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aus Heft 49/2013 Wirtschaft/Finanzen

Doppelt oder nichts

Seite 2: »Abends sagen sie: Bis morgen. Und am nächsten Tag sind sie nicht mehr da.«

Lorenz Wagner  Foto: Andreas Lux

Den Lebenssinn verkauft: Die Brüder 2011 auf dem Google-Campus.

Glänzers Geld-Zusage kommt wenige Tage nach der Präsentation, am Telefon. Sechsstellig. Haben sie gefeiert? Nein, weitergearbeitet. Für Kopisten zählt nur eins: Tempo. Je später du kommst, desto weniger verdienst du.

Start am 9. Dezember 2009, online am 29. Da arbeiten schon 15 Leute für DailyDeal, das neue heiße Ding in Berlin, das es geschafft hat, in dieser Zeit Geld von Investoren bekommen, in der Finanzkrise. Nach fünf Monaten sind es schon hundert Mitarbeiter, Kunde um Kunde kommt dazu, Investor nach Investor. Es ist eine verrückte Zeit. Sie fliegen, und sie wissen doch nicht, ob es sie in vier Wochen noch gibt. DailyDeal verbrennt Geld, ständig müssen sie neues Kapital einsammeln.

Und dann ist da der Kampf mit den Samwer-Brüdern, die Berliner Seriengründer, harte Jungs, gerade Oliver Samwer, der einmal in einer Mail Mitarbeiter aufforderte, Business-Pläne »mit Blut« zu unterschreiben und mit den Worten schloss: »Ich würde sterben, um zu gewinnen, und ich erwarte dasselbe von euch!« Die Samwers hatten zeitgleich eine Gutschein-Firma gegründet. Noch heute stehen im Keller der Heilemann-Brüder Ordner, in denen sie zusammengetragen haben, wie die Konkurrenz sie fertigmachte, Leute abwarb, mit, so hieß es, »Koffern voller Geld«. Fab und Ferry erleben die bittere Seite des Gründerlebens: Kampf, Verlust, pure Angst.

»Da wurde man paranoid«, sagt Fabian. »Menschen, die man kennt. Wie die über Nacht umkippen. Abends sagen sie: Bis morgen. Und am nächsten Tag sind sie nicht mehr da. Handy aus, Xing-Profil neu. Einfach weg.«

Doch dann, aus dem Nichts, entlässt der Gegner Mitarbeiter. Und bei den Brüdern steigt Insight Venture Partners ein, Geldgeber bei Twitter und Tumblr. Ein Ritterschlag. Auf einmal bewerben sich bei ihnen Manager von Amazon. Und Kunden wie Cinemaxx und Total kommen hinzu. Sie haben überlebt.

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Ein Hype ist nichts Zufälliges, nichts Abstraktes, er hat einen Ort, von wo aus er seine Kraft entfaltet, lange bevor die Welt Notiz nimmt. Wer 1962 in den Hamburger »Star Club« ging, wunderte sich nicht, dass ein Jahr später die Beatles im Radio spielten. Wer 1977 in London war, staunte wenig, dass 1979 in aller Welt Kids mit bunten Haaren rumliefen. Wer 2007 beim SXSW-Festival in Austin sah, wie alle Kurztexte schrieben, ahnte, was aus Twitter werden würde. Und wer 2009 wie Fabian im Stanford war, wusste, Gutscheine sind eine gute Geschäftsidee.

Die Leute verstanden das Konzept sofort. Gutschein ausdrucken, rüber zum Burger-Laden, Essen zum halben Preis. Und so erlebte Groupon in seinem ersten Jahr ein Wachstum wie keine Firma je zuvor. 2241 Prozent mehr Umsatz. »Fastest-growing company in history«, jubelt das Magazin Fortune im Sommer 2011. Ein Hype. Die Kunden stehen Schlange, ohne überhaupt zu wissen, warum. Selbst Google lässt sich mitreißen, bietet Milliarden für Groupon. Abenteuerlich. Und vergeblich.

Ein Glück für Fab und Ferry. Die melden sich – clever – genau zu der Zeit bei Google, über den Investmentbanker Andreas Thümmler. Der Konzern zeigt Interesse, die Brüder fliegen zu einem Gespräch in die USA. Was besprochen wurde, auch den Kaufpreis, dürfen sie nicht sagen. Aber andere Beteiligte reden: »Die fanden bei Google gerade die Heilemänner gut«, sagt einer. »Die zeigten keine Nervosität. Klar, sie standen unter Strom. Aber die stehen immer unter Strom.« Google fängt an, um sie zu werben, schreibt in einem »Letter of Intend« erste Summen nieder. Ungewöhnlich schnell, drei Monate später, steht das Angebot: 114 Millionen in Cash. Für eine kleine Firma, die Verlust macht! Aber eben das Richtige versprechen kann.

Am Freitag, den 16.9. unterschreiben Fab und Ferry den Vertrag, in Deutschland. Danach schauen sie bei ihren Eltern in Hameln vorbei. Es gibt eine Neuigkeit, sagen sie. Die Eltern haben aber gerade Freunde zu Besuch. Also erzählen sie es erst am nächsten Tag. Und trinken ein Glas Champagner.

Es ist vollbracht. Von wegen »paid by the hour«. Fabian hat sein Talent nicht verschenkt. Ist seinen eigenen Weg gegangen. Hat skaliert, maximiert. So viele Nullen auf dem Konto. »Das hat schon eine gewisse Magie«, sagt er. »Wenn wir nicht wollten, müssten wir nie wieder arbeiten. Das haben wir schon realisiert, wir sind ja nüchterne Typen.«

Fabian schläft mal wieder aus.
Er ruft alte Freunde an.
Sie feiern in teuren Clubs.
Er kauft sich teure Hosen.
Er kauft einen Porsche.
Er gibt Geld für arme Familien.

Und taucht ein in die große Wirtschaftswelt. Larry Page, der Google-Gründer, empfängt sie in der Zentrale in Mountain View, plaudert mit ihnen über Zahlen und Ziele. Es geht ja auch erst mal voran. DailyDeal zieht in ein neues Büro. Google stellt bunte Sofas rein, hängt einen Bildschirm auf, so groß wie ein Tisch. Alles wird professionell: Konferenzen, Kommunikation, Prozesse, sie sind nun Weltkonzern. »Tu mehr, als man von Dir erwartet«, mahnt Page von einem Plakat herab.

Allein, schon bald erwartet niemand mehr viel von Fab und Ferry. Klar, sie sind geblieben, das wollten und mussten sie, vertraglich, damit das Geschäft weiterläuft. Aber das Sagen hat nun Google. »Nach einigen Monaten wird einem klar, wie der Gestaltungsspielraum von hundert auf zwanzig oder zehn schrumpft, eigentlich bis nichts mehr übrig bleibt. Das hat uns total runtergezogen.« Ein Dasein im goldenen Käfig.

Fabian kauft eine Wohnung.
Er beschäftigt sich mit Innenarchitektur.
Er fängt an zu kochen.
Er bestückt seine Bibliothek.
Er fängt an, Golf zu spielen.
Er beginnt eine Pilotenausbildung.
Er geht Kitesurfen mit Richard Branson.
Und ist doch unglücklich wie nie in seinem Leben.

Dazu kommt: Für die Firma läuft es bald schon nicht mehr gut. Das Gutschein-Geschäft auf der Welt bricht ein. Das ist die finstere Seite eines jeden Hypes. Nach und nach verliert der Weltkonzern Google sein Interesse. Fab und Ferry müssen zuschauen, wie ihre Firma langsam verkommt.

Einen anderen Blick haben sie nun auf die Nullen auf dem Konto. Fab lässt den Porsche in der Garage und fährt mit einem alten Damenrad zur Arbeit. Und kauft keine teuren Chinos mehr; die billigen haben eh einen besseren Schnitt, machen kein Karottenbein. Und nach der Arbeit sitzen sie beim Türken am Rosenthaler Platz und essen Grillhähnchen. »Geld verdienen«, sagt Fab, »ist kein Selbstzweck. Es beruhigt, macht freier, aber nicht glücklich. Vor allem der exzessive Konsum führt letztlich zu nichts. Das ist eine wichtige Erkenntnis für uns. Die war nicht gleich da.«

Wieder und wieder spricht Fabian mit seinem Business-Coach über das eine Thema: Was will ich nun tun? Anfang 2013 weiß er es. Er ruft die Mitarbeiter zusammen. Wir sind wieder Start-up, sagt er ihnen. Haben weniger Geld, müssen länger arbeiten, aber können was bewegen. Draußen melden Zeitungen verwundert: »Gründer kaufen DailyDeal zurück.«

Auf den ersten Blick ist es der dümmste Kauf. Auch wenn sie wenig zahlen, die genaue Zahl verrät keiner, kaufen sie ein stürzendes Geschäft zurück. Ist das Maximieren? Und doch ist der Kauf klug. Fab und Ferry haben sich frei gekauft. Sie können wieder Unternehmer sein. Einfach machen. »Wir erleben uns wieder.«

Wie einst fegen sie in Jeans und Shirt durch ihr Büro. Sie lachen viel und laut, halten Konferenzen im Stehen, essen am Schreibtisch. In sechs Monaten haben sie das Unternehmen umgekrempelt. Vier Firmen haben sie um DailyDeal herumgebaut, vom iPad-Kassensys-tem bis zum Suchmaschinenmarketing. Sie sollen einander stützen. Eine schwache Firma im Zentrum!, kritisieren Vernünftige. Dort sollte was Starkes stehen, ein Pfeiler. Aber Geschäft ist nicht immer gleich Vernunft. Und die Firma hat eine Chance, sagt sogar »Darth Vader« Thümmler, der Schrecken aller miesen Gründer. »Wenn Sie das mit einer Fernseh-Serie vergleichen, beginnt nun die zweite Staffel. Und die Jungs haben viel gelernt. Sich weiterentwickelt.«

So sehr, dass Fabian nun sogar genau das tut, was er bei seinem Vater als Junge nie verstehen wollte. Er arbeitet nicht allein für Geld. Besser lässt sich Zeit nicht skalieren.

Daily Deal

Die Heilemann-Brüder gründeten die Firma Ende 2009, verdienten Geld mit Gutscheinen, Rabatten und Coupons. 2011, während des Coupon-Hypes, verkauften sie und ihre Investoren die Firma für 114 Millionen Dollar an Google. Allerdings brach das Geschäft ein. Überraschend kauften die beiden in diesem Jahr die Firma zurück. 2012 verkaufte DailyDeal Gutscheine im Wert von 125,7 Millionen Euro. Da das Geschäft auf Dauer keine großen Gewinne verspricht, haben die Brüder um DailyDeal mehrere Firmen gruppiert: Zahlungssysteme, Marketing, Beratung, Venture Capital.

(Foto: Andreas Lux c/o brigitte-horvath.com)

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Lorenz Wagner sprach bei der Recherche auch mit dem Coach der beiden Brüder Fab und Ferry. Der sieht seine Aufgabe nicht darin, ihnen Antworten zu geben. Er stellt lieber Fragen. Leider diente diese Methode nicht gerade der Wahrheitsfindung. Was nutzt es einem Reporter, wenn er fragt: »Warum ist das so?« Und als Antwort kommt: »Warum? Ja, was meinen Sie denn?« Herrlich sinnlos, dieses Gespräch. Aber fraglos lustig.

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