Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

aus Heft 33/2013 Gesellschaft/Leben

Einfach treiben lassen

Seite 2: »Alles bleibt, wie es ist«.

Holm Friebe  Foto: Wayne Levin


Solche Sätze, so hirngewaschen sie auf der Kinoleinwand erscheinen, fallen täglich hundertfach in Konferenzräumen der deutschen Wirtschaft. Niemals wird man hingegen in einem Entscheider-Meeting den Satz hören: »Wir wissen nicht, wie sich die Dinge entwickeln. Es gibt zu viele Unwägbarkeiten. Deshalb warten wir lieber mal ab.« Die Reporting-Strukturen verlangen von jeder und jedem Einzelnen andauernde
Rechenschaft darüber, dass etwas unternommen wird und nicht etwa nichts.

Und weil in einer Angst-getriebenen Kultur keiner allein verantwortlich sein mag, sucht man Rat bei Change-Beratern, Trend- und Zukunftsexperten. Sie sind die Schrittmacher und Stichwortgeber aktionistischer Management-Entscheidungen. Wer ihnen opportunistisch folgt, kann sich hinterher zumindest darauf berufen, nicht träge, nur schlecht beraten gewesen zu sein. Aber wie gut sind die Zukunftsprognosen anerkannter Experten?

Philip Tetlock, ein kalifornischer Psychologieprofessor, wollte es genau wissen. Mitte der Achtzigerjahre startete er sein Langzeitexperiment und identifizierte 284 anerkannte Experten auf den Feldern Politik und Wirtschaft, die er unter Zusicherung von Anonymität um eindeutig falsifizierbare Zukunftsprognosen bat. Die Antworten glich er dann mit den realen Entwicklungen ab und sammelte auf diese Weise knapp 28 000 Daten-Einträge an belastbarer Empirie ein.

Die Ergebnisse, veröffentlicht 2005 im Buch Expert Political Judgement, sind ein Schlag ins Kontor der Experten-Zunft. Im Großen und Ganzen war die Güte der Prognosen nicht besser als der nackte Zufall. Sie wären »von einem Dartpfeile werfenden Schimpansen geschlagen worden«, schreibt Tetlock. Die Qualität variierte je nachdem, ob Experten einen breiteren Fokus und größere Demut vor zukünftigen Unwägbarkeiten aufwiesen oder an »Overconfidence« litten, an übertriebenem Selbstvertrauen und Überschätzung des eigenen Spezialthemas.

Der eigentlich überraschende Befund jedoch: Beide Lager verlieren gegen die konservative Null-Hypothese (»no change rule«). Im Klartext: Jemand, der immer und überall prognostiziert: »Alles bleibt, wie es ist«, hätte in Tetlocks Experiment eine höhere Trefferquote gehabt als das Gros der Experten. Bei allen, deren Geschäftsmodell darin besteht oder davon abhängt, Wetten auf die Zukunft einzugehen, müsste dieses Ergebnis eine heilsame Skepsis auslösen: gegen den allseits im hohen Ton des Alarmismus verkündeten »disruptiven Wandel«.

Die simple Wahrheit hinter diesem Zukunfts-Bias: Menschen mögen keinen Wandel. Sie tolerieren ihn nur dann, wenn eine klar erkennbare Verbesserung ihrer Lebensumstände damit einhergeht. Anders als Change-Manager und Berater ziehen sie keinen Nutzen aus der Veränderung um ihrer selbst willen, der Innovation als Selbstzweck. Als die britische Radiostation BBC 4 im Jahr 2005 ihre Hörer befragte, welches die beste Erfindung seit 1800 sei, gewann mit absoluter Mehrheit von 59 Prozent: das Fahrrad. Das Internet landete mit vier Prozent der Stimmen abgeschlagen auf Platz sieben.

Was also tun gegen den Action Bias in Geschäft und Alltag? Als Antidot gegen die »Neomanie«, die naive Begeisterung für das Neue, bietet Nassim Nicholas Taleb, derzeitiger Star unter den Management-Einflüsterern und Erfinder der »Schwarzen Schwäne«, in seinem aktuellen Opus magnum »Antifragilität« eine einfache Faustformel an: Technologien, die es schon seit über fünfzig Jahren gibt, werden auch in fünfzig Jahren noch Bestand haben. Bei jüngeren Technologien sollten wir davon ausgehen, dass das meiste vom »Bullshit-Filter der Geschichte« ausgesiebt wird. Die Zukunft in fünfzig Jahren dürfte demnach viel mehr Ähnlichkeit mit der Gegenwart haben, als wir gemeinhin annehmen.

Schützenhilfe für die Stein-Strategie des aktiven Abwartens und Füße-Stillhaltens kommt zudem aus unerwarteter Richtung: Frank Partnoy war Wall-Street-Anwalt und berät Firmen, die ihr Geschäft mit High-Frequency-Trading machen, also mit Wertpapierhandel im Millisekundenbereich. Sein unorthodoxes Buch Wait. The Art and Science of Delay zeigt, wo überall Warten über Schnelligkeit triumphiert: von Tennis-Profis, die einen Wimpernschlag länger zögern, bevor sie sich für eine Ecke entscheiden, über Comedians, die das Publikum in Rage bringen, indem sie die Pointen hinauszögern, bis zu Medizinern, die eine bessere Diagnose stellen, indem sie gegen die eigenen Bias ankämpfen und ihr abschließendes Urteil über den Patienten möglichst lange offenhalten. Die Gabe, vor wichtigen Entscheidungen innezuhalten, scheidet gute Strategen von Trend-Opportunisten.

Partnoys Kernbotschaft lautet deshalb: »Die besten Profis verstehen, wie viel Zeit sie zur Verfügung haben, um eine Entscheidung zu fällen, unter Maßgabe dieses Zeitfensters warten sie dann, so lange sie irgend können.« So wie die Anleger-Legende Warren Buffett, den Partnoy als leuchtendes Beispiel für die Kunst des Lauerns, des Wartens, des langen Atems anführt. Seine Investmentstrategie beschrieb Buffett einmal als »Lethargie an der Grenze zum Faultierhaften«. Angela Merkel hat das längst begriffen und in Regierungspolitik umgemünzt. Auch wir könnten uns eine Scheibe davon abschneiden. Die größte Baustelle, um den Action Bias an den Wurzeln zu bekämpfen, ist und bleibt die Arbeitswelt: Es gibt viel zu tun – lassen wir es bleiben!


»Relax! You’ll Be More Productive« war im Februar 2013 ein Beitrag in der New York Times überschrieben, der den aktuellen Forschungsstand zum Thema Produktivität referiert: »Paradoxerweise könnte der beste Weg, mehr erledigt zu bekommen, sein, weniger zu tun.« Ein wachsender Korpus interdisziplinärer Studien belege, dass, wer mehr Zeit mit rekreativen Tätigkeiten außerhalb des Büros verbringt, nicht nur gesünder lebt, sondern in absoluten Zahlen produktiver ist. Vielleicht begreifen unsere Arbeitgeber ja irgendwann, dass viel nicht viel hilft und weniger oft mehr ist – wenn schon die Gewerkschaften das Thema Arbeitszeitverkürzung aus unerfindlichen Gründen drangegeben haben.

Vielleicht muss man aber noch grundsätzlicher ansetzen: Jeder – Politiker, Manager oder Experte – wird einstimmen, dass die einzige Konstante der Wandel ist und das Tempo dieses Wandels ein nie gekanntes Ausmaß erreicht hat. Aber wahrscheinlich trügt – Internet hin, Finanzkrise her – der Eindruck, dass wir in besonders bewegten, dynamischen und aufregenden Zeiten leben. Vermutlich handelt es sich bei dieser kollektiven Wahrnehmung um eine Form der »Gegenwartseitelkeit«, wie es der
Zukunftsforscher Matthias Horx nennt: die Überzeugung, einen exponierten Platz in der Geschichte einzunehmen, an dem die Dinge eskalieren und sich dramatisch zuspitzen.

Selbst die psychosomatischen Reaktionen auf die gefühlte Beschleunigung, Stress und Überforderung der modernen Existenz, sind keineswegs neu. Die Modekrankheit Burn-out mit ihren Symp-tomen Erschöpfung und Überreiztheit war vor exakt einem Jahrhundert ähnlich verbreitet wie heute. Damals nannte man sie »Neurasthenie«, und jeder europäische Großstadtbewohner, der mit der Zeit ging und es sich leisten konnte, litt darunter.

Die Spirale aus Gegenwartseitelkeit und gesellschaftlichem Action Bias zu durchbrechen würde bedeuten, die Gegenwart und die eigene Rolle darin nicht so wichtig zu nehmen. Es würde heißen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, dem tagesaktuellen Bullshit zu entsagen und sine ira et studio, gelassen und zielgerichtet, dem eigenen Tagwerk nachzugehen:

Keep calm and carry on!
Anzeige


Seite 1 2

Als »toungue in cheek« bezeichnet man eine Sonderform der britischen Ironie, die die Dinge zwar todernst meint, aber nicht ganz. Holm Friebe hatte sich schon seit Längerem vorgenommen, endlich einen todernst gemeinten Strategie-Ratgeber zu schreiben. Mit Die Stein-Strategie. Von der Kunst, nicht zu handeln wäre es ihm fast gelungen. Die Buchpremiere findet am 19. August im Radialsystem in Berlin statt.