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aus Heft 40/2013 Wirtschaft/Finanzen

Unter Nehmern

Lorenz Wagner  Illustration: Luke Pearson

Twitter ist schon zehn Milliarden Dollar wert und könnte noch größer werden als Facebook. Dabei hat der Kurznachrichtendienst viele Jahre keinen Cent Gewinn gemacht. Jetzt drängen die Investoren - und wollen Geld sehen. Das stellt alles auf den Kopf. Ein Blick hinter die Kulissen der spannendsten Firma der Welt.

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Lange lebte Twitter allein vom Geld der Investoren. Nun geht die Firma an die Börse. Twitter-Vogel Larry muss geschäftstüchtig werden.


Uh, Miley Cyrus ist da. Im silbern gestreiften Schwänzelhöschen. Im Büro! Die Mitarbeiter könnens kaum glauben: Nur hin, fotografieren. Und twittern.

Uh, am Empfang hält sie sich einen falschen Schnurrbart vor.
Uh, sie streckt die Zunge raus.
Uh, sie spielt Flipper.
Uh, sie trifft den Chef, im Flur. Ha! Wie er schaut, knapp an ihrem tiefen Ausschnitt vorbei.

Weiter gehts, in die Kantine, auf die Bühne, vor Hunderte von Leuten. Twitter, sagt die Musikerin, ist voll cool. Ja, natürlich, antworten die Mitarbeiter, sogar der Papst twittert. Wie, fragt Miley, der auch? Ja, der auch. Gelächter in Twitters Hauptquartier in San Francisco.

Es ist ja auch ein schräger Besuch, nicht nur wegen Mileys Getue. Hatte sie sich nicht einst von Twitter losgesagt? »I want my private life private« hatte sie gesungen und ihr Profil gelöscht. Na ja, da war sie noch ein Mädchen. Nicht geschäftsfähig. Und überhaupt: Was interessiert sie ihr Gezwitscher von gestern. Wir haben 2013, genauer, den 4. Juni. Ihre neue Platte kommt raus. Als Miley nach rund zwei Stunden wieder fährt, zwitschert ihr Twitters Musikdienst #music großmäulig hinterher: »Ein Besuch in Twitters Headquarter, und Miley ist Nummer eins in den Charts.«

Es ist ein wundersamer Ort, dieses Headquarter, 1355 Market Street: Ein Art-déco-Haus mit endlosen Fluren, in den Nischen reihen sich gläserne Denkwaben, an den Wänden hängen Rehköpfe, vor den Klospiegeln stehen Einweg-Zahnbürsten, in der Kantine gibt es ein DJ-Pult, und schließlich ist da diese Dachterrasse – ein sonnenheller Garten über der Stadt, Bäume, Hecken, Wiese, Liegestühle. Amerikas neue Traumfabrik. An diesem Ort werden Karrieren angeschoben, Millionen gemacht. Von Kunden, Mitarbeitern, Investoren. Bald geht Twitter an die Börse. Es ist der letzte Schritt eines großen Abenteuers.

Vor nicht allzu langer Zeit, als Miley den Kurznachrichtendienst noch verleugnete, war Twitter für viele nur eine Mode, ein Kanal für Schwätzer und Hetzer, die meinten, sie müssten aller Welt mitteilen, dass sie sich gerade die Zehen pulen und die da oben voll scheiße finden. Ausgerechnet dieser Dienst aber hat sich aufgeschwungen, die Welt zu verändern. Hier entscheidet sich, was Nummer eins wird, hier verkündet Barack Obama seinen Wahlsieg, hier erkämpfen sich Völker Freiheit. »Twitter ist meine Lieblingsstadt, ich kann mit jedem reden«, sagt der Künstler Ai Weiwei. Und das Time Magazine stellt die Väter Twitters in eine Reihe mit Alexander Graham Bell, dem Erfinder des Telefons.

Einer der drei Twitter-Väter, Jack Dorsey, steht in diesem Juni ein wenig ratlos auf der Dachterrasse. Wer hat sich denn hier rotzlöffelhaft die schönsten Plätze reserviert? Eine Flasche steht auf dem Tisch, ein iPad liegt daneben, von den milchbärtigen Besitzern keine Spur, jetzt, da der Platz ihnen gehört, holen sie schlurfig ihr Mittagessen. Dorsey zögert kurz, dann zieht er ab nach rechts, zu einem schäbigen Hocker, auf den eine Miley Cyrus ihren silberglänzenden Hin-tern sicher nicht senken würde.

Wenn sie ein Star ist, so ist Jack Dorsey ein Superstar. 36 Jahre alt, Milliardär, Sonnenbrille, schwarze Jeans, schwarzer Pullover, schwarze Haare. Blass ist er, das Gesicht fast ohne Regung, die Stimme gleichförmig, die Sätze karg. Nur keine Silbe zu viel. Mr. 140 Zeichen.

Am Rand der Dachterrasse hämmert ein Presslufthammer. »Stop it!«, brüllt eine Mitarbeiterin rüber. Dorsey sagt nur: »Ich liebe den Lärm der Stadt.« Er war immer ein wenig anders. Als Kind behängte er sein Zimmer mit Stadtplänen. Und ständig überlegte er, was wohl gerade in den Straßen geschieht. Er begann, Funkfrequenzen abzuhören. So konnte er die Stadtpläne mit Leben füllen, mit Feuerwehr und Krankenwagen, am Rechner, in Echtzeit. Eine Beschäftigung, die manche Eltern mit einem Kinderpsychologen besprochen hätten.

Eine Weile dauerte es natürlich, ehe sich Jacks Verhaltensauffälligkeit zur
Revolution auswuchs. Er ließ sich derweil Dreadlocks filzen und einen Nasenring stechen, vertat ein wenig Zeit als Masseur und Jeans-Designer und landete schießlich als Programmierer bei einer kleinen Firma, die Podcasts entwickelte. Langweilig. Wen interessieren schon Podcasts!?

Da das Geschäft schlecht lief, ermunterten die Chefs ihre Mitarbeiter, Ideen zu suchen. Jack ging also mit zwei Freunden in einen Park, sie setzten sich auf einen Spielplatz, quatschten, und irgendwann sagte Jack: Es wäre doch cool, wenn man seinen Freunden mitteilen könnte, was man gerade macht. Und mitkriegen, was in der Stadt so läuft. Der Aufguss seiner Kindheitsschrulle. Und die ewige Teenie-Frage »Was geht?« übertragen in die neue, technische Zeit.

Ja, sagten die Freunde auf dem Spielplatz, endlich mal was, das sie selbst gerne hätten. Was jeder gerne hätte. Jeder will wissen, was gerade läuft. Bei den Kumpels. In der Stadt. Auf der Welt. Beim »White Stripes«-Konzert, beim Super Bowl, auf dem Tahrir-Platz. Am liebsten sofort und überall. Und das war nicht möglich. Zeitungen erzählen von gestern, der Fernseher steht zu Hause, Webseiten berichten selten in Echtzeit, und SMS und Facebook sind nicht öffentlich. So einfach erklärt sich die Kraft Twitters, auch die wirtschaftliche. Die besten Geschäftsideen stillen einfach ein Bedürfnis.

Nun ist eine Idee alleine oft nichts wert. Der Gedanke, es wäre cool, aus weiter Ferne miteinander sprechen zu können, wurde erst zum Geschäft, als Alexander Graham Bell eben den Fernsprecher erfand. In unserer Zeit sind solche großen Erfindungen in der Kommunikation eher selten Apparate, öfter Programme, genannt Protokolle. Eines hat das World Wide Web möglich gemacht, eines die E-Mail.

Twitters Protokoll spielt in dieser Liga. Und es gehört nicht, wie die anderen, der Menschheit, es gehört einer Firma. Die Welt sollte noch eine Weile brauchen, bis sie dies entdeckte; die Inves-toren aber, die Glücksritter unserer Zeit, sahen die Gelegenheit, ihnen tropfte von Beginn an die Gier aus den Knopflöchern. Was für ein Wert, sagten sie. Und dachten so anders als Jack, der junge Nerd mit seinem klapprigen Laptop. Selbst heute, wo er Milliardär ist, funktioniert sein Kopfkasten ganz anders als der eines Investors. »Money?«, sagt er und hebt eine Braue. »Nicht das Geld treibt die Firma«, sagt er, »es ist die Idee.«

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Bisher nur vier Tweets - das sei schon ganz schön dürftig, tadelte Twitters Vizechefin Katie Stanton, nachdem sie sich das Profil von Lorenz Wagner angeschaut hatte. Sie hat bald 14 000 geschrieben. Wagner versucht aufholen, aber da er ständig die Tweets von Katie liest, kommt er nicht dazu.

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