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aus Heft 49/2013 Literatur

Mein Wille geschehe

Kathrin Passig 

Posthum erscheint jetzt das letzte Buch des Schriftstellers Wolfgang Herrndorf. Er hinterlässt ein großes Werk. Und eine schwierige Frage: Wie darf man sterben?

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(Foto: dpa)


Am Montag, den 26. August gegen Mitternacht starb der Autor Wolfgang Herrndorf. Er erlag nicht seiner Krebserkrankung, er nahm sich das Leben. Diesen Tod hatte er seit seiner Diagnose im Februar 2010 geplant, und der Plan war kein Geheimnis. In seinem Blog Arbeit und Struktur (www.wolfgang-herrndorf.de), das dieser Tage als Buch erscheint, berichtete er dreieinhalb Jahre lang über sein Leben mit der Krankheit, die Operationen und den Wunsch, das Ende seiner Geschichte selbst zu schreiben.

30.4.2010 »Was ich brauche, ist eine Exitstrategie. Ich hatte Cornelius gegenüber schon mal angefangen, aber das war noch zu Zeiten der Manie, und da war ich noch vollkommen sicher, dass es nur eine Waffe sein könne. Aus dem einfachen Grund, daß ich herumging und mich prüfte und spürte, die Sache nicht in einem Moment der Verzweiflung, sondern der Euphorie hinter mich bringen zu können, und ohne Probleme. Voraussetzung dafür war, daß zwischen Entschluß und Ausführung nicht mehr als eine Zehntelsekunde liegen dürfe. Schon eine Handgranate wäre nicht gegangen. Die Angst vor den drei Sekunden Verzögerung hätte mich umgebracht. Medikamente mit dem langwierigen Vorgang des Schluckens und Wartens sowieso. Weil ich wollte ja nicht sterben, zu keinem Zeitpunkt, und ich will es auch jetzt nicht. Aber die Gewissheit, es selbst in der Hand zu haben, war von Anfang an notwendiger Bestandteil meiner Psychohygiene. Googeln fällt mir unsagbar schwer, ein praktikables How-to ist nicht auffindbar. Freunde informiert: Falls jemand von Mitteln und Wegen weiß oder im Besitz davon ist – am 21. Juni ist das erste MRT. Bis dahin brauche ich was hier. Ob ich die Disziplin habe, es am Ende auch zu tun, ist noch eine ganz andere Frage.«

Unter dem Nachruf, den die Süddeutsche Zeitung im August 2013 veröffentlichte, stand eine Anmerkung der Redaktion: »Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbsttötungen zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Die Berichterstattung über den Tod Wolfgang Herrndorfs gestalten wir deshalb bewusst zurückhaltend, wir verzichten weitgehend auf Details. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.«

Der Ratschlag wirkt ein wenig mechanisch und hartherzig, weil er impliziert, dass ein Suizidwunsch immer ein Irrtum ist. Für Herrndorfs Tumor, ein Glioblastom, gibt es keine Heilung. Die durchschnittliche Überlebenszeit nach der ersten Operation beträgt 17 Monate.

Herrndorfs Ärzte waren bei der Suche nach einem Ausweg keine Hilfe. Es waren kompetente Ärzte, über die er nur Gutes zu sagen hatte. Aber sobald es nicht mehr ums Leben, sondern ums Sterben des Patienten geht, schnurrt das gut organisierte System mit seinen vielen Therapieoptionen auf ein paar zweifelhafte Versprechungen zusammen.

2.8.2010 »Dr. Vier ist keine große Hilfe bei der Beschaffung von Substanzen. Das könne er gar nicht verschreiben und ambulant gebe es das sowieso nicht, das bekäme ich auch nirgendwo anders. Was ich da von Waffen redete – wer immer mich fände, sei traumatisiert. Freunde wahrscheinlich. Und schwierig sei das überhaupt nicht, wie käme ich darauf? Er habe im Notdienst gearbeitet, reihenweise Erschossene gesehen, das habe keiner überlebt. Vor die U-Bahn, vom Hochhaus, oder am einfachsten mit Paracetamol, wirklich kein Problem. Er empfehle ein Hospiz. Freilich müsse man sich umsehen vorher, einen Platz reservieren. Aber schön sei es da, er hätte nur positive Rückmeldungen.«

Der Suizid mit Paracetamol ist tatsächlich einfach, aber auch langwierig, sehr unangenehm und so unzuverlässig wie fast alle anderen Arten, sich das Leben zu nehmen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Krankenhausärzte bei der legalen Option einer »indirekten Sterbehilfe« – also der unbeabsichtigten Lebensverkürzung durch höhere Dosierung von Schmerzmitteln – nicht selten die Grenze zur absichtlichen, aber illegalen Lebensverkürzung überschreiten, wenn der Patient diesen Wunsch äußert. Aber Herrndorf wollte weder warten, bis seine Krankheit und damit sein Verfall so weit fortgeschritten war, noch wollte er sich darauf verlassen, dass am Ende zufällig ein hilfsbereiter Arzt für ihn zuständig sein und die Verantwortung übernehmen würde. Auch die Versprechungen der Palliativmedizin waren ihm egal. Selbst wenn ein schmerz- und angstfreies Sterben im Krankenhaus ohne »Höllenbürokratie« und »mit August-Macke-Bildern zugekleisterte Krankenhausflure« möglich gewesen wäre – woran er nicht glaubte – war das kein Tod, den er sterben wollte.

Einerseits hat Dr. Vier recht mit seiner Aussage, es sei nicht weiter schwer, das Leben zu beenden. Ärzte wissen, wie viele Schwachstellen der menschliche Körper hat. Andererseits gibt es nur sehr wenige Methoden, die zuverlässig, schnell und schmerzlos zum Tod führen.

19.11.2012 »Wobei an die Medikamente, wie gesagt, gar nicht ranzukommen war. An überhaupt nichts Sicheres. Nichts Einfaches, nichts Hundertprozentiges. Erschießen ist in 76 bis 92 Prozent der Fälle tödlich, bei Schüssen in den Kopf liegt die Quote noch etwas höher. Aber auch da überleben 3 bis 9 Prozent, und die haben dann Hirnschäden und sind entstellt. Erhängen fühlt sich schätzungs-weise an, wie es aussieht, und hat wie die meisten anderen Methoden den Nachteil, daß man Erfahrung damit bräuchte und nur einen Versuch hat. Man kann aus dem zwölften Stock springen und überleben. Man kann aus dem zwölften Stock springen und noch dreißig Minuten als blutiger Matsch auf dem Trottoir die Passanten erschrecken, und wenn man wochen- und monatelang durch das Labyrinth geirrt ist auf der Suche nach dem sicheren Ausgang, versteht man irgendwann, wie vollkommen vernünftige und zurechnungsfähige Menschen auf die Idee kommen können, sich auf eine ICE-Trasse zu stellen im vollen Bewußtsein, einen Lokführer für den Rest seines Lebens zu traumatisieren.«

Die Informationen über die Probleme der verschiedenen Techniken stammen aus Geo Stones Suicide and Attempted Suicide. Es geht in dem Buch – ebenso wie in Derek Humphrys Final Exit (deutsch: In Würde sterben) – um die Frage, wie man es vermeidet, durch falsch gewählte Mittel lange zu leiden oder schwer versehrt zu über-
leben.

Halbwegs zuverlässig zum Tode führende Barbiturate sind in Deutschland nicht verschreibungsfähig. In der Schweiz sind sie es, und deshalb ist es dort im Zusammenspiel mit der liberaleren Schweizer Gesetzgebung möglich, einen Arzt das tödliche Medikament verschreiben zu lassen, das der Sterbewillige dann selbstständig einnimmt. Das ist die Ursache für den deutschen »Sterbetourismus« in die Schweiz, wobei das schöne Wort die weniger schöne Tatsache verschleiert, dass die meisten Schwerkranken lieber zu Hause als auf Reisen sterben würden. Niederländische Staatsbürger dürfen sich sogar von ihrem Hausarzt zuerst ein Narkosemittel und dann ein Medikament injizieren lassen, das zum Atemstillstand führt.

Am Schweizer Modell störten Herrndorf, der schon als Gesunder Berlin selten verließ, die Reise, die ästhetischen Umstände des Sterbens, die Unzuverlässigkeit und die Langwierigkeit der Methode: »So will ich nicht sterben, so kann ich nicht sterben, so werde ich nicht sterben. Nur über meine Leiche.« Selbst das niederländische Verfahren wäre ihm noch zu bevormundend gewesen. Im Blog forderte er, »in einem zivilisierten Staat wie Deutschland« müssten die nötigen Medikamente an sterbewillige Volljährige »ohne ärztliche Untersuchung, ohne bürokratische Hürden und vor allem ohne Psychologengespräch« abgegeben werden.

Vordergründig lautet Herrndorfs Argument: »Ich will gar keine Hilfe, gebt mir einfach das Mittel zur Selbsthilfe in die Hand, der Staat braucht sich nicht einzumischen.« Aber es gibt an dieser Stelle keine Nichteinmischung. Egal, wie die Sterbehilfe geregelt oder nicht geregelt wird, an irgendeiner Stelle erzeugt sie immer Probleme, die für irgendjemanden schwer erträglich sind. Legalisiert man sie nach dem niederländischen Modell, dann dürfen Ärzte töten. Legalisiert man sie nach dem Schweizer Modell oder vereinfacht den Zugang zu tödlichen Mitteln, dann bewegt man womöglich Menschen dazu, aus Rücksicht auf ihre Angehörigen früher aus dem Leben zu scheiden. Man kann das für das kleinere Übel im Vergleich zur heutigen Situation halten, muss aber nicht.

Wolfgang Herrndorf hatte Glück. Er verfügte über die nötigen Kontakte, um sich eine Schusswaffe zu beschaffen. Seine Frau und seine Eltern trugen seine Entscheidung mit. Und auch nach drei Gehirnoperationen waren seine Persönlichkeit und seine wesentlichen kognitiven Fähigkeiten unbeeinträchtigt. Er konnte eine informierte Entscheidung treffen und sie Angehörigen und Freunden so mitteilen, dass nie ein Zweifel an seinem Willen bestand. Trotzdem war sein Weg alles andere als einfach. Was, wenn man älter, schwächer, kränker, uninformierter, ärmer an Freunden ist? Körperliche und geistige Kompetenzen und die Unterstützung des sozialen Umfelds können einem durch Krankheit oder Alter schneller abhandenkommen, als man in gesunden Zeiten ahnt. Nicht immer sind Freunde und Angehörige willens und in der Lage, zu helfen. Nicht jeder Sterbende kann und will sie damit belasten. Der Wunsch nach einem Ausweg, der weniger stark von glücklichen Umständen abhängt, ist verbreitet und nachvollziehbar.

27.7.2012 »Das Unangenehme an dieser ganzen Beschneidungsdebatte schon wieder, daß es genau wie beim Frauenwahlrecht, dem Schwulenparagraphen, dem Rauchverbot, der Sterbehilfe oder der Einführung der fünfstelligen Postleitzahlen eine von Anfang an klar erkennbare Position der Vernunft gibt, die sich am Ende auch durchsetzt. Was von der Querulantenfraktion Monate, Jahre oder Jahrzehnte verzögert, aber niemals verhindert werden kann. Es ist ermüdend.«

Das ist, bei aller Sympathie, Unsinn. Es gibt keine »klar erkennbare Position der Vernunft«. Selbst wenn es lediglich eine Sterbehilferegelung für einen Staat aus achtzig Millionen Atheisten wie Herrndorf zu finden gälte, wäre das Thema umstritten, und das liegt nicht nur an der Beschränktheit einer Querulantenfraktion.

Man hat es nicht leicht mit den Schriftstellern. Sie vertreten ihre Meinung schön und überzeugend, auch wenn es sich um eine mäßig durchdachte Meinung handelt. Ebenso schwierig ist es mit ihren Freunden. Als ich zusagte, diesen Beitrag zu schreiben, wollte ich für eine bessere Regelung der Sterbehilfe in Deutschland plädieren – nicht gerade für die Extremform der Liberalisierung, die Herrndorf sich wünschte, aber doch dafür, dass Sterbewillige es leichter haben sollten als er. Aber vor dem Gesetz besteht kein Unterschied zwischen meinem Wunsch und denen anderer Hinterbliebener, die aus akutem Unglück heraus die Todesstrafe für Kindermörder fordern, ohne sich dafür zu interessieren, dass das Recht noch andere Situationen als die ihre zu berücksichtigen hat.

Es ist einfach, anhand von Arbeit und Struktur die Nachteile des bestehenden Systems zu kritisieren. Aber es ergibt sich keineswegs einfach daraus, wie ein anderes System auszusehen hätte.
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Kathrin Passig lebt als Sachbuchautorin in Berlin und war mit Wolfgang Herrndorf befreundet. Gemeinsam mit Marcus Gärtner (Rowohlt) lektorierte sie die Buchfassung von Arbeit und Struktur.

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