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aus Heft 49/2013 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Darf man zugunsten eines guten Zwecks auf Weihnachtsgeschenke für die Liebsten verzichten?

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»Nach dem Weihnachts- und Geschenkestress letztes Jahr habe ich beschlossen, ich spare mir dieses Jahr das Gerenne, spende stattdessen das Geld und sage das den ›Nicht-Beschenkten‹. Aber kann ich das für sie entscheiden? Ich bringe sie ja um ihr Geschenk, selbst wenn es einem wohltätigen Zweck dient.« Malte G., Lüneburg


Fragen zum Thema »spenden statt schenken« erreichen mich jedes Jahr in großer Zahl und den verschiedensten Varianten. Sie zu beantworten scheint mir nicht ungefährlich: Womöglich gibt es schwarze Listen einer geheimen Vereinigung der Krawattennäher, Sockenstricker, Chocolatiers und Bildbandverlage – unter Federführung der Nippesdrechsler und Weihnachtstinnefflechter. Also der Branchen, die teilweise oder ganz von der Verzweiflung der Geschenkesuchenden leben. Zudem dürfte die Heizleistung der Müllkraftwerke ohne derartige Gaben gerade in der kalten Winterzeit bedrohlich sinken. Ganz zu schweigen vom Umsatz der Psychotherapeuten, Nackenmasseure und Anbieter von nachweihnachtlichen Wellnesswochenenden.

Dennoch: Üblicherweise schenkt man Menschen etwas, die man mag. Diese Zuneigung sollte dann umgekehrt auch vorhanden sein; in den Einkaufstrubel kurz vor Weihnachten wünscht man aber nur Menschen, die man abgrundtief hasst. Geschenke sollen den Beschenkten Freude bereiten und zeigen, dass man sie mag. Wer ein ideales, passendes Geschenk weiß, etwas, was der oder die Beschenkte will oder braucht, soll es auch schenken. Deswegen gerät man nicht in Stress. Sondern wegen der Verlegenheitsgeschenke. Die heißen eigentlich so, weil sie Verlegenheit vermeiden sollen, in Wirklichkeit aber Schenker und Beschenkte genau in solche bringen. Das größte Geschenk für alle ist daher, in solchen Fällen nichts zu schenken. Außer bei Kindern oder anderen Menschen, die sich ihre Wünsche nicht selbst erfüllen können. Ansonsten gilt in unserer Überflussgesellschaft: Mit einer Spende statt des Geschenks beschenkt man die, die es wirklich brauchen. Wer möchte, kann auch die Organisation nach den Vorlieben der jeweiligen Beschenkten auswählen. Dann zeigt man, dass man sich Gedanken gemacht hat, und das ist das schönste Geschenk.

Leseempfehlung:

Lesenswert zum Schenken ist immer wieder der Eintrag 21 „Umtausch nicht gestattet“ in Theodor W. Adornos "Minima Moralia", Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1951, auch wenn Adorno dort eine andere Auffassung vertritt, als sie der Antwort hier zugrunde liegt.

Ebenfalls lesenswert ist die Anmerkung von Andreas Bernard zu Adornos Eintrag 21 in: Andreas Bernard / Ulrich Raulff (Hrsg.), Theodor W. Adorno ›Minima Moralia‹ neu gelesen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003, S. 15ff.

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