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aus Heft 28/2013 Gesundheit

»Ich habe mich oft geschämt«

Alexandra Borchardt und Susanne Schneider (Interview)  Fotos: Oliver Mark

Maria Furtwängler und Ursula von der Leyen: Die Fernsehkommissarin und die Ministerin verbindet nicht nur der erlernte Beruf (beide sind Ärztin), sie teilen auch ein Schicksal - die Demenz ihrer Väter. Ein Gespräch über den langen Abschied.


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SZ-Magazin: Frau von der Leyen, Frau Furtwängler, Sie kennen sich schon länger. Sind Sie auch befreundet?
Ursula von der Leyen:
Ich würde sagen, es ist mehr als kennen. Wir sind befreundet.
Maria Furtwängler: Einverstanden, Ursula. Wir haben uns ziemlich genau vor zwei Jahren bei der DLD Women kennengelernt, einer Technologie- und Innovationskonferenz mit weiblicher Perspektive, die ich als Chairwoman auch diesen Juli leite, und ich war selig, als eine Zusage kam. Und dann musstest du kurzfristig absagen.
Von der Leyen: O Gott!
Furtwängler: Zum Glück gelang es mir, dich zu überreden, doch zu kommen, und ich war so hingerissen von dir.
Von der Leyen: Und irgendwie war von Anfang an viel Verbindendes zwischen uns. Bei der letzten Konferenz haben wir festgestellt, dass wir beide ein Thema haben, das uns besonders verbindet, die Demenz unserer Väter. Wir haben vor den Zuhörern darüber gesprochen, und es war ein bewegender Moment, denn plötzlich stand die Konferenz still.
Furtwängler: Und du hattest mir den Gerontologieprofessor Andreas Kruse aus Heidelberg empfohlen. Und ich bin sehr dankbar, denn mit dem, was er gesagt hat, hat er den Umgang mit meinem Vater nachhaltig verändert.

Was hat er Ihnen gesagt?
Furtwängler: Im Grunde eine Kleinigkeit: Bis dahin habe ich meinen Vater immer beobachtet und beurteilt, mich oft geschämt, dass der eigene Vater so vertrottelt und sich so verändert. Immer denkt man: Mein Gott, das kann er jetzt auch nicht mehr. Professor Kruse hat mir gezeigt, dass ich die Perspektive ändern muss: Nicht mehr beobachten und bewerten, sondern beobachten, was kommt, wenn ich mich öffne, und sehen, was eigentlich noch da ist. Klingt lächerlich klein, aber für mich war das epochal. Ich habe plötzlich den Reichtum all dessen wahrnehmen können, was noch da ist – und es ist unendlich viel da.

Haben Sie das ähnlich erlebt, Frau von der Leyen?
Von der Leyen: Mir ist besonders die Zeit in Erinnerung, bevor die Diagnose gestellt wurde. Mein Vater hatte ja noch öffentliche Auftritte und man fragte sich oft: Was redet er da? Und die Leute rutschen auf ihrem Stuhl rum, aber sie sagen sich, er ist der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident, er darf das. Und er hält dann auch eine schöne, warme Rede, wenn auch nicht ganz am Thema. Nur ich kannte ihn ja gut und fühlte mich deswegen sehr unwohl. Die Scham und das anfängliche Bemühen, alles zu kaschieren, hat es nur noch schlimmer gemacht. Für ihn und mich, weil ich ihn zurückhalten wollte und er auf sein Recht zu sprechen pochte; und für unsere Umgebung, die peinlich berührt war. Erst nachdem ich offen den Alzheimer angesprochen habe, entspannte es sich. Die Menschen hatten Verständnis und mein Vater konnte wieder völlig unkompliziert an allem teilnehmen.

Er selbst hat nichts gemerkt?
Von der Leyen: Zu einem späteren Zeitpunkt hat er gemerkt, dass er Probleme hat mit Namen und Orten. Ich weiß noch, wie wir zusammen im Auto saßen und nach Braunschweig fuhren. Da sagte er: »Ich war beim Arzt. Ich habe Alzheimer.« Und es hat mir, obwohl ich gut ausgebildete Ärztin bin, den Boden unter den Füßen weggerissen, weil in mir sofort der Film ablief vom schrecklich desorientierten, verwirrten, aggressiven, alten Menschen. Und von diesem Moment an habe ich wahrscheinlich das Gleiche gemacht wie du, Maria, ihn nämlich permanent beobachtet: Wird es nun schlimmer? Vergisst er mehr? Jetzt sind acht Jahre vergangen, er ist nie aggressiv geworden, und die Krankheit schreitet ganz, ganz langsam voran.

Wie ist Ihr Vater mit der Diagnose umgegangen?
Von der Leyen: Ich glaube, für ihn war das genauso entsetzlich wie für mich, denn natürlich hat er sofort alles darüber gelesen. Dann hatte er eine tieftraurige Phase. Er sprach darüber, dass man sein Leben selber beenden könnte – obwohl er sehr im Glauben verankert ist. In dieser Zeit hatten wir unendlich Angst, dass er sich etwas antut. Eines Tages sagte er dann: »Ich habe keinen Alzheimer, mir geht es ausgezeichnet. Das Einzige, was ich nicht mehr kann, sind die Namen der Tiere und der Orte.« Inzwischen ist das Verständnis für das Wort Alzheimer völlig verschwunden. Die Krankheit ist darüber weggeglitten und hat ihm das Entsetzen genommen.
Furtwängler: Mein Vater dagegen neigte ohnehin zu Jähzorn, und das ist zu Beginn der Krankheit schlimmer geworden, weil er gemerkt hat, bestimmte Dinge gehen nicht mehr. Ganz großes Thema war das Autofahren.
Von der Leyen: Oh ja, das gab es bei uns auch.
Furtwängler: Da geht es um den Verlust von Autonomie. Und das Autofahren war für ihn immer ganz wichtig, jederzeit überallhin zu können. Und zwar sauseschnell.
Von der Leyen: Menschen aus unserem Ort riefen mich an und sagten: Er ist mir gestern in die Stoßstange gefahren und war ganz verwirrt. Dann habe ich etwas versucht, was wohl alle Angehörigen versuchen, nämlich an seine Vernunft zu appellieren, dass er nicht mehr fahren könne. Aber da bin ich einfach aufgelaufen. Er hat immer gesagt, das lasse er nicht zu, dass ich mich da reinmische.
Furtwängler: Mein Vater wollte bei der Polizei anrufen und den Führerschein einfach noch mal machen.
Von der Leyen: Eines Tages sagte mir jemand beim TÜV, »ab einem bestimmten Punkt müssen Sie den Schlüssel verstecken, sonst kommt noch jemand zu Schaden. Sie sind schon jetzt verantwortlich«. Diesem Rat bin ich irgendwann gefolgt. Es gab fürchterliche Auseinandersetzungen über Wochen.

Können Sie uns bitte den Unterschied zwischen Alzheimer und Demenz erklären?
Furtwängler: Demenz ist der Oberbegriff. Es gibt verschiedenste Demenzformen, die teilweise den Namen des Hirnareals tragen, das sie betreffen. Mein Vater litt zum Beispiel an frontotemporaler Demenz.
Von der Leyen: Dein Vater konnte Orte, Namen und Zusammenhänge noch lange zuordnen.
Furtwängler: Ja, aber körperlich ging vieles nicht mehr. Mein Vater war ein sehr reinlicher Mensch. Plötzlich war es ganz schwierig, ihn unter die Dusche oder zur Zahnbürste zu bringen. Beim Alzheimer dagegen bleibt die Fassade lange erhalten. Die Patienten achten noch sehr lange auf ihr Aussehen.
Von der Leyen: Ja, mein Vater hatte immer seinen Hut auf, wenn er rausgegangen ist. Was die Demenz bei meinem Vater im Anfangsstadium mit sich brachte, war, dass er ohne Arg zu Fremden wie guten Bekannten gleichermaßen offen war, immer seine Kontonummer herausgab, immer alles unterschrieb.
Furtwängler: Das war ganz schlimm. Mein Vater war vollkommenes Opfer von diesen Glücksspielen am Telefon. Dazu kamen jeden Tag ungelogen mindestens 20 Briefe: Herr Bernhard Furtwängler, ich gratuliere Ihnen, Sie haben soeben eine Million Euro gewonnen. Sie müssen nur noch 20 Euro Bearbeitungsgebühr bezahlen.
Von der Leyen: Einer der Briefe hat mich regelrecht rasend gemacht vor Wut: Sehr geehrter Herr Dr. Albrecht, gratuliere, Sie haben gewonnen, Sie müssen nur noch 50 Euro Bearbeitungsgebühr überweisen. Unterschrieben mit: Ihr Fritz Einfalt. Furtwängler: Ja, Einfalt, den hatte ich auch mal.
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Alexandra Borchardt und Susanne Schneider waren sich sicher, dass Ursula von der Leyen kurzfristig das Gespräch würde absagen müssen, so turbulent ging es einen Tag vor der Abstimmung im Bundestag über die Frauenquote zu. Im Zentrum des Hickhacks: Ursula von der Leyen. Aber: Um 17 Uhr 28, zwei Minuten vor dem vereinbarten Termin, kam die Ministerin und sagte, sie freue sich seit Tagen auf dieses Treffen.

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