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aus Heft 45/2013 Internet

Falsch verbunden

Malte Welding  Illustration: Arne Bellstorf

Ein Mann lernt eine Frau auf Facebook kennen und verliebt sich in sie. Viele Mails später ist er ihr hoffnungslos verfallen. Und merkt nicht, dass die Frau nur eine Täuschung ist, eine ausgedachte Figur, ein Streich. Die Geschichte einer digitalen Amour fou.



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Jakob war seit Langem allein. Er hatte oft Frauen kennengelernt, mit vielen von ihnen Sex gehabt, aber irgendetwas fehlte immer. Jedes Jahr vor Weihnachten saß er da und dachte, ob nicht seine Freunde recht hatten, die ihm sagten, dass seine Ansprüche überzogen waren. Dieser Gedanke nagte an ihm, aber er blieb dabei: Irgendwo musste es die eine, die vollkommene Frau doch geben. Als er Louisa sah, wusste er, dass er sie gefunden hatte.

Louisa Catharina Jacardi, 28, lange blonde Haare, schön wie die Frauen in der Raffaelo-Werbung – am 15. September 2012 hat Jakob ihr Profilfoto auf Facebook entdeckt und sie angeschrieben. Sie ist Managerin bei Next Models, einer der drei größten Modelagenturen der Welt, hatte selber kurz gemodelt, bis ihr strenger jüdischer Vater es ihr verbot. Sie stammt aus einer wohlhabenden Familie, ist mehrsprachig aufgewachsen, pendelt zwischen New York und London, hat eine Yacht im Hafen von Palma liegen, macht in ihrer Freizeit Charity. Sie ist genau das, wonach Jakob immer gesucht hatte. Und auch er scheint ihr zu gefallen: Allein in den ersten zwei Wochen, bevor die beiden das erste Mal telefonieren, schreiben sie einander mehr als 5300 Nachrichten.

Am 27. November ändert Jakob auf Facebook seinen Beziehungsstatus von »Single« auf »in einer Beziehung mit Louisa Catharina Jacardi«. In den kommenden Wochen verfolgen seine Freunde mit Enthusiasmus und vielen Likes seine neue Beziehung auf Facebook. Einmal schreibt er: »Ich werde geliebt!« Der ewige Single Jakob, 33, ein begehrter Junggeselle, der seit Kurzem in Los Angeles lebte, um als Schauspieler in Hollywood Fuß zu fassen, ist endlich angekommen.

Weihnachten will sie ihn in Los Angeles besuchen und zwei Pferde mitbringen. Jakob, der bei einer Pflegefamilie auf dem Land aufgewachsen ist und Pferde liebt, reist kreuz und quer durch die Stadt, um Ställe auszusuchen, er sucht Strände für Badeausflüge, kauft Geschenke; etwa 2000 Dollar gibt er aus für dieses Weihnachten mit Freundin. Sie lässt ihn aber sitzen, ein Prozess gegen ihren Ex-Freund beanspruche sie zu sehr – es ist schon das dritte Mal, dass sie ihn versetzt. Er ist verzweifelt.

Seine Halbschwester macht ihn darauf aufmerksam, dass es sich bei den Bildern auf Louisas Profil um verschiedene Frauen handele. Er will es nicht wahrhaben.

Widerwillig vergleicht er die Fotos, die sie von sich ins Netz gestellt hatte, bei der Bildersuche von Google. Und tatsächlich, die Frau auf den Bildern ist eine andere. Als er Louisa damit konfrontiert, gesteht sie, ihn getäuscht zu haben. Alles war falsch, die Bilder auf ihrem Profil hatte sie von Modelblogs und Pornoseiten; das Bild ihres eingegipsten Beins, mit dessen Hilfe sie einen Unfall vorgespielt hatte, selbst ein Foto ihres iPads: alles aus dem Internet. Die Frau hinter Louisa ist eine 38-jährige Sekretärin, die in Hamburg lebt. Normales Gesicht, normaler Beruf, sogar der Name ist normal, es gibt ihn sicher einige Tausend Mal in Deutschland; nennen wir sie Melanie Schmidt.

Jakob war mit einer Frau zusammengewesen, die es nicht gibt. Wie konnte er so blind sein? Und was hatte Melanie Schmidt von dem Schauspiel?

Jakob erlebte ein Szenario, das längst in die Populärkultur Einzug gehalten hat. In dem Dokumentarfilm Catfish macht sich ein junger Mann auf, seine Online-Liebe zu sehen – und findet statt eines Models eine Hausfrau vor, die zwei schwer behinderte Stiefsöhne pflegt. Der Film steht seinerseits in dem Ruf, Scripted Reality zu sein, also frei erfunden.

Menschen können sehr viel Energie darauf verwenden, sich ständig neue Lügengeschichten auszudenken. Auch wenn es noch so sinnlos erscheint: Es wird getäuscht, und gar nicht mal so selten. Die US-Börsenaufsicht SEC geht davon aus, dass 8,7 Prozent aller Facebook-Profile unter fal-schem Namen geführt werden, das wären 83 Millionen weltweit. Es gibt viele Gründe, so ein Profil zu erstellen. Den Ex-Freund überwachen. Jemandem einen Streich spielen. Seine Schüler kontrollieren, wie es die Direktorin der Clayton High School in Missouri getan hat, die daraufhin ihre Stelle verlor. Die meisten Fälschungen gehen auf Firmen zurück, die mittels der Profile Marketing betreiben wollen. Erst recht bedienen sich amerikanische Geheimdienste bei Facebook.
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Malte Welding hat für diesen Text Tausende privater Nachrichten zwischen den beiden Protagonisten gelesen. Danach brummte ihm ziemlich der Kopf und er wusste, dass er für einen Job bei der NSA eher nicht geeignet wäre.

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