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aus Heft 30/2013 Fernsehen

Je später der Abend

Seite 2: Weniger Selbstüberschätzung

Stefan Niggemeier  Illustrationen: Peter Oumanski


6. Weniger Selbstüberschätzung

Eine Talkshow ist ein gutes Format, Menschen und ihre Positionen kennenzulernen. Ein gutes Format, um über Themen, die prinzipiell bekannt sind, zu streiten und Argumente auszutauschen. Es ist eines der schlechtesten Formate, um komplexe Zusammenhänge zu erklären.

Es scheitert oft schon daran, Einigkeit über schlichte Grundlagentatsachen herzustellen, weshalb die seit einiger Zeit teilweise in einer Art »Faktencheck« später nachgereicht werden, was aber ja auch nur eine Form der Kapitulation ist.

Die Sendeplätze, die durch eine Reduzierung der Talkshows (Punkt 1) frei werden, könnten für Magazine, Dokumentationen oder andere Erklärbär-Formate genutzt werden, die einfach besser da-rin sind, uns etwas Neues, Komplexes zu erläutern.

7. Weniger Einfalt

Irgendein Anlass findet sich immer, über Supermärkte zu talken, und wenn über Supermärkte getalkt wird, dann selten ohne Stefan Genth. Genth ist Hauptgeschäftsführer des deutschen Handelsverbandes und einer von augenscheinlich nicht mehr als zwei Namen, die in den Adressbüchern der Talkshow-Redaktionen unter »Supermarkt-Themen, Händler-Position« stehen. »Wir müssen aufhören, uns so zu treffen«, könnte er zu Verbraucherministerin Ilse Aigner sagen, die schon bei Jauch, Will und zweimal bei Plasberg mit ihm saß. Wenn es irgendwie um gesundes Essen geht, kommt sicher auch die Köchin Sarah Wiener.

Allein in den vergangenen eineinviertel Jahren fragten die ARD-Talkshows: »Die Supermarkt-Lüge – wie gut und fair kann günstig sein?« (Plasberg), »Das Aldi-Prinzip – Billig um jeden Preis?« (Jauch), »Zu süß, zu billig, zu ungesund – werden wir im Supermarkt getäuscht?« (Will), »Lidl, Aldi, All Inclusive: Deutschland im Billigfieber?« (Maischberger), »Das Aldi-Prinzip – wird Deutschland zur Billig-Republik?« (wieder Plasberg).

An der Quote gemessen funktioniert das Thema – die »Supermarktlügen«-Ausgabe war in der letzten Zeit sogar die Hart aber fair-Sendung mit dem höchsten Marktanteil. Aber an den Umsätzen gemessen funktioniert ja auch Aldi – und trotzdem bleibt die Frage, ob dabei nicht etwas auf der Strecke bleibt. Beim bil-ligen Einkaufen und beim billigen Talk.

8. Weniger Fixierung

Abgesehen vom Sonntagskrimi wird kein Genre so systematisch durchbesprochen wie das der politischen Talkshow. Keine andere Sendung mit Ausnahme von Wetten, dass . .? bekommt eine solche umfassende Aufmerksamkeit von den professionellen Fernsehbeobachtern. Obsessiv wird am nächsten Morgen auf den Online-Seiten der großen Medien nacherzählt, wer was gesagt hat, und bewertet, welcher Moderator dabei eine gute Figur gemacht hat.

Das scheint zu funktionieren, weil sich dann auch diejenigen Leser, die die Sendung nicht gesehen haben, über das jeweilige Thema aufregen können, und die Zuschauer noch einmal. Aber die Fixierung auf die schnelle, flüchtige, billige Nacherzählung tut weder der Fernsehkritik gut noch den Talkshows. Und die Aufmerksamkeit, die die Talks zu viel bekommen, fehlen anderen Sendungen, die sie – im Guten wie im Schlechten – verdient hätten.

Als Günther Jauch noch Stern TV moderierte, konnte er den größten Unsinn erzählen oder preiswürdige Beiträge präsentieren – beides fast ohne Resonanz auf den Medienseiten. Journalisten regen sich darüber auf, dass es scheinbar nur noch Talkshows im Fernsehen gibt, und nehmen selbst kaum etwas anderes wahr.

9. Weniger Schizophrenie

Wenn wir wollen, dass die Talkshows nicht nur als Ritual funktionieren, müssen wir aufhören, sie ritualisiert zu konsumieren.

Noch ermüdender und ritualisierter als die Talkshows ist nur das Gejammer darüber. Die Sendungen müssen weniger und origineller werden, aber die Klagen über sie auch.

10. Weniger Anspruch

Auf dem Höhepunkt der Empörung über die umfassende Abhörung der Welt durch verschiedene Geheimdienste redete Günther Jauch mit seinen Gästen – über Schlaglöcher auf deutschen Straßen. Gab das einen Aufschrei, Spott und Hohn! Wie kann die wichtigste Talksendung im deutschen Fernsehen nur ihre behauptete Relevanz opfern und den eigenen Anspruch, begründet durch den traditionsreichen Sendeplatz, die Kuppelarchitektur, die Inszenierung, den teuren Moderator, so verraten!

Das ist nicht ganz falsch, aber liegt das eigentliche Problem nicht womöglich in genau diesem Anspruch an die Sendung? Im konkreten Fall war auch die Schlagloch-Sendung keine gute Sendung, aber wäre es besser gewesen, wenn Günther Jauch an dem großen Thema gescheitert wäre statt an dem eher läppischen? Was hätte ernsthaft dafür gesprochen, dass sich das komplexe, unübersichtliche Thema von Prism und Co. im Rahmen einer Talkshow – und dann auch noch dieser Talkshow – fruchtbar behandeln ließe (vgl. Punkt 6)?

Kritiker und Zuschauer müssen sich von diesem übersteigerten Anspruch an Talkshows als Ersatzparlament lösen und sie wieder als das sehen, was sie realistisch leisten können: eine Stunde gute Unterhaltung, im besten Fall mit ein bisschen Erkenntnisgewinn.

In den USA, wo der Talk mit Prominenten vor allem in den Late-Night-Shows stattfindet, gibt es einen klaren Anspruch: Es muss unterhaltsam sein. Das ist schwer genug.
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Der Medienjournalist Stefan Niggemeier erinnert sich mit wohligem Grusel an eine Menschen bei Maischberger-Sendung über »Ufos, Engel und Außerirdische« im Jahr 2007. Der ZDF-Wissenschafts-Moderator Joachim Bublath kapitulierte vor dem geballten Wahn der Show mit den Worten »Ich will nicht unhöflich sein, aber ich geh jetzt.« Nina Hagen rief ihm hinterher: »I love it! Evil alien is going home!«

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