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aus Heft 47/2013 Sex

Schamlos

Paul-Philipp Hanske  Illustration: Emiliano Ponzi

Eine Mode wird zur Norm: Alle rasieren sich. Und zwar überall. In ein paar Jahren wird uns Intimbehaarung bei Frauen und Männern völlig seltsam vorkommen. Eine neue Körpersprache, die Privates erzählt - und viel über unsere Gesellschaft verrät.


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Ich bin mit meinen 37 Jahren alt geworden. Das wird mir schlagartig klar, als sich die Tür zur Sauna öffnet und eine ausgelassene Gruppe Mittzwanzigjähriger hereinkommt: allesamt unten herum nackt. Ich weiß nicht, ob ich sie oder sie mich ungläubiger anschauen. In meiner Jugend gab es diesen Spruch, der mir nun durch den Kopf schießt: »Noch kein Haar am Sackl, aber schon rauchen/knutschen/in die Disco wollen.« Traf einen der, war klar: Man gehörte nicht dazu. Zu den großen Jungs, die mit haarigen Sackln auf ihren frisierten Vespas saßen und all das machten, was man auch gern getan hätte.

Nicht dass Männer ohne Schamhaare etwas Neues für mich wären. Als mein Freund Nils mit Anfang zwanzig aus einer bayerischen Provinzstadt nach Berlin ging, um dort endlich offen ein schwules Leben zu führen, erzählte er mir bald: »So, nun habe ich es auch getan. Die Schamhaare sind ab.« Das sei unter allen Berliner Schwulen Standard. Für mich war das fremd – aber da die ganze Welt der Schwulen eine mir fremde war, passte es wieder. Nun aber, angesichts der nackten Überzahl, bin ich es, der sich fremd fühlt.

Schon bald werden Schamhaare so ungewöhnlich sein wie heute unrasierte Achseln bei einer Frau. Alle Untersuchungen zum Thema Intimenthaarung kommen in einem Punkt überein: je jünger, desto nackter. Etwa neunzig Prozent der Frauen in der Gruppe der 18- bis 25-Jährigen sollen sich, einer Studie der Universität Leipzig zufolge, die Schamhaare ganz oder teilweise entfernen – wobei der Trend, so amerikanische Studien, deutlich zur Komplettenthaarung geht. Und: Männer rasieren, epilieren und waxen zwar noch etwas weniger als Frauen (in der Gruppe unter 25 sind es etwa siebzig Prozent), »es geht aber deutlich in Richtung Angleichung«, so Aglaja Stirn, die in Hamburg Professorin für Psychosomatik ist und über den Enthaarungstrend geforscht hat.

Die Geschichte des Feldzuges gegen das krause Haar ist schnell erzählt. Schon in antiken Hochkulturen wurden Schamhaare entfernt, aus ästhetischen wie kultischen Gründen. Im Islam wird die Scham- und Achselhaarentfernung von einem Hadith, einer außerkoranischen Lehre Mohammeds empfohlen. Im Mittelalter rasierten sich die Prostituierten ihre Scham. Und in der »ersten sexuellen Revolution« in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts gab es urbane Subkulturen, in denen eine nackte Genitalgegend gängig war – eine Praxis, die von den Nazis, die eine blond wuchernde Schambehaarung propagierten, als »dekadent« gebrandmarkt wurde. Ab den 1980er-Jahren wurden in der Pornografie weibliche Geschlechtsorgane zunehmend nackt gezeigt. Zum einen, weil auf diese Weise tiefere gynäkologische Einblicke möglich waren. Zum anderen, weil Haar bei den intensiven Reibungen in Hardcore-Pornos schlicht unangenehm war.

Der eigentliche Take-off der Intimenthaarung aber fand in Brasilien statt. Wo Frauen schon immer ein besonderes Augenmerk auf die »Bikini-Zone« legten, setzte sich in den 1980er-Jahren das »Brazilian Waxing« durch – die Komplettentfernung des Schamhaars mit heißem Wachs. In den USA kam dieser Trend besonders gut an; Körperbehaarung wurde hier schon lange als Makel betrachtet. Nachdem sich im Jahr 2000 in einer Sex and the City-Episode die Protagonistin Carrie Bradshaw über ihr Brazilian Waxing ausgelassen hatte, eröffneten binnen kurzer Zeit zahlreiche Studios. Prominente von Gwyneth Paltrow bis Victoria Beckham leisteten Schützenhilfe und schwärmten von ihren Waxings. Mit globalen Folgen: Inzwischen gibt es auch in Wunsiedel und Bielefeld Enthaarungsstudios.

Bewertet wurde dieses Phänomen bisher vor allem von Feministinnen, am eloquentesten von der britischen Komikerin Caitlin Moran, die sich darüber ärgerte, dass der Trend Frauen alle vier Wochen zu einer teuren und sehr schmerzhaften Prozedur verdamme: »Zeit und Geld, die wir da investieren, sind doch eine Art Steuer auf unsere Vagina.«

Andererseits scheinen nicht wenige Frauen mit ihrem enthaarten Geschlecht ganz zufrieden zu sein. In einem Interview mit The Atlantic äußerte sich eine Amerikanerin ganz unmissverständlich: Sie möge es nun mal, wenn Männer an ihr Oralsex praktizierten. Das passiere aber vor allem, wenn sie enthaart sei. Dazu passt auch die Erkenntnis einer US-Studie, dass vor allem sexuell aktive Frauen waxen. Und eben – und das ist der noch wichtigere Einwand gegen die feministische Kritik – auch Männer.

Etwa mein Freund Leon. Er ist 28, Schauspieler und lebt in Köln. Darauf gekommen sei er, als er mit einer gewaxten Frau Sex hatte. »Ich fand das eigentlich erst gar nicht schön. Aber als es zum Oralsex kam, war es einfach toll. Cunnilingus ist sowieso super – aber noch viel besser, wenn man keine Haare im Mund hat.« So sei er auf die Idee gekommen, es auch selbst zu probieren. Rasieren kam für ihn nicht in Frage, allein bei dem Gedanken an Bartstoppeln im Schritt schüttelt er sich. Die Methode mit Kaltwachsstreifen erschien ihm wie eine besonders effektive Foltermethode, also ging er in ein »Sugaring«-Studio, in dem die Haare mit einer Art Karamellpaste entfernt werden. Die Prozedur selbst sei zwar auch »nicht gerade lustig« gewesen (vor allem die Tatsache, dass die Enthaarerin nebenbei noch eine Kollegin anlernte), aber mit dem Ergebnis war Leon höchst zufrieden. »Wenn die Stellen enthaart sind, sind sie unglaublich sensibel. Wenn ich dann da angefasst werde, ist es viel intensiver. Oft muss ich beim Sex kichern, so kitzlig bin ich.« Die Paste koche er sich inzwischen selber: vier Tassen Zucker mit je einer halben Tasse Zitronensaft und Wasser.

Für Leon ist die Sache klar: »Ich mache es, weil der Sex so besser ist.«

Wenn es bei allen so wäre, wäre die Sache damit erledigt. Intimhaarentfernung wäre ein weiterer Fortschritt der Menschheit, ähnlich, sagen wir, dem Zähneputzen. Aber so einfach ist es nicht. Denn dass der Trend sich so schnell durchgesetzt hat, liegt an seinem imperativen Charakter. Das Wort Schamhaar ist in den letzten Jahren umdefiniert worden. Heute bedeutet es nicht mehr »Haar, das die Scham bedeckt«, sondern »Haar, für das man sich schämt«. Die Psychosomatikerin Aglaja Stirn: »Ein Großteil der 20-Jährigen sagt heute: Es ist mir unangenehm, behaart in die Sauna zu gehen. Viele Frauen und Männer machen das nicht aus freien Stücken.«

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Paul-Philipp Hanske fiel bei seinen zahlreichen Saunabesuchen auf, dass einige der Männer, die unten herum nackt waren, im Gesicht umso mehr Haare hatten. Zumindest bei diesem Trend ist er gern auch dabei.

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