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aus Heft 49/2013 Gesundheit

Es werde Licht

Seite 2: Ein Wunder? Nicht für westliche Augen.

Malte Herwig  Fotos: Matthias Ziegler


Auge um Auge repariert Guy Chevalley an diesem Tag. Innerhalb von 24 Stunden heilt der Schnitt von selbst wieder, und die Verbände können am nächsten Tag entfernt werden. Es ist eine denkbar einfache Operation.

Ein Wunder? Nicht für westliche Augen.

»Hier passiert jeden Tag ein Wunder«, sagt Frank Haydon. »Das ist zu Hause nicht anders, aber dort sind wir zu beschäftigt, um es zu merken.« Es ist zwölf Uhr mittags, und während Guy Chevalley noch ein paar Patienten neue Augen macht, sitzen Haydon und seine Frau Kathleen in der Schiffskantine auf Deck 5.

Jahrzehntelang hat der 63-Jährige als Orthopäde in Colorado gearbeitet. »Dort habe ich Patienten behandelt, die sich beim Pflegen ihrer Landschaftsgärten mit dem Rasenmäher den großen Zeh abgehackt hatten«, erzählt Haydon und lässt keinen Zweifel aufkommen, dass er darin nicht die Erfüllung seiner ärztlichen Berufung sah. Dann hatte er genug und schloss seine Praxis.

Doch statt den Lebensabend mit Golfspielen im Country-Club zu verbringen, arbeiten Frank und Kathleen seitdem zwei Monate im Jahr auf der »Africa Mercy«, einer früheren dänischen Eisenbahnfähre, die 1999 von der Stiftung Mercy Ships mit Spendengeldern gekauft und innerhalb von sieben Jahren zum größten zivilen Lazarettschiff der Welt umgebaut wurde: sechs Operationssäle, ein Röntgenlabor, eine Apotheke und 78 Betten samt Intensivstation.

»Hier sind die Menschen spirituell gesund«, sagt Haydon über Afrika. »Sie haben nicht diese übertriebene Liebe zum Geld, die uns krank macht.« Er meint seine Patienten, aber das Gleiche kann man über ihn und die anderen Freiwilligen sagen, die an Bord Dienst tun.

Denn Frank und Kathleen arbeiten nicht nur unentgeltlich, sie kommen auch auf eigene Rechnung – wie alle auf dem Schiff. Vom Kapitän über die Ärzte und Schwestern bis zum Koch und Maschinenraumschlosser zahlen alle selbst für Anreise, Kost und Logis in Kabinen, in denen sie manchmal zu sechst auf engstem Raum leben.

Es ist ein einmaliges Modell. Da die Mitarbeiter sich selbst finanzieren, kann die 1978 von dem Texaner Don Stephens gegründete Stiftung Mercy Ships das gesamte Spendenaufkommen direkt in die Behandlung der Kranken stecken. Seitdem wurden auf diversen Schiffen über 300 000 Zahnbehandlungen, 67 000 chirurgische Eingriffe und mehr als 33 000 Augenoperationen durchgeführt.

2007 löste die »Africa Mercy« die älteren Schiffe der Stiftung ab und stach unter maltesischer Flagge in See. Innerhalb von sechs Jahren steuerte sie Benin, Togo, Sierra Leone und Guinea an und lag dort jeweils mehrere Monate vor Anker. Zwischen den Stationen wird das Schiff im Trockendock wieder fit gemacht für den nächsten Einsatz in Westafrika. Bis heute haben über 3400 Freiwillige aus 72 Ländern an Bord der »Africa Mercy« gearbeitet, darunter Mund- und Kieferchirurgen, Orthopäden, Augen- und Zahnärzte.

Viele der Freiwilligen, die sich für ein paar Wochen oder Monate verpflichten, finanzieren ihren Aufenthalt auf der »Africa Mercy« durch Spenden aus der Heimat. Die Crew-Gebühr für Kost und Logis beträgt zwischen 350 und 700 US-Dollar pro Monat.

Aber wer Gutes tun will, dessen Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Der Chirurg und Hobbyschlosser Frank Haydon hat in seiner Werkstatt in Colorado zwei große Eisentore geschmiedet und vom Erlös Flugtickets und Bordmiete finanziert.

Nun helfen er und seine Frau Kindern mit völlig verbogenen Gliedmaßen, wie dem neunjährigen Abel aus Togo. Nach einer Infektion als kleines Kind wuchsen zwar seine Knochen normal, aber die Muskeln kamen nicht mit und bogen seine Beine im Halbkreis nach hinten.

Abels Lebenswille und die Liebe seiner Eltern sorgten dafür, dass er irgendwie lernte, auf seinen Sichelbeinen zu balancieren. Aber wenn er durch das Dorf ging, sah
er aus wie eine Krabbe, und die anderen Kinder sahen nicht sein Lachen, sondern nur seine krummen Beine und hänselten ihn.

Für Frank Haydon sind solche Operationen keine große Herausforderung: »Wir Chirurgen arbeiten mit Hammer und Meißel.« Sehnen schneiden, Knochen biegen, gipsen, schienen, fertig. Aber die Folgen der Knochen-Klempnerei sind erstaunlich. Heute geht Abel wie ein normales Kind und kann sogar mit seinen Freunden Fußball spielen.

Dabei scheuen sich die Ärzte auf der »Africa Mercy« nicht, zum Wohl der Patienten zu improvisieren. Bei einer Kieferoperation tun es statt des teuren Titan-Implantats auch mal ein Stück aus der Rippe und etwas Stahldraht.

Oft muss der Bordelektriker Chris ran. Der vierschrötige Kanadier bastelt an seiner Werkbank im Bauch des Schiffs nebenbei für Dr. Frank Schienen und Instrumente aus Schrottmetall. Für Abels krumme Beine baute Chris Streckinstrumente, er schliff Scheren zum Durchschneiden von Achillessehnen bei Klumpfüßen. Warum er hier ohne Lohn arbeitet? Chris zuckt die Schultern. »Kaputte Maschinen kann ich überall auf der Welt reparieren, aber auf diesem Schiff komme ich in Kontakt mit Menschen.«

Im Zelt auf der Hafenmole sitzen auch an diesem Tag wieder zahlreiche besorgte Mütter mit ihren Kindern. Haydon und sein Team schauen sich die kleinen Patienten an und prüfen, wem eine Operation helfen würde. »Wir operieren nicht um jeden Preis«, erklärt Haydon, »sondern nur, wenn die Heilungschancen eine wirkliche Verbesserung der Lebensqualität versprechen.« Eine langwierige medizinische Nachversorgung ist für die meisten Patienten in Ländern wie dem Kongo nicht möglich.

Rund die Hälfte der Bevölkerung in Schwarzafrika hat keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Auf 20 000 Einwohner kommt ein Arzt. Im ganzen Kongo-Brazzaville, der immerhin fünf Millionen Menschen zählt, gibt es nur einen einzigen zivilen Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen.

Mit der Ankunft des Deutschen Lür Köper hat sich die Zahl der qualifizierten Fachärzte im Land also verdoppelt. Vor zwei Jahrzehnten sah er im Hafen von Bremen zum ersten Mal ein Schiff von Mercy Ships. Seitdem arbeitet der deutsche Arzt zweimal pro Jahr mehrere Wochen auf dem Schiff. Wo früher Sklavenschiffe kreuzten, ging er mit der »Africa Mercy« vor Anker. So lernte er die ärmsten Länder an der Küste Westafrikas kennen.

Der graugelockte Mediziner schwärmt: »Die Vorteile hier sind mit Geld nicht zu bezahlen. Sie sagen etwas nur einmal, dann wird es gemacht.« Es gibt keine Hierarchien an Bord, alle sind freiwillig hier und ziehen am gleichen Strang.

Auf dem Schiff finden die afrikanischen Patienten mehr Zuwendung als deutsche in Bremerhaven. Im deutschen Gesundheitssystem betreut eine Krankenschwester 25 Patienten, erklärt Köper. Auf der Bordstation der »Africa Mercy« kommt auf vier Patienten eine Pflegerin.

Hier operiert Köper Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, aber auch Missbildungen, die er in Deutschland so noch nie gesehen hat. Er behandelt junge Patienten, die Tumore so groß wie Melonen am Gesicht tragen. Meist sind solche Geschwülste gutartig. Dann bringen sie den Kranken nicht sofort um, sondern sehr langsam. Sie wachsen einfach immer weiter, bis der Mensch daran erstickt. »Das ist die schlimmste Art zu sterben, denn der Atemimpuls ist der stärkste Drang des Menschen.«
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Im Slum von Pointe-Noire begegneten Malte Herwig und Matthias Ziegler einer Gruppe von Kindern, die ihnen stolz einen Kickertisch zeigten. Einem Freundschaftsspiel stand nur eins entgegen: Leider fehlte der Ball. - Die beiden Journalisten waren nicht nur von der Liebenswürdigkeit der Einheimischen beeindruckt, sondern auch von deren Vornamen. Sie hießen »Good«, »Perfect« oder »Hermann«.

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