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Neue Fotografie 16. Dezember 2013

Loch im Land

Johannes Waechter (Interview)  Fotos: Sebastian Mölleken

Bis 2045 sollen riesige Bagger im Tagebau-Gebiet Garzweiler Braunkohle aus dem Boden holen. Etliche Dörfer wurden schon geräumt und abgerissen, zahlreiche Menschen umgesiedelt. Mit seinen Fotos dokumentiert Sebastian Mölleken, wie der Tagebau die Landschaft verändert – und die Menschen, die dort wohnen.



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Name:
Sebastian Mölleken
Geburtsdatum:
22.08.1979
Ausbildung: Diplom an der FH Dortmund
Webseite: www.moelleken-fotografie.de

Herr Mölleken, eines wird auf Ihren Fotos aus Garzweiler sofort klar: Der Tagebau dort hat wirklich gigantische Ausmaße.


Selbst wenn man direkt vor der Grube steht, kann man die Dimensionen kaum begreifen. Und es sind ja nicht nur die riesige Grube und die gigantischen Bagger – es gehören auch die Dörfer dazu, die geräumt und abgerissen werden, und die neuen Dörfer, die man für die Menschen baut. Der Aufwand ist so gewaltig, dass ich mir nur schwer vorstellen kann, dass sich das alles wirklich lohnt.

Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Mich interessiert, was der Mensch mit seiner Umgebung macht – und diese Umgebung dann mit dem Menschen. Meine Diplomarbeit handelte von der Autobahn A 40, die quer durchs Ruhrgebiet führt. Danach habe ich nach einem Projekt mit ähnlichem Zuschnitt gesucht und bin ich schließlich beim Tagebau gelandet.

Was macht der Tagebau also mit den Menschen?

Ich wollte da nicht nur hingehen, um zu zeigen, wie schrecklich das alles ist. Sondern ich wollte auch schauen, ob es Menschen gibt, die von den Veränderungen profitieren. Ich habe zum Beispiel mit älteren Leuten gesprochen, die jetzt in einem Neubaugebiet wohnen und sehr zufrieden mit allem sind. Aber ich habe auch Leute fotografiert, für die eine Welt zusammengebrochen ist. Zum Beispiel die Besitzerin eines kleinen Ladens in Immerath. Sie und ihre Familie wurden nach Neu-Immerath umgesiedelt, wo es aber schon einen Aldi und einen Penny-Markt gibt. Da braucht keiner mehr deren Tante-Emma-Laden.

Ihre Bilder von den Arbeitern im Tagebau haben für mich etwas Unheimliches – die Männer wirken, als sei ihnen nicht ganz geheuer, worauf sie sich eingelassen haben.


Das beschreibt es eigentlich ganz gut. Die ganze Gegend dort hat auf mich unheimlich gewirkt. Alles ist so gigantisch, dass man es kaum fassen kann. Und dadurch auch etwas bedrückend.

Im Herbst hieß es auf einmal, dass der Tagebau möglichweise schon viel früher beendet werden soll als geplant.

Eigentlich soll in Garzweiler bis 2045 Braunkohle abgebaut werden. Jetzt gibt es tatsächlich Gerüchte, dass schon 2018 Schluss sein könnte. Man muss sich mal überlegen, was das zum Beispiel für den Ort Immerath bedeuten würde: Der ist schon heute nahezu komplett geräumt, im Dom haben sie die letzte Messe zelebriert, bald soll der Abriss beginnen. Wenn aber tatsächlich 2018 Schluss ist mit dem Tagebau, dann wird der Bagger gar nicht mehr bis Immerath kommen. Man hätte den ganzen Ort also umsonst evakuiert und abgerissen.

Der Stromkonzern RWE und die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen haben umgehend dementiert, dass der Tagebau früher zu Ende gehen soll.

Man wird sehen, wie es weitergeht. Ich habe da natürlich auch nicht mehr Informationen. Tatsache ist aber, dass sie beim Abriss immer mit den großen Gebäuden anfangen – in Immerath wohl mit einem alten Kloster. Als wolle man den Leute ein Signal geben: Macht euch bloß keine Hoffnung, dass euer Ort vielleicht doch stehen bleibt.



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