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aus Heft 49/2013 Musik

»Der Disput mit Thomas Mann? Das ist wirklich eine scheußliche Geschichte«

Susanne Schneider (Interview)  Fotos: Julian Baumann

Sie ist die Tochter von Arnold Schönberg und die Witwe von Luigi Nono, beide zählen zu den bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Heute versucht Nuria Schoenberg Nono, ihr Erbe zu bewahren. Ein Besuch in Venedig.



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SZ-Magazin: Frau Schoenberg Nono, fürchten Sie sich vor der Zahl 13?

Nuria Schoenberg Nono: Ich? Nein.

Aber Ihr Vater. Und seine Angst hat sogar einen Namen: Triskaidekaphobie. Haben Sie eine Ahnung, warum bei ihm der Aberglaube so tief saß?
Mein Vater hat gesagt, das sei kein Aberglaube, sondern Glaube. Schließlich ist er am Freitag, den 13. geboren und am Freitag, den 13. gestorben.

Dass er an einem Freitag, den 13. sterben würde, konnte er ja nicht wissen, oder?
Na, da bin ich mir nicht so sicher. Gut, in Europa war es schon Samstag, der 14., aber in Los Angeles, wo er gestorben ist, noch Freitag, der 13. Und wenn man daran glaubt, kann einen das beeinflussen. Ich aber habe damit nichts am Hut.

Sie sind die Tochter Arnold Schönbergs, dem Erfinder der Zwölftonmusik und einem der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Und Sie sind die Witwe des Venezianers Luigi Nono, einem der wichtigsten Komponisten moderner Musik der Nachkriegszeit. Über Sie selbst ist wenig bekannt. Stört Sie das, vor allem über zwei andere Menschen definiert zu werden?
Nein, ich finde das ganz natürlich. Es interessiert mich nicht zu erfahren, ob Leute mich googeln. Wichtiger ist mir, dass ich die Nachlässe meines Vaters und meines Mannes gut und sinnvoll verwalte. Ich habe eigentlich Biologie studiert, diesen Beruf jedoch nie ausgeübt. Würde ich aber in einem Labor arbeiten, hätte ich dazu nicht halb so viel Bezug wie zu der Arbeit für meinen Mann und meinen Vater.

Würden Sie einen anderen Weg einschlagen, wenn Sie noch mal zwanzig wären?
In Interviews stellen mir besonders Frauen häufig die Frage: Hätten Sie nicht lieber ein eigenes Leben gehabt? Früher wollte ich immer erklären: Ich mache es aus Liebe und weil ich es interessant finde. Doch so zu antworten hat nie funktioniert. Jetzt mache ich ein böses Gesicht und sage: Beleidigen Sie mich etwa? Ich tue das ja professionell. Das ist kein Hobby von mir. Das, was ich tue, ist das Schönste für mich. Ich habe das Glück, dass ich mit zwei Männern wie Schönberg und Nono gelebt habe.

Ihr Mann ist 1990 gestorben. Sie haben seit 20 Jahren das Archiv Luigi Nonos aufgebaut, das jetzt hier in einem Teil eines venezianischen Klosters untergebracht ist. Wer sind Ihre Besucher?
Das Archiv steht allen offen, nicht nur Musikwissenschaftlern. Wobei sicher inzwischen 20 Dissertationen und Magisterarbeiten mithilfe der Partituren, Bücher, Skizzen und Manuskripte meines Mannes angefertigt wurden. Außerdem kommen Dirigenten und Klangregisseure, wenn irgendwo ein Werk Nonos aufgeführt wird, um sich über die Partitur hinaus in den Stoff einzuarbeiten und seine Überlegungen zu diesem Werk zu verstehen.

Woher konnten Sie das? Ein Archiv aufbauen und leiten?
Ich hatte ja große Erfahrung, weil ich im Schoenberg Institute in Los Angeles vier Jahre die große Schönberg-Biografie zusammengestellt habe. Aber hier in Venedig gibt es ein anderes Problem: das Geld. Wie man das beschafft, das habe ich nicht gelernt. Und seit Italien in der Krise ist, werden überall Gelder gestrichen. Darum schieße ich eigenes Geld dazu und bin auf Spenden angewiesen.

Wie viel kostet der Unterhalt dieses Archivs?
100 000 Euro im Jahr. Und ich glaube, viele Leute würden uns gern etwas spenden, wenn Sie wüssten, dass es uns gibt. Viele Besucher sind verblüfft, weil sie sich ein Archiv anders vorgestellt haben, mit viel Staub, nicht so licht und offen wie unseres.

Sind Sie musikalisch?

Ich liebe die Musik, ich habe ein Gefühl dafür, ich habe als Studentin viel gesungen. Aber ich spiele kein Instrument. Mein Vater hat gesagt: Wir drei Kinder waren Wunderkinder, weil wir so früh aufgegeben haben. Ich sollte Geige spielen, aber ich war untalentiert und faul.

Konnten Sie Luigi Nono auch deshalb heiraten, weil Sie als Tochter von Arnold Schönberg ihn und seine moderne Musik besser verstanden haben als fast alle anderen?
Ich glaube schon. Speziell in Italien hat man in den Fünfzigerjahren die Musik von Nono nicht verstanden – in Westdeutschland wurde er viel öfter aufgeführt. Aber ich will es nicht auf die Musik reduzieren: Wenn Sie sich die Bilder hier im Archiv anschauen, auf denen wir beide zu sehen sind, dann merken Sie schnell, dass wir uns auch sehr gefallen haben.

Umgekehrt: Wusste auch er, Sie würden ihn besser verstehen, als fast alle anderen Frauen es je könnten?
Sicher, ich war für ihn nicht nur Nuria, sondern auch Schönbergs Tochter. Und schon als Kind wusste ich: Wenn jemand komponiert, muss man ihn in Ruhe lassen. Das ist vielleicht das Wichtigste – und sehr wenige Frauen verstehen das.

Automatisch denkt man: Ob Sie auch so eine Kindheit hatten wie die Kinder Thomas Manns, dem sich alle unterordnen mussten?

Ach, überhaupt nicht! Mein Vater hat viel mit uns gespielt, hat Spiele erfunden, war ungeheuer liebenswürdig. Nur wenn er gearbeitet hat, war sein Zimmer verschlossen und man durfte keinen Lärm machen. Einmal waren wir in Los Angeles bei den Manns eingeladen, so Anfang der Vierzigerjahre, da musste ich draußen im Garten bleiben, während sich die Erwachsenen drinnen unterhielten.

Ihr Vater hatte ja auch einen kleinen Disput mit Thomas Mann.

Einen großen.

Einen großen?
Das ist wirklich eine scheußliche Geschichte, die passierte, als mein Vater schon alt und krank war. Als er 1933 von Wien in die USA emigriert ist, hat er alles zurücklassen müssen, seine Schüler, Freunde. Er fühlte sich einsam. Aber ich glaube, hätte er sich nicht so über Thomas Mann ärgern müssen, hätte er länger gelebt.

Sie spielen auf den Roman Doktor Faustus an, in dem Adrian Leverkühn die Zwölftonmusik erfindet, die in Wahrheit Ihr Vater erfunden hat?
Mann hat sich in den USA hinter seinem Rücken von Theodor Adorno die Methode der Zwölftonkomposition erklären lassen für seinen Doktor Faustus, Adorno war ja nicht nur Philosoph, sondern auch Musiktheoretiker. Leider war Leverkühn das komplette Gegenteil meines Vaters. Er hat sie für sich selbst erfunden, aber nicht, weil er wie Leverkühn etwa Syphilis hatte oder verrückt war oder das Ende der deutschen Kultur repräsentierte.

Soll ein Schriftsteller nicht die Freiheit haben, eine Figur nach seiner Fantasie auszuschmücken?
Mein Vater und Thomas Mann haben sich in den Vierzigerjahren öfter in L. A. gesehen, aber Mann hat ihm nie gesagt, dass er gerade an diesem Roman schreibt. Und seit der Briefwechsel zwischen Mann und Adorno veröffentlicht wurde, weiß man, die beiden haben es meinem Vater bewusst verschwiegen, weil sie fürchteten, er wäre dagegen, so charakterisiert zu werden. Wie alle Deutschen hatte er einen großen Respekt vor Thomas Mann. Früher hatten sie einander ihre Bücher gewidmet und dann hintergeht der eine den anderen so.

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Der Wahrheit eine Gasse: Erst als Susanne Schneider im Netz auf eine Seite gestoßen ist, die Kindern die Zwölftonmusik Arnold Schönbergs erklärt, hat sie sie endlich begriffen. Und konnte einigermaßen beruhigt zu Schönbergs Tochter nach Venedig fahren. Zum Nachlesen: www.br-online.de/kinder/fragen-verstehen/musiklexikon/ 2010/02873/

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