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aus Heft 26/2013 Gesellschaft/Leben

Besuch in der Kleinstadt

Till Krause  Fotos: Andri Pol

In einem Freizeitpark in Rheinland-Pfalz wurden kleinwüchsige Menschen bis in die Neunzigerjahre ausgestellt wie Märchenfiguren - in Deutschlands einziger »Liliputaner-Stadt«. Unser Autor hat dort als Kind gestaunt. Und heute erst recht: Was war da eigentlich los? Und wie geht es den Menschen 20 Jahre später?



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Das Schaufenster, durch das man in Brigida Saars Wohnzimmer schauen konnte, musste jeden Tag geputzt werden. So verschmiert war die Scheibe von den Händen der Schaulustigen, die an das Glas klopften und riefen: »Guck mal, ein lebendiger Zwerg.« Irgendwann wurde eine Putzfrau engagiert, um abends die Schlieren aus Eiscreme, Mayonnaise und Fettfingern von der Scheibe zu wischen. Die Leute sollten einen ungetrübten Blick haben auf die Attraktion des Freizeitparks: die Wohnung eines Liliputaners. Mit echter Bewohnerin.

Brigida Saar würde man mit ihren 1,20 Metern Körpergröße heute als kleinwüchsig bezeichnen, sie könnte einen Zuschuss für Spezialmöbel beantragen und einen Schwerbehindertenausweis. Im Holiday Park, einer Art pfälzischem Disneyland in Hassloch bei Ludwigshafen, wurde sie Liliputanerin genannt. Sie war eine Sehenswürdigkeit, die mehr als zwanzig Jahre hinter den Glasscheiben eines Schauwohnwagens gelebt hat, angegafft wie ein Wesen aus dem Märchenbuch. Daher kommt der Begriff Liliputaner ja auch: Er bezeichnet die Bewohner der Insel Liliput in Jonathan Swifts Gullivers Reisen aus dem Jahr 1726.

Der Wohnwagen stand in der sogenannten Liliputaner-Stadt des Freizeitparks, zwischen Wildwasserbahn und Streichelgehege. Dort sah es aus wie eine Mischung aus Puppenstube und Modelleisenbahn: Die Häuser waren aus Sperrholz, es gab einen Souvenirladen und einen Bahnhof, alles zugeschnitten auf die 15 Kleinwüchsigen, die dort »heimisch waren«, wie es im Prospekt hieß. Das Publikum konnte ihnen beim Essen, Schlafen und Arbeiten zuschauen.

Einer aus dem Publikum war ich. Ende der Achtzigerjahre, als ich mir die Nase am Wohnzimmerfenster von Brigida Saar platt gedrückt habe, war ich noch in der Grundschule. Der Besuch des Freizeitparks war ein Höhepunkt der Sommerferien. Ich erinnere mich gut an die Liliputaner-Stadt, an meine Verwirrung und Faszination: Die Bewohner der Liliputaner-Stadt waren kleiner als ich, aber sahen in ihren Anzügen und Kleidern aus wie geschrumpfte Erwachsene.

Heute wirkt das alles grotesk. Die Liliputaner-Stadt erinnert an Kuriositätenkabinette des 19. Jahrhunderts, in denen Menschen mit Behinderung als Launen der Natur vorgeführt wurden. Aber die Liliputaner-Stadt gab es bis Mitte der Neunzigerjahre. Sie war das Relikt einer Zeit, als Menschen ausgestellt wurden wie Ponys und Papageien. Und scheinbar hat es keinen gestört. Rainer Brüderle, damals Wirtschaftsminister von Rheinland-Pfalz, freute sich noch 1996 in der Festschrift zum 25-jährigen Jubiläum des Parks, dass die Liliputaner-Stadt, »in Hassloch kein Märchen, sondern Wirklichkeit« sei.

Als Kind fand ich es lustig. Damals habe ich mir nie die Frage gestellt, wie es den Menschen in dieser Puppenstubenwelt eigentlich ging. Wie es war, jeden Tag bestaunt, angefasst und fotografiert zu werden. Heute stelle ich mir diese Fragen umso mehr.

Brigida Saar ist mittlerweile 63 Jahre alt und eine der wenigen ehemaligen Bewohner der Liliputaner-Stadt, die über ihre Erlebnisse berichten können. Viele leben nicht mehr, andere haben seelischen Schaden genommen und sagen am Telefon: »Über diese Zeit werde ich nie wieder sprechen.« Brigida Saar hat den Park Mitte der Neunzigerjahre verlassen, als die Liliputaner-Stadt geschlossen wurde. Sie und ihre Mutter Marianne, 1,12 Meter groß, haben dort mehr als zwanzig Jahre lang gelebt – ein anderes Zuhause als die Schauwohnwagen im Park hatten sie lange nicht.

Saar lebt heute etwa 100 Kilometer vom Holiday Park entfernt in einer Altbauwohnung, die mit hohen Decken und großen Fenstern überhaupt nicht aussieht wie eine Puppenstube. Nur ihr Esstisch ist etwas kleiner. In ihrem Regal stehen Opernführer und Kunstbände, an den Wänden hängen Ölgemälde von Pferden.

Schon bei ihrer Geburt im Februar 1950 war sie eine Sensation: Ihre Mutter Marianne, damals als kleinwüchsige Artistin mit einem Wanderzirkus unterwegs, brachte sie in einem italienischen Krankenhaus zur Welt. Die Zeitungen druckten Bilder aus dem Kreißsaal mit erschöpfter 112-Zentimeter-Mutter und properem 50-Zentimeter-Baby, »lillipuziana« und »gigante« stand darüber. Kleinwuchs wird meist vererbt, ist allerdings bei Babys oft noch nicht erkennbar. Sie wachsen anfangs normal, irgendwann hören sie einfach auf. Brigida Saar war als Jugendliche ausgewachsen. Mit 16, gleich nach der Hauptschule, hat sie sich der Zirkustruppe ihrer Mutter angeschlossen, dem »Liliputaner-Circus« Schneider. »Ich hätte lieber als Buchhändlerin gearbeitet«, sagt sie, »aber mein Leben lief eben anders.« Sie wurde hauptberuflich Liliputanerin, wie sonst hätte sie Geld verdienen sollen im Deutschland der späten 1960er-Jahre, als noch allen Ernstes im Bertelsmann Lexikon stand, dass »Liliputaner zwar keinen Stamm bilden, sich aber gern in Zirkusgruppen zusammenschließen«.

Der Holiday Park ist aus dem Liliputaner-Circus hervorgegangen, der seit Generationen im Besitz der Schaustellerfamilie Schneider war. Auf alten Postkarten sieht man 27 Kleinwüchsige, verkleidet als Cowboy, Prinzessin oder Koch. Brigida Saar war vier Jahre lang Teil dieser Truppe. Ab den Siebzigerjahren lief der Zirkus nicht mehr gut, der Zeitgeist hatte sich gewandelt, eine Show, in der Kleinwüchsige als Prinzessinnen verkleidet waren, war nicht mehr überall gern gesehen. Also haben Erna Schneider und ihre Kinder beschlossen, einen Freizeitpark in der Provinz zu eröffnen, um dort mit dem Zirkus sesshaft zu werden. Auf den ersten Plakaten von 1971 war ein Zwerg mit Zipfelmütze zu sehen.
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Till Krause und Brigida Saar haben festgestellt, dass sie denselben Regisseur verehren: Werner Herzog. Unser Redakteur war beeindruckt, als Saar ihm von ihren Dreharbeiten mit Herzog erzählt hat: In seinem Film Auch Zwerge haben klein angefangen von 1970 spielt sie eine Nebenrolle.

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