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aus Heft 41/2013 Gesellschaft/Leben

Nur weg

Seite 4: Während alle damit beschäftigt sind, sich nicht einzumischen, machen die Neonazis sich breit.

Lara Fritzsche 


Ein Stadtfest in Hoyerswerda.

Von 2500 gewaltbereiten Neonazis in Sachsen geht der Verfassungsschutz aus, von etwa 25 in Hoyerswerda. Aber 25 Leute sind mächtig, wenn alle anderen Einwohner ihre Meinung nicht mehr laut aussprechen. Am Abend des Überfalls hat eine Nachbarin die Tür geöffnet, um nachzusehen, woher der Lärm kam. Als sie sah, wer dort pöbelt, hat sie sie gleich wieder zugezogen und abgeschlossen. Auch sie saß über Stunden im Dunklen, auch ihr Spion an der Wohnungstür war abgeklebt, aber Anzeige erstatten will sie nicht. So schlimm war es ja nicht. Selbst anonym will keiner der Anwohner über den Abend reden. Keiner hat was gehört, keiner was gesehen. Und während alle damit beschäftigt sind, sich nicht einzumischen, machen die Neonazis sich breit.

Häuserfassaden, Ladenlokale, Mülleimer, Lampenmasten, Sitzbänke – alle städtischen Flächen sind mit rechtsradikalen Phrasen besprüht, mit Plakaten tapeziert oder Aufklebern beklebt. Seit Ronny und Monique nicht mehr in Hoyerswerda leben, gibt es wieder zwei Menschen weniger, die sich dagegen wehren. Alle paar Tage haben Ronny und Monique ihre Tour gemacht, durch die Plattenbausiedlung, in der sie lebten, vorbei am Lausitz-Center, bis rüber zum Büro der Linken in der Dietrich-Bonhoeffer-Straße. Jeden Nazi-Aufkleber, den sie gesehen haben, haben sie abgekratzt. Früher war Ronny mal radikaler unterwegs. Als Jugendlicher hat er viele Monate im Gefängnis gesessen, wegen Körperverletzung. Seine Clique aus Türken und Linken geriet immer wieder in Kämpfe mit den Neonazis – und er hat oft zu fest zugeschlagen. Als er rauskam aus dem Jugendgefängnis, er war damals 22, hat er sich geschworen, sich von dieser Art Ärger fernzuhalten. Aber keine Haltung mehr haben, das kann er nicht. Deshalb entfernten sie Aufkleber. Es ist eine ruhige Art des Protests: Hand in Hand gingen die beiden durch die Straßen ihrer Stadt, haben sich unterhalten und zwischendurch an irgendwelchen Masten herumgeschabt. Klingt harmlos, aber war offenbar ein Problem. Das hatte der Neonazi damals vor ihrer Tür gemeint, als er gebrüllt hat, die beiden hätten ihn und seine Kameraden nun lange genug provoziert.

Ende Februar 2013 finden Ronny und Monique endlich eine Wohnung in einer deutschen Großstadt. Den Umzug haben sie unter Polizeischutz gemacht, ihre Mütter hatten ihn vorbereitet. Abends, wenn es schon dunkel wurde, waren sie mit Taschenlampen in die Wohnung ihrer Kinder geschlichen und hatten Kartons gepackt. Als sie am Abend an ihrem neuen Wohnort ankommen, fühlen sie das erste Mal seit Monaten wieder Hoffnung. Es wird schon gehen, denken sie. Alles wird besser werden. Aber die Angst holt sie bereits nach ein paar Tagen wieder ein. Wenn sie durch ihre neue Stadt gehen, gehen sie schnell. Den Weg legen sie vorher auf dem Stadtplan fest. Sie durchqueren nur Viertel, in denen mehrheitlich grün, rot oder links gewählt wird. Wenn sie Neonazis sehen, schauen sie weg. Und sie sehen ständig welche. Die Stadt ist eine andere, durch ihre Augen betrachtet, weil sie alle Codes erkennen: Sie bemerken jedes noch so kleine Thor-Steinar-Logo, sie achten auf den Sitz von Gürteltaschen, wie Tücher gebunden sind, sie bemerken weiße Schnürsenkel in schwarzen Schuhen; Zeichen, Farben, Zahlenkombinationen – alles lässt sie aufschrecken. Monique zieht Ronny an rechten Aufklebern vorbei. Und Ronny ermahnt Monique, nicht nächtelang auf den Facebook-Profilen der Täter herumzuhängen. Sie können sich immer noch nicht konzentrieren, nicht mal für die Dauer einer Doku-Soap auf RTL 2. Sie leben von Hartz IV, vorher in Hoyerswerda hatte Monique einen Job im Edeka. Immerhin. Eigentlich ist sie Kauffrau für Bürokommunikation und Tischlerin. Aber in ihren beiden Berufen gab es in Hoyerswerda keine Arbeit. Ronny ist Forstwirt, aber für ihn gab es auch nichts. Im August 2013 lag Ronny zwei Wochen im Krankenhaus. Seine Lunge ist wieder zusammengeklappt, so wie damals, eine Woche nach dem Überfall. Stress, sagen die Ärzte. Von Monat zu Monat werden die beiden schmaler, die Schatten unter ihren Wangenknochen dunkler. »So wie unser Leben jetzt gerade ist, darf es nicht mehr lange bleiben«, sagt Monique. Sie haben keine Kraft mehr.

Am 19. November wird der Fall von Ronny und Monique am Jugendgericht von Hoyerswerda verhandelt werden. Die beiden haben Angst vor dem Prozess. Dabei ist ihnen das Strafmaß für die Täter völlig egal. Sie wollen nur eins, dass endlich mal festgestellt wird, dass nicht sie das Problem sind.

Fotos: Armin Smailovic; Christiane Wöhler

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Lara Fritzsche war als Kind mit ihren Eltern auf einer Demo gegen rechte Gewalt. Anlass waren die Übergriffe in Hoyerswerda und Lichtenhagen. Weil die Demo in Köln stattfand, hieß sie »Arsch huh, Zäng ussenander«: Krieg den Arsch hoch und mach das Maul auf. Wäre auch heute ein gutes Motto, findet sie.

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