Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

aus Heft 38/2013 Gesellschaft/Leben

Daheim in der Hüpfburg

Lara Fritzsche  Fotos: John Tully

Es war einmal: Ein Tüftler mit kindlichem Gemüt, der sein Haus zum Spielparadies umbaute.

Das vierte Stockwerk seines Hauses ist ein Trampolin
Bildergalerie: 1 2 3 4 weiter

Anzeige
Der Griff des Frühstücksmessers, das rote Wachs, das den Babybel-Käse umschließt, ineinandergestellte Joghurtbecher - alles interessant für Jaimie Mantzel. Er sieht die Dinge anders als wir. Wie anders, wird klar, wenn man seinem Blick folgt - oder vielmehr den Schwenks der Kamera, die er oberhalb der Augen an seinem Kopf befestigt hat.

Vom Frühstücksmesser wandert Mantzels Blick zu einem feinen Skalpell auf der Werkbank gegenüber, und er beginnt, zurück am Tisch, in den Griff des Frühstücksmessers eine Bärentatze zu schnitzen. Auch zu den Joghurtbechern ist ihm was eingefallen; er spült sie aus und steckt sie lose ineinander. Nach dem gleichen Prinzip will er mal eine Hängebrücke aus Wassertonnen bauen. Vielleicht nächste Woche. Das Wachs vom Babybel kann er auch nicht unangerührt liegen lassen. Seine Finger kneten an der roten Masse herum, bis sie zwei Männchen geformt haben. Die wird er später am Computer animieren - und in ein Videospiel einbauen, genau wie die Spinne, die er mal aus Eisstielen, Zahnstochern und kleinen Motoren gebastelt hat.

Die wird inzwischen von der britischen Spielzeugfirma Wow! Stuff in Serie produziert. »Stryder« und »Doom Razor« heißen die zwei Versionen seiner Eisstiel-Spinne aus Plastik, und es gibt sie in jedem Toys "R" Us-Laden in den USA. In Deutschland kann man sie übers Internet bestellen. Manchmal schreiben ihm die Geschäftsführer der Firma freundliche E-Mails und bitten um ein paar neue Ideen. Aber so funktioniert das bei Mantzel nicht. Er ist kein Spielefinder, er ist ein Spielkind, das manchmal was erfindet - aber viel lieber mit seinen Töchtern Aurora, zwei, und Bellatrix, eins, Affenfamilie spielt: Bäume hochklettert und in den Wipfeln dicke Taue verknotet, um sich, mit den Kindern an den Körper geschnallt, daran von Baum zu Baum zu schwingen.

Zur Geburt seiner Tochter Aurora baute Mantzel ein überdimensionales Trampolin in sein Haus. Oberhalb des dritten Stockwerks zog er Streben und Balken und hängte ein Sprungnetz ein. Aus dem runden Haus wurde eine Hüpfburg. Die fassungslose Begeisterung seiner Besucher kontert Mantzel immer mit gespielter Lässigkeit: Was denn daran so ungewöhnlich sei, dass man für den Nachwuchs das Dachgeschoss ausbaut?

Früher war er Bauarbeiter. Vor zehn Jahren, abends nach der Arbeit, las er eine Annonce für dieses Waldgebiet in Vermont, auf dem er heute lebt: zehn Hektar nichts als Wald und Felsen, Vögel, Biber und Elche. Noch in der Nacht fuhr er von Boston Richtung Norden und kaufte den Fleck Erde. Heute steht darauf das runde Haus, das er bewohnt. Seine Freundin lernte er vor sechs Jahren während eines Florida-Urlaubs kennen, sie schmiss ihren Job als Kellnerin und zog zu ihm. Auch sie bastelt, am liebsten Handpuppen. Die drei Verpflichtungen in ihrem Leben teilen sie sich: Kinder erziehen, Grundwasser hochpumpen, alle paar Tage beim acht Kilometer entfernten Biobauernhof einkaufen gehen. Strom liefern die Solarpanele auf dem Dach. Mehr Alltag wollen sie nicht. Aber mehr Spaß geht immer.

Anzeige

Lara Fritzsche war als Kind die Heimwerk-Handlangerin ihres Vaters, musste ihm immer die richtigen Werkzeuge anreichen. Als sie auszog, durfte sie sich ein paar Teile aus der Garage aussuchen. Ihr erster Griff galt der Bohrmaschine. Sehr emotionaler Vater-Tochter-Moment.

  • Gesellschaft/Leben

    Wer zuletzt qualmt, qualmt am besten

    Langsamrauchen, das klingt erstmal nicht nach spannendem Sport. Bei den Meisterschaften fieberte unser Autor jedoch unerwartet mit – bis schließlich das »große Sterben« begann.

    Von Frank Lorentz
  • Anzeige
    Gesellschaft/Leben

    MeToo - und nu?

    Es wurde viel debattiert über »MeToo«, die Bewegung gegen Sexismus - doch wie lässt sich die Debatte in Gesellschaft und Alltag übertragen? Unsere Autorin hat den Selbstversuch gewagt und Sexisten mit deren Aussagen konfrontiert.

  • Gesellschaft/Leben

    Das Ufo-Büro der britischen Regierung

    Fast sechzig Jahre lang betrieb das britische Verteidigungsministerium ein Büro, das die vermeintlichen Ufo-Sichtungen von Bürgern prüfte. Die eingeschickten Bilder sind oft irrwitzig – und wurden deutlich zahlreicher, als "Krieg der Sterne" ins Kino kam.

    Von Lara Fritzsche