bedeckt München 12°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 37/2013 Gesellschaft/Leben

Zeichen einer anderen Zeit

Andreas Bernard und Justin Jampol 

Das Grenzschild am Checkpoint Charlie war eines der bekanntesten Symbole des Kalten Krieges. Seit fast 25 Jahren steht es in Berlin im Museum. Ein Amerikaner behauptet aber, das Schild 1990 gestohlen zu haben und es in seinem Haus in Los Angeles zu lagern. Welches ist das Original?

Das berühmte Sektorenschild am Checkpoint Charlie: einmal an seinem angestammten Platz, auf einem Foto von 1976 …
Bildergalerie: 1 2 weiter

Anzeige
Ein Haus in den Hollywood Hills von Los Angeles, fünf Autominuten oberhalb des Sunset Boulevards. Von der Terrasse aus könnte man, wenn nicht einer der Hügel die Sicht versperren würde, die weltbekannten Buchstaben des »Hollywood«-Schildes sehen, sie sind nur ein paar Kilometer Luftlinie entfernt. Noch viel näher jedoch liegt ein Schild, das genauso berühmt und zweifellos geschichtsträchtiger ist. Denn in der Garage des Hauses von Alan Wolan, dem 50-jährigen Inhaber einer Werbeagentur, steht die »You are leaving the American Sector«-Hinweistafel vom Checkpoint Charlie, die auf der Friedrichstraße in Berlin 29 Jahre lang den Grenzübergang markiert hat. Wolan hat sie zusammen mit drei Freunden im Sommer 1990 gestohlen.

Wie kommt dieses historische Schild, neben der Mauer das materielle Symbol des Kalten Krieges schlechthin, ins fast 10 000 Kilometer entfernte Kalifornien? Steht es nicht seit fast 25 Jahren im Museum, als prominentes Exponat der öffentlichen Erinnerung an die deutsche Wiedervereinigung? Wer heute das »Haus am Checkpoint Charlie« besucht, jene überquellende Ausstellung, die in Berlin die Darstellungshoheit über die Ereignisse an den Berliner Grenzübergängen besitzt, kann in einem Sonderraum auch die viersprachige, ursprünglich auf gut zwei Meter hohen Holzpfosten angebrachte Hinweistafel sehen. Nach Angaben des Museums ist es das Originalschild, das bis Anfang 1991 dort gestanden habe. »Es wurde uns ein paar Monate nach der Auflösung des Checkpoint Charlie im Juni 1990 von der amerikanischen Militäradministration übergeben«, sagt Alexandra Hildebrandt, die heutige Direktorin. Von einem Diebstahl hat sie nie gehört. (Am unteren linken Rand des Schildes im Museum ist eine kleine »16« angebracht, ein Kennzeichen, das in diesem Detektivspiel der Zeitgeschichte noch eine Rolle spielen wird.)

Alan Wolan arbeitet im Frühsommer 1990 direkt am Checkpoint Charlie. Er betreibt dort ein Geschäft für Berlin-T-Shirts und abgepackte Mauer-Splitter. »Gleich am 9. November 1989, als ich in New York die Bilder aus Deutschland im Fernsehen sah«, erzählt er, »habe ich mich entschieden, dorthin zu gehen. Mir war klar, dass Tausende von Touristen im kommenden Jahr nach Berlin kommen würden. Der Laden würde eine Goldgrube sein.« Er ist damals Mitte zwanzig, kündigt seinen Job in einer Werbeagentur, zieht nach Berlin, in eine kleine Wohnung in Neukölln, und findet nach längerer Suche einen Laden an der Ecke Friedrich- und Kochstraße, im
unbenutzten Nebenraum einer türkischen Bäckerei. Sein Geschäftskonzept geht auf: Mit seinen Wiedervereinigungs-Souvenirs verdient er schon innerhalb weniger Monate ein kleines Vermögen.

Am 22. Juni findet praktisch vor Alan Wolans Ladentür der feierliche Abbau des Grenzpostens statt, in Anwesenheit der vier alliierten Außenminister. Die historische Kontrollbaracke wird mit einem Kran abtransportiert (und ist heute im Alliiertenmuseum in Dahlem ausgestellt). Als die Festlichkeiten, ein wichtiger symbolischer Schritt auf dem Weg zur Einheit Berlins und Deutschlands, an diesem Tag vorbei sind, ist das Epizentrum des Kalten Kriegs, der Grenzübergang für Ausländer und Diplomaten, auf seiner westlichen Seite verwaist. Kein amerikanischer Soldat bewacht mehr jene Schleuse, die nicht nur die Berliner Bezirke Mitte und Kreuzberg, sondern auch zwei Weltsysteme teilte. Alan Wolan hat noch etwas länger in seinem Laden zu tun, und als er entdeckt, dass die Hinweistafel im Gegensatz zum Grenzhäuschen noch nicht abtransportiert wurde, konkretisiert sich in seinem Kopf eine irrwitzige Idee.

»Ich hatte mit dem Gedanken schon bald nach der Eröffnung des Ladens gespielt: Wäre es nicht das Größte, dieses Schild zu besitzen? Ich weiß auch nicht, warum es den Festakt unbeschadet überstanden hat.« Der Historiker Florian Weiß, im Alliiertenmuseum für Amerika zuständig, begründet dieses Rätsel damit, dass die Schließung des Grenzpostens damals allzu flüchtig geplant wurde, im Rahmen eines kurzfristig anberaumten Außenministertreffens. Die Einbeziehung des Schildes in den feierlichen Abbau wurde vermutlich einfach vergessen. Alan Wolan jedenfalls besorgt kurz vor Ladenschluss ein paar Sägen im Baumarkt und mietet einen Transporter bei Robben & Wientjes an. Dann telefoniert er mit seiner deutschen Freundin und einem Bekannten, der ihn mit T-Shirts beliefert; er sagt ihnen, dass die lang angekündigte Idee nun Wirklichkeit werden könnte. »Wir saßen bis zum späten Abend in Kneipen herum, Dörte, Matthias, seine Freundin Kirsten und ich.« Irgendwann fahren sie los, durch Kreuzberg in die Friedrichstraße, stellen den Transporter an der Ecke Zimmerstraße ab und packen ihr Werkzeug aus.

»Das Absägen dauerte vielleicht 15 Minuten. Alles lief glatt – außer dass wir zwischendurch plötzlich sahen, dass zwei junge DDR-Soldaten vom östlichen Teil des Grenzpostens, der ja noch besetzt war, auf uns zukamen.« Sie verstecken die Sägen, tun so, als ob sie amerikanische Touristen auf einem nächtlichen Spaziergang wären, und schaffen es tatsächlich, ihre Aktion zu verheimlichen. Als Wolan und seine »partners in crime«, wie er sie heute noch nennt, fertig sind, laden sie die massive Holztafel in den Transporter und fahren damit zu Kirsten. Ihr Apartment ist am wenigsten hoch gelegen, im ersten Stock. Dort steht das Schild die ers-te Zeit, bevor die vier es in die unter dem Dach gelegene Wohnung Alans hinauftragen. Hier, in einer unaufgeräumten Garage in Los Angeles, 25 Jahre später und 10 000 Kilometer entfernt, kann man sich an Ort und Stelle davon überzeugen, wie schwer diese Arbeit gewesen sein muss. Das Schild lässt sich zu zweit kaum anheben.
Anzeige

Seite 1 2

Justin Jampol ist Gründer des »Wende Museums« in Los Angeles, der größten Sammlung von Kunstwerken und Alltagsgegenständen der DDR außerhalb Deutschlands. Er erzählte Andreas Bernard vor einigen Monaten von einem Besucher seines Museums, der ihm ein mysteriöses Geheimnis anvertraut hätte.

  • Gesellschaft/Leben

    Sätze, die plötzlich

    Viele Menschen formulieren ihre Gedanken nicht mehr zu Ende. Unser Autor findet: Eine Sprache, die mit wenigen Worten auskommt, hat umso mehr Charme.

    Von Till Krause
  • Anzeige
    Gesellschaft/Leben

    Na, geht's dir gut?

    Laufend fragen wir einander, ob es uns gut geht. Dabei will niemand eine ehrliche Antwort.

    Von Marc Baumann
  • Gesellschaft/Leben

    Ein Mann löst sich auf

    In der Abi-Zeitschrift wurde unser Autor noch als »dicker Clown« bezeichnet. Dann verlor er so viel Gewicht, dass er fast gestorben wäre. Für uns beschreibt er seinen zehnjährigen Kampf mit der Magersucht - als einer der wenigen Männer, die an dieser Krankheit leiden. 

    Text: Anonym