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aus Heft 31/2013 Kinder

Und Frieda lebt doch

Bernhard Albrecht  Fotos: Myrzik und Jarisch

21 Wochen, fünf Tage: Laut Lehrbuch hat ein Baby, das so früh geboren wird, nicht die geringste Chance. Heute ist Frieda zwei Jahre alt und ein gesundes Kind. Ihre Eltern, ihre Ärzte, sie selbst: eine Geschichte über Menschen, die nicht aufgeben wollten.


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Das Ziel einer langen Reise
Yvonne und Johannes Halter wollten unbedingt ein Kind, es wurden Zwillinge - geboren in der 22. Schwangerschaftswoche. In manchen europäischen Ländern gelten so frühe Geburten als Spätaborte. Frieda wog bei ihrer Geburt 460 Gramm.


Als sie einander vier Jahre kannten, kauften Yvonne und Johannes Halter* in einer Kleinstadt ein restauriertes Bauernhaus aus dem Jahr 1672. Kachelofen, knarzende Dielen, niedrige Decken. Im großen Garten wollten sie Gemüse anbauen. Hier sollten ihre Kinder groß und sie beide alt werden, das war der Plan.

Wenn die Kinder da wären – sie wollte drei, er zwei –, würde sie ihre Arbeit als Kinderkrippenleiterin aufgeben, er verdiente als Förderschullehrer genug. Als sie drei Jahre lang nicht schwanger wurde, ließen sie sich beide untersuchen. Es lag an ihm. »Ich würde auch adoptieren«, sagte er. »Es gibt so viele Kinder, die gute Eltern brauchen.« Yvonne war ohne Geschwister aufgewachsen und hoffte, als Mutter zu erleben, was ihr verwehrt geblieben war: dass die Kinder ihre Schulfreunde zum Mittagessen mitbringen und nachmittags im Garten toben. Dass die anderen Eltern auf ein Gläschen bleiben, wenn sie sie abends abholen. Dass in ihrem Bauernhaus immer das Leben pulsiert. Sie wollte den Traum vom eigenen Kind noch nicht aufgeben. Zusammen entschieden sie sich für künstliche Befruchtung.

Am 5. Juli 2010 verlegte Johannes bei seiner Mutter im Hof Bodenplatten, als sein Handy klingelte. Yvonne! Tag 14 nach der Befruchtung, am Vormittag hatte sie einen Termin zur Blutentnahme gehabt. »In unserem Leben wird jetzt vieles anders, Johannes«, sagte Yvonne, ihre Stimme brach. »Du wirst Vater!«
 
                                                         *

Tag 25: Zwillinge, eindeutig, der Ultraschall ließ keine Zweifel zu. Vor Yvonnes innerem Auge lief ein Film ab, als ihr Frauenarzt es ausgesprochen hatte. Sie daheim, zwei Babys, das eine schreit nach der Brust, das andere hat die Windeln voll, gleich schließen die Geschäfte. Und Johannes weit weg in der Schule. Wie würde sie allein die ganze Arbeit geregelt bekommen? Johannes freute sich sofort. »Wir wollten doch mindestens zwei Kinder, warum nicht gleich so?«

Yvonnes Bauch wuchs rasch. Bald glaubte sie zu spüren, wie sich die beiden in ihr bewegten. Der Herbst kam, der Himmel blieb den ganzen Tag grau, Regen prasselte auf die Fenstersimse, und durch die alten Mauern drang Feuchtigkeit. Yvonne fühlte sich erschöpft. Eines Morgens hatte sie 39,5 Grad Fieber, eine schwere Grippe, die in eine chronische Nasennebenhöhlenentzündung überging. In diesen Tagen befiel sie eine unbestimmte Angst.

                                                          *

Der Chef der Gynäkologie, Professor Ludwig Spätling, war ein Mann mit grauem Bart und Charisma. Er strahlte Ruhe aus, und Yvonnes Panik schwand allmählich. Nachdem er die Situation erfasst hatte, erklärte er ihr, dass ihr Muttermund sich zu weit geöffnet habe. Die Fruchtblase, in der ihre Zwillinge schwammen, habe sich drei Zentimeter in ihre Vagina vorgeschoben, sie drohe zu platzen. »Aber machen Sie sich keine Sorgen, das bekommen wir in den Griff!«

Der Eingriff dauerte eine halbe Stunde. Spätling legte mit wenigen Stichen ein Kunststoffbändchen um den Gebärmutterhals und zog dieses zu – wie einen Tabakbeutel. »Bis zur 38. Woche werden die beiden es nicht aushalten«, sagte er. In der 38. Woche, wusste Yvonne, leiten die Ärzte bei Zwillingen normalerweise die Geburt ein. Sie wagte nicht zu fragen, was passiert wäre, wenn er nicht so rasch eingegriffen hätte.

Als Yvonne plötzlich heftige Unterleibsschmerzen bekam, war sie genau 21 Wochen und fünf Tage schwanger. Es war Sonntag, der 7. November 2010, seit zehn Tagen lag
sie im Klinikum Fulda. Sie sprang auf und schrie: »Ich glaube, ich habe Wehen!« Ihr Herz raste. Diese Krämpfe!

Dann ging alles ganz schnell. Untersuchungsraum, grelles Licht, kaltes Metall im Körper. Kein Fruchtwasser, sagte der diensthabende Arzt. Schmerzmittel, zurück aufs Zimmer. Sie wehrte sich, rief wieder die Schwester. Das konnten nur Wehen sein, noch nie zuvor hatte sie diese in Wellen wiederkehrenden Schmerzen gespürt! Wieder Gynäkologenstuhl. Der Arzt sagte: »Jetzt kann man es eh nicht mehr aufhalten.« Er wollte sie wieder zurück aufs Zimmer schicken. Sie schrie ihn an: »Sie können mich jetzt nicht alleine lassen! Bringen Sie mich in den Kreißsaal.« Nach wenigen Minuten eilte eine junge Ärztin hinzu, ergriff ihre Hand, beschwichtigte sie, versprach ihr, sie würden jetzt alles tun, um ihr zu helfen.

Als der Anruf aus der Klinik kam, war der Chefarzt der Kinderklinik, Professor Reinald Repp, gerade auf dem Rückweg von einem Wochenendbesuch auf dem hessischen Land bei seinen Eltern. Eine 33-Jährige mit Zwillingen, Schwangerschaft seit 21 Wochen und 5 Tagen. »Die Eltern wollen Maximaltherapie!«, sagte der Oberarzt am Telefon. »Die Zwillinge können unmöglich überleben. Haben Sie das den Eltern gesagt?«, fragte Repp.

*Namen von der Redaktion geändert


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Der Arzt und Autor Bernhard Albrecht hat noch weitere Fälle von Ärzten gesammelt, die nicht aufgeben und Unmögliches versuchen. Und von Patienten, die zu allem entschlossen sind. Sein Buch »Patient meines Lebens. Von Ärzten, die alles wagen« erscheint nun bei Droemer Knaur.

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