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aus Heft 41/2013 Gesellschaft/Leben

Nur weg

Lara Fritzsche 

Ronny und Monique wollten ihre Heimatstadt Hoyerswerda nicht den Nazis überlassen - und wurden deshalb selbst Ziel von Bedrohung und Hetze. Die Polizei wusste sich nicht anders zu helfen, als die Opfer aus der Stadt zu bringen, damit endlich wieder Ruhe einkehrt. Die Geschichte einer Kapitulation.



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Wann genau Monique und ihr Freund Ronny für ihre Heimatstadt Hoyerswerda zum Problem wurden, ist schwer zu sagen. Wann man in Hoyerswerda entschieden hat, das Problem Ronny und Monique ein für allemal zu beseitigen, das lässt sich genau datieren. Es ist der 17. Oktober 2012, als Ronny und Monique von Neonazis überfallen und bedroht werden. Nur einen Tag später bringt die Polizei sie aus der Stadt, eine Stunde Autofahrt entfernt, in ein altes Bauernhaus. Sie sollen sich verstecken. Denn in Hoyerswerda kann die Polizei sie nicht vor den Neonazis beschützen. Ein Jahr ist das her, seitdem versuchen sich Ronny und Monique an einem fremden Leben. In ihre Heimat können sie nicht mehr zurück.

Es ist 15 Minuten nach neun, am Abend des Überfalls, als Monique das erste Mal den Notruf wählt. 15 Neonazis haben sich Zugang zu ihrem Haus verschafft, stehen vor der Wohnungstür, treten und schlagen dagegen. Sie und ihr Freund hatten auf dem Sofa gelegen und ferngesehen, als es klingelte. Schon durchs Küchenfenster hatte Monique gesehen, wer da zu ihnen wollte: 14 Männer und eine Frau, in dunkler Kleidung, die Kapuzen der Sweatshirts in die Stirn gezogen, Sonnenbrillen vor den Augen, um die Hüfte tragen die meisten eine Gürteltasche, der Aufdruck: NS Hoyerswerda. Neonazis. Irgendjemand im Haus hat ihnen die Tür aufgedrückt, wenige Sekunden später sind ein paar von ihnen oben vor der Wohnung von Ronny und Monique. Trommeln, treten, schlagen gegen die Tür. »Komm raus, du Ratte, du Antifa-Sau, wir zerstören dich!«, ruft einer. »Wir machen dich tot!«, ein anderer. Ronny geht zur Tür, will durch den Spion schauen, aber der ist zugeklebt. Dann geht in der Wohnung das Deckenlicht aus und der Fernseher, auch die kleine grüne Anzeige am Radiowecker, am Herd, am Router: kein Telefon, kein Internet. Ihre Hunde fangen an zu winseln. Ronny ist sofort klar, was passiert ist.

Die Angreifer haben den Sicherungskasten im Treppenhaus entdeckt, und ihnen den Strom abgestellt. Die beiden hören, wie jemand mit einem Dietrich an ihrem Türschloss herummacht. Unten auf der Straße skandieren die übrigen Maskierten immer wieder »ANH«, »Autonome Nationalisten Hoyerswerda«. Oben, vor der Wohnungstür, brüllen die anderen: »Diesmal bringen wir dich um, du hast uns lange genug provoziert.«

Wann genau Monique und ihr Freund Ronny für ihre Heimatstadt Hoyerswerda zum Problem wurden, ist schwer zu sagen. Angefangen hat alles im Grunde schon Anfang der Neunziger, gleich nach der Wende. Die beiden waren elf. Moniques Lieblingsbuch zu dieser Zeit hieß Fünkchen lebt und handelt von der Freundschaft zweier Mädchen im Dritten Reich. Monique musste immer weinen, wenn sie an die Stelle im Buch gelangte, als die eine sich von der anderen abwendet, nur weil man ihr gesagt hat, dass jüdische Mädchen schmutzig sind. Später lernte Monique Hip-Hop-Musik kennen: Tanzte in ihrem Kinderzimmer zu Grandmaster Flash. Um diese Zeit brachte ihre große Schwester zum ersten Mal einen Jungen mit nach Hause. Einen, der speckige Schnürstiefel trug und schlecht über Menschen sprach, die er gar nicht kannte, nur weil sie anders aussahen als er. Monique fand das unfair und es erinnerte sie an das Gerede der Idioten in ihrem Lieblingsbuch. Rechte Parolen fand sie ätzend, ebenso wie die Lieder der Böhsen Onkelz, die fortan im Zimmer ihrer Schwester auf Endlosschleife liefen.

Bei Ronny war es noch einfacher. Sein bester Freund in der Schulzeit: Ahmed. Zu dem ging er nach der Schule zum Spielen, dessen Familie lernte er kennen und deren Abendessen schmeckte auch besser als die langweilige Brotzeit zu Hause. Wieso sollte er Ahmed hassen, nur weil seine Eltern vor Jahrzehnten aus der Türkei nach Deutschland gekommen waren? Das war ihm schleierhaft. Ronny und Monique, die sich damals noch gar nicht kannten, hatten noch nicht das, was man eine differenzierte politische Meinung nennt, doch sie wussten, was richtig und was falsch ist. Eins jedenfalls war klar: Stramme Neonazis würden aus ihnen nicht mehr werden. Eine gute Nachricht, eigentlich. Nur eben in Hoyerswerda nicht, dort ist das ein Problem.

Der Abend des Angriffs beweist das – und er ist noch nicht vorbei. Weiterhin wird gebrüllt, gegen die Wohnungstür von Ronny und Monique getreten und geschlagen. Jetzt wird auch Monique lautstark bedroht: Ihr stockt auch heute noch die Stimme, wenn sie das erzählt, sie weint, verdeckt ihr Gesicht hinter ihren schmalen Fingern, den blau lackierten langen Nägeln, schluchzt. Es dauert ein paar Minuten bis sie diese vier Sätze, die einer der Neonazis an sie gerichtet hat, wiederholen kann: »Ey Blondie, deine Muschi gehört mir heute Nacht. Wenn nicht heute dann morgen. Ich bin dafür bekannt. Ich bin extra für dich mitgekommen.«

Panik. Unablässig tritt jemand gegen die Tür. Es ist dunkel. Der erste Streifenwagen mit zwei Beamten ist zu diesem Zeitpunkt schon da, aber die Polizei tut nichts. Ronny schaltet auf Notwehr. Er geht davon aus, dass die Wohnungstür der Belagerung bald nicht mehr standhalten kann. Er gibt Monique Instruktionen. Sie soll sich ein langes Messer aus dem Schrank nehmen, eins, das durch den Körper geht. Von unten nach oben rammen, Messer im Fleisch drehen, wenn möglich, nicht wieder rausziehen, sondern für den nächsten Angreifer ein neues aus dem Schrank nehmen. Ronny sammelt Messer, er bewahrt sie hinter einer milchigen Scheibe in seiner Wohnzimmervitrine auf, wie andere Leute Sektgläser. Monique steht am Fenster, das Messer in der Hand, den Blick auf die Straße gerichtet, in der anderen Hand das Handy. Zweiter Notruf um 21 Uhr 55. »Was ist der Stand?«, fragt der Beamte am anderen Ende der Leitung. Bedrohung immer noch akut. Drei, vier Nazis oben im Treppenhaus, direkt vor ihrer Wohnungstür, etwa zehn unten vor der Haustür. Die rauchen, quatschen und skandieren »frei, sozial, national«. Beamte anwesend, aber untätig.

Erst um viertel nach zehn kehrt oben vor der Wohnungstür von Ronny und Monique Ruhe ein. Vor der Haustür unten auf der Straße geht die Belagerung weiter. Monique zählt 15 Neonazis und inzwischen sieben Polizisten, sie hört durch das gekippte Fenster, wie beide Parteien sich unterhalten. Kein scharfer Ton, eher Geplauder. Eine Beamtin duzt die Täter. Personalien werden keine aufgenommen. Auch die Rucksäcke und Gürteltaschen der Angreifer werden nicht kontrolliert. Am nächsten Tag wird die Polizei eine Pressemitteilung zu dem Vorfall herausgeben, in der sie den Ablauf des Einsatzes stark beschönt. Die Täter hätten bei Eintreffen der Polizei den Wohnblock verlassen, heißt es dort. Tatsächlich hat es zwei Stunden gedauert, bis die Polizisten die Neonazis zum Weiterziehen überreden konnten. Erst um elf Uhr ist endlich Schluss.
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Lara Fritzsche war als Kind mit ihren Eltern auf einer Demo gegen rechte Gewalt. Anlass waren die Übergriffe in Hoyerswerda und Lichtenhagen. Weil die Demo in Köln stattfand, hieß sie »Arsch huh, Zäng ussenander«: Krieg den Arsch hoch und mach das Maul auf. Wäre auch heute ein gutes Motto, findet sie.

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