Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 21°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 41/2013 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Darf man mit Standing Ovations den Zuschauern hinter sich die Sicht versperren?

Anzeige
»Nach einer begeisternden Aufführung der Münchner Philharmoniker sprang eine Dame vor meiner Nachbarin auf, um Beifall zu klatschen. Meine Nachbarin bat die Dame, sich zu setzen und die Sicht freizugeben. Die Dame weigerte sich entrüstet und setzte ihre Standing Ovations fort. Wer war im Recht?«  Frauke N., Landsberg


Betrachtet man das Geschehen unvoreingenommen, muss man feststellen, dass das stille Sitzen während einer Aufführung höchst unnatürlich ist: Theater, Oper und Konzert bemühen sich, die Besucher möglichst zu ergreifen, Emotionen zu erzeugen. »Aber alle äußeren Reaktionen darauf unterbleiben. Die Menschen sitzen regungslos da, als brächten sie es fertig, nichts zu hören. Es ist klar, dass eine lange, künstliche Erziehung zur Stockung hier notwendig war, an deren Ergebnisse wir uns bereits gewöhnt haben.« Schreibt Elias Canetti in Masse und Macht. Und tatsächlich ist diese Ruhe im 18. und 19. Jahrhundert über Hausordnungen, Theatergesetze und spezielle Wachpersonen, Theaterpolizei durchgesetzt worden. Selbst der Applaus war lange Zeit umstritten. 

Im Wiener Burgtheater etwa galt bis 1983 das sogenannte Vorhangverbot von Kaiser Joseph II. aus dem Jahr 1778: Die Schauspieler des Ensembles durften sich nach dem Stück nicht zur Entgegennahme des Beifalls vor dem Vorhang zeigen und verbeugen, »weil dadurch der Eindruck der darzustellenden Handlung gestört würde«. Es baut sich also während der Vorführung eine emotionale Spannung auf, die sich am Ende über den Applaus entlädt. Mit der Beschränkung, dass sich von allen Möglichkeiten, die es dafür gäbe, das rhythmische Aufeinanderschlagen der Hände als Standard durchgesetzt hat; und als mehr oder weniger einzige Steigerung, es im Stehen zu tun.

Standing Ovations sind also nicht nur ein Zeichen der Hochachtung, sondern ein ganz natürlicher Ausdruck der Emotion. Insofern verwundert es nicht, dass sie von Künstlern und Theatern gerne gesehen werden, zumal sie in anderen Ländern weitaus üblicher sind. Deshalb halte ich diese Beifallskundgebung auch hierzulande für angemessen und legitim, selbst wenn sie den dahinter Sitzenden die Sicht versperrt. Naturgemäß.

---

Literatur:

Alexander Lechner: "Applaus". Publikumskundgebungen vom Affekt zur Konvention. Fragmentarische theaterhistorische Untersuchung des Beifalls. Diplomarbeit zum Magister der Philosophie (Mag. Phil.), Universität Wien 2009

Roland Dressler: Von der Schaubühne zur Sittenschule. Das Theaterpublikum vor der vierten Wand. Das Theaterpublikum vor der vierten Wand, Henschel Verlag, Berlin 1993

Elias Canetti: Masse und Macht. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1980


Anzeige


Haben Sie auch eine Gewissensfrage? Dann schreiben Sie an Dr. Dr. Rainer Erlinger gewissensfrage@sz-magazin.de

  • Die Gewissensfrage

    Wenn die Ex-Freundin plaudert

    Sollten gute Freunde loyal sein und sich immer alles mitteilen, was sie betrifft? Auch wenn der Inhalt bestimmter Gespräche nicht für ihre Ohren bestimmt war?

    Von Dr. Dr. Rainer Erlinger
  • Anzeige
    Die Gewissensfrage

    Malen, dann zahlen

    Muss man einem Straßenkünstler Geld geben, wenn man ihm zuvor zugesehen hat?

    Von Dr. Dr. Rainer Erlinger
  • Die Gewissensfrage

    Traust du dich?

    Sollte man seinen Partner auf dessen Wunsch hin heiraten, auch wenn man überzeugter Ehegegner ist? Unser Moralexperte weiß Rat.

    Von Dr. Dr. Rainer Erlinger