Äpfel, Birnen und Wassermelone, aber nicht, wie im Buch, durch Törtchen, Eis und Lutscher«, sagte sie. »Und bei Prinzessin Lillifee lässt du haufenweise die Wörter ›rosa‹ und ›Glitzer‹ weg«. Stimmt. Bei Otfried Preußlers »kleiner Hexe« ist das Vorlesen nach der kürzlichen Rassismus-Debatte doppelt schwer: die Originalversion mit »Eskimofrauen« und »Negerlein« möchte man so nicht mehr vorlesen, der Verlag hat das Wort »Negerlein« nun allerdings durch »Messerwerfer« ersetzt, auch keine ideale Lösung.
 
Es ist mein erstes Kind, ich weiß, dass ich übervorsichtig bin. Wenn in der SZ Kriegsfotos aus Syrien sind, nehme ich die Zeitung vom Frühstückstisch, wenn ein Obdachloser auf einer Parkbank unter Plastikplanen liegt, erzähle ich, der spielt Verstecken. So laufen wir, Vater und Tochter, Hand in Hand durch die manchmal raue Großstadt: Ich versuche ihr überfahrene Katzen und prügelnde Oktoberfestbesucher kleinkindgerecht zu erklären. Sie nickt und beobachtet, und wenn es ihr zu wild wird, setze ich sie auf meine Schultern. Mir ist klar, dass man die Welt nicht ewig schönreden sollte, irgendwann werde ich ihr alles erzählen: vom Klimawandel, von Kriegen und wie Hase und Hasenbraten zusammenhängen. Ich würde nur einfach gern noch ein bisschen warten.
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Kommentare

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  • Till Hofmann (1) Die Verfälschung der Wahrheit vor den Kindern, im Speziellen "Versteckspiel der Obdachlosen" halte ich für verantwortungslosen Umgang mit Kindern.
    Man kann die Welt nicht schön reden!
    Wie soll ein Kind jemals mit der realen Welt zurechtkommen wenn es in einer scheinbar heilen Welt lebt.
    Ansonsten stimme ich Solvejg Schröder über den Umgang mit der Realität völlig zu.
  • Suse Wald (0) Auch ich halte einige der "Verschönerungen" für unnötig und plädiere dafür, dem Kind altersgerecht einige Böse Dinge der Welt zu erklären- bspsw. statt den Obdachlosen als Versteckenspieler zu erklären, dem Kind erläutern, dass es leider arme Menschen gibt, die sich keine Wohnung leisten können o.ä.

    Aber nun gut, das müssen Eltern selbst entscheiden.

    Gestutzt habe ich allerdings, dass die Änderung bezüglich der Negelein in der Geschichte der "Kleinen Hexe! so still und heimlich von statten ging und nicht begründet wird.

    Waren die (sicherlich zahlreich) eingegangenen Nachrichten diesbezüglich zu nervig, keine Lust mehr gehabt, sich zu rechtfertigen, oder steckt da wahre Einsicht dahinter?
  • Deborah Vici (0) Gedanken erschaffen unsere Realität, die Welt zu Grimms` Zeiten ist nicht mehr dieselbe wie heute. Das sollte uns als Eltern bewusst sein, dass alles was wir sagen, denken und fühlen auch unsere Kinder und uns selbst beeinflusst. Oft übernehmen wir die Muster und Ängste unserer Eltern und Großeltern und geben sie an unsere Kinder weiter. Achtet auf eure Gedanken, damit könne wir die Welt verändern.
  • Solvejg Schröder (1) Einerseits kann ich Sie gut verstehen. Auch meine Tochter war eine ganz sensible. Aber darauf, die Bücher zu zensieren, bin ich nie gekommen. Es wäre mir auch sehr anmaßend vorgekommen, Werke der Weltliteratur nach eigenem gutdünken ?umzudichten?.
    Wenn es meiner Tochter nicht gefallen hat, dann haben wir eben aufgehört zu lesen und zu einem anderen Buch gegriffen. Später haben wir es dann nochmal probiert. So haben wir ?Mio, mein Mio? (ein Liebling meiner Kindheit) z.B. drei Mal angefangen, bis wir es zum Ende geschafft haben. Ritter Kato war einfach zu schrecklich. Und die unendliche Geschichte zwei Mal.
    Auch ich habe Bücher vorgelesen, die ich nicht so toll fand, u. a. auch Conni und Caillou, aber wohl aus anderen Gründen als Sie. Ich habe das auch am Ende des Buches auch immer gesagt und begründet warum. Ich hatte natürlich auch Lieblingsbücher. Die wurden dann immer herausgekramt, wenn meine Tochter das Gefühl hatte, sie hätte etwas gutzumachen.
    Bedenklicher finde ich schon Ihren Umgang mit der Realität. Wir können unsere Kinder vor dem Leben, das wir ihnen geschenkt haben, nicht schützen. Und dieses Leben ist nun mal nicht immer schön. Wir wohnen in der Nähe einer Notunterkunft für Obdachlose im Winter und einige unserer Nachbarn gehen zur Tafel, um sich Lebensmittel zu holen. Ich habe ihr das so gut ich konnte erklärt. Für alles andere gibt es den völlig legitimen Satz: ?Das erklär? ich Dir, wenn Du älter bist!?
    Irgendwann wird Ihre Tochter herausfinden, dass Sie gelogen haben und ihr Vertrauen in Sie wird zutiefst erschüttert werden. Es gibt Kinder, die verzeihen so etwas schnell und es gibt Kinder, die verzeihen so etwas nie. Mir wäre das Riskio einfach zu große, etwas unwiderbringlich in meiner Beziehung zu meinem Kind zu zerstören.
  • Wolfgang Scheidt (0) @Frau Gomis: Aber sonst geht es Ihnen gut? Nur weil Ihnen Herrn Baumanns Artikel nicht passt, fordern Sie die SZ zur Zensur auf? Weder das Grundgesetz noch die Menschenrechte verbieten die Verwendung des Wortes "Neger" und ein "Gleichstellungsgesetz" gibt es nicht, jedenfalls nicht bezogen auf ethnische Herkunft. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz dagegen verbietet lediglich die rassische Diskriminierung bei der Vergabe etwa von Arbeitsplätzen und Wohnungen, nicht aber die Verwendung bestimmter Begriffe. Und was 2013 als Gedankengut antiquiert ist, bestimmen nicht Sie und Ihre politisch-korrekten Gutmenschenfreunde. Wenn Herr Baumann oder sonst jemand Wert auf "Lesetips" von Ihnen legen würde, hätte er schon darum gebeten. Taz-Watch haben Sie alarmiert? Na, da haben wir jetzt aber alle unheimlich Angst. Die naive Dreistigkeit, mit der bestimmte Kreise erwarten, dass sich alles und jeder ihrem ideologischen Diktat unterwirft, ist fast schon wieder amüsant. Ach ja: "Neger".
  • Wolfgang Scheidt (0) Normal entwickelte Kinder kommen durchaus damit klar, dass die Welt nicht immer eitel Sonnenschein ist und sich nicht alle immer liebhaben und um das Tulpenbeet neben dem Goldfischteich tanzen. Das gehört zur Sozialisation und man tut den Kleinen keinen Gefallen, wenn man ihnen die Illusion einer stets harmonischen und gewaltfeien Welt vorgaukelt; das Erwachen wird dann umso schlimmer sein. Ich bin in den 70ern mit Rotkäppchen und dem Wolf und den sieben Geißlein in der Originalversion aufgewachsen, und habe - ebenso wie die gleichaltrigen Kinder verwandter und bekannter Famiien - daran keinen Schaden genommen.

    Und wenn ein Kind wirklich noch nicht reif für ein bestimmtes Buch ist, dann liest man ihm halt was anderes, sanfteres vor. Was aber gar nicht geht ist, dass Werke der Weltliteratur - und zu denen gehören nunmal auch Grimms Märchen - nach Belieben verbogen und zurechtgestutzt werden, wie man es gerade braucht.
  • Georg Schmidt (0) es gab mal einen Zeitabschnitt, da verbarnnte man Bücher-ich hoffe den Kinderbüchern bleibt das erspart-obwohl mir manchmal zweifel kommen !
  • Stephen Immerwahr (0) Hallo Herr Köhler, vielleicht wird aus Ihnen ja sogar noch ein ganz normaler IT-Angestellter, der die Bedeutung des Begriffs Zensur kennt?
  • Klaus Ammon (0) Ich habe 4 Kinder im Alter zwischen 10 und 23 Jahren. Allen meinen Kindern habe ich Abends eine Geschichte oder ein Märchen vorgelesen. Als der Älteste im Kindergarten war, hat Herr Horst Schwarz, ein Märchenerzähler aus Nürnberg, für die Eltern einen Vortrag über Märchen gehalten. Dabei ging es u.a. auch um das Thema Gewalt/Brutalität in Märchen. Herr Schwarz hat empfohlen, die Märchen in der Originalausgabe vorzulesen und ohne Bilder. In der Originalausgabe, weil die damalige Sprache und Ausdrucksweise besser zu den Märchen passe. Ohne Bilder, weil die im Kopf der Kinder entstehen sollen, und weil die Gewalt/Brutalität zwar beschrieben, aber nie dargestellt bzw. ausgemalt wird.
    Als Beispiel nannte er - ich glaube, es war in Schneewittchen - die böse Stiefmutter, die am Ende in glühenden Schuhen tanzen musste bis sie tot war.
    Vorgelesen sei auch eine solch drastische Formulierung kein Problem für die Kinder, denn für Kinder in diesem Alter ist die (Märchen)-Welt einfach. Es gibt Gut und es gibt Böse. Und wenn am Ende das Gute siegt, dann ist die Welt für die Kinder in Ordnung.
    Anders sieht es natürlich aus, wenn der Erzähler den heißen Tanz mit entsprechenden Schreien o.ä. ausschmückt bzw. wenn diese Szene filmisch dargestellt wird. Das sollte man nicht tun.
    Die Argumente von Herrn Schwarz haben uns überzeugt und wir sind seinem Rat gefolgt. Wenn wir Märchen vorgelesen haben, dann aus der Gesamtausgabe der Gebrüder Grimm in der Originalfassung.
    Und ich hatte nicht den Eindruck, dass unsere Kinder dadurch geängstigt wurden.
    Ich muss aber auch sagen, dass bei uns deutlich mehr "andere" Geschichten (Das Sams; Latte Igel; Lippels Traum; Die Wawuschels) vorgelesen wurden als Märchen.
  • Ulrich Köhler (0) Ich bin jetzt 47 Jahre alt. Meine Eltern haben mir regelmäßig die Märchen der Gebrüder Grimm vorgelesen (was zu einer sehr heftigen und andauernden Liebe zur Welt der Bücher geführt hat), und zwar ohne irgendwelche bescheuerten Zensurversuche. Irgendwann, keine Ahnung wie alt ich da war, durfte ich auch die Bilder in der Tagesschau sehen: Vietnam, Kambodscha, RAF, ...
    Großgeworden bin ich im Zonenrandgebiet, und die Mauer liess sich definitiv NICHT wegzensieren. Und was ist aus mir geworden? Ein Psychopath? Ein Banker? Nein, ein ganz normaler IT-Angestellter, der sowohl Zensur wie auch Gewalt grundsätzlich ablehnt.

    Wann wollen Sie denn Ihrer Tochter erklären dass es auch Böses auf der Welt gibt? Wenn Sie das erste Mal von einem älteren Mann begrapscht worden ist (was hoffentlich nie passiert)? Oder wenn der erste Freund vor der Tür steht? Oder wollen Sie wie Carries Mutter Ihr Kind schlagen, wenn es seine erste Monatsblutung hat? OK, 3 Jahre ist noch sehr früh, aber das Kind immer in einer Lillifee-Welt leben zu lassen, kann es das wirklich sein?
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