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aus Heft 50/2013 Gesundheit

Jetzt oder Knie

Werner Bartens, Rainer Stadler (Interview)  Fotos: Ulrike Myrzik, Manfred Jarisch

Bloß nicht verkanten: Zum Start der Ski-Saison ein Gespräch mit Ernst-Otto Münch, Gelenkspezialist und Teamarzt der Ski-Nationalmannschaft, über brutale Stürze und Patienten, die zu schnell unters Messer wollen.




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SZ-Magazin: In der Symbolik wird das Knie mit Demut in Verbindung gebracht: Man sinkt ehrfürchtig auf die Knie oder bekommt weiche Knie. Es wird aber auch mit Eigenschaften wie Kraft und Flexibilität assoziiert. Wie sehen Sie das Gelenk, nachdem Sie mehr als 20 000 Menschen operiert haben?

Ernst-Otto Münch: Mich fasziniert vor allem, dass sich das Knie in der Evolution über Millionen Jahre nicht groß verändert hat. Die Saurier hatten Knie, und wenn man heute ein Hendl auseinandernimmt, erkennt man sofort, dass es Kreuzbänder hat und Menisken, wie die Menschen.

Ein Wunderwerk der Natur?
Na ja, was die Mechanik betrifft, passt eigentlich vieles nicht zusammen: die unterschiedlichen Krümmungen bei den Gelenkrollen am Oberschenkel, auf der anderen Seite der flache Schienbeinkopf. Trotzdem hat es sich irgendwie bewährt.

Was sind die größten Schwachpunkte?
Sicher der Meniskus. Manchmal reicht schon ein Aufstehen aus der Hocke – wenn der Unterschenkel leicht verdreht ist –, dass der Meniskus am freien Rand einreißt. Das Problem ist, dass er größtenteils nicht durchblutet ist: Er kann dadurch nicht heilen und muss operiert werden. Generell gilt bei Knorpelschäden: Wir können den Knorpel abschleifen oder mechanisch bearbeiten, aber nicht hundertprozentig wiederherstellen.

Warum haben Sie sich gerade aufs Knie spezialisiert?
Ich wurde bereits mit 15 Jahren zum ersten Mal am Meniskus operiert, damals noch klassisch, mit einem großen Schnitt. Später dachte ich mir: Das muss doch besser gehen. Als junger Arzt war ich Anfang der Achtzigerjahre Praktikant bei Richard Steadman in den USA, da bestätigte sich dieses Gefühl: Er arbeitete schon damals mit der Arthroskopie.

Sie meinen den weltbekannten Orthopäden, der Martina Navratilova, Bode Miller, Vitali Klitschko und unzählige Fußballprofis operiert hat.
Damals war er noch nicht so bekannt, uns Europäern aber weit voraus.

Heute wird die Technik in jeder Wald- und Wiesenpraxis eingesetzt. Wie sind Ihre Erinnerungen an die Anfangsjahre?
Wir hatten anfangs noch keine Kamera am Arthroskop, die das Bild auf einen Monitor überträgt, sondern schauten mithilfe der Sonde direkt auf das Gelenk. Um Infektionen beim Patienten zu vermeiden waren wir vermummt wie Beduinen, und viel gesehen haben wir ehrlich gesagt auch nicht. Aber bald kamen die ersten Kameras, was die Arbeit enorm erleichterte.

Inwiefern haben Sie davon profitiert, dass Sie auch noch mit dem Skalpell operiert hatten?
Bei einer offenen Operation sieht man das Gelenk direkt in seiner dreidimensionalen und natürlichen Struktur. Das hilft später bei der arthroskopischen Operation. Für die Kollegen heute ist es schwieriger, sich das Gelenk räumlich vorzustellen, weil sie es nur zweidimensional auf dem Bildschirm sehen.

Viele Menschen sitzen den ganzen Tag im Büro und bewegen sich in der Freizeit kaum. Sieht man das dem Knie an?
In meiner Praxis bin ich eher damit konfrontiert, dass die Intensität des Sports deutlich zugenommen hat, in der Breite wie in der Spitze. Nehmen Sie die Fußball-Bundesliga: Die Spieler laufen heute jedem Ball hinterher, Pausen gibt es kaum noch. Wer den Ball hat, wird sofort vom Gegner bedrängt. Das bedeutet mehr Dynamik, viele plötzliche Richtungswechsel, mehr Belastung für die Gelenke. Ähnliches gilt für den Skisport, wo sich das Material deutlich verändert hat.

Mit welchen Konsequenzen?
Die Taillierung der Ski – vorn und hinten breit, in der Mitte schmal – ermöglicht viel engere Kurvenradien. Breitensportler sind davon nicht so betroffen, wenn die einen Schwung machen, rutschen sie halt etwas. Aber Rennläufer fahren fast nur noch auf der Kante, da gibt es keine Rutschphasen mehr. Je nach Tempo und Radius, mit der sie eine Kurve fahren, entstehen gewaltige Zentrifugalkräfte.

Was heißt gewaltig?
Wir haben mal Druckmessplatten in die Schuhe von Rennläufern eingelegt, um diese Kräfte zu bestimmen. Es war zwar nur ein Riesenslalom in mittelsteilem Gelände, mit Geschwindigkei-ten von fünfzig, sechzig Stundenkilometern. Trotzdem ergaben sich bei jedem Schwung Belastungen von mehr als 2000 Newton.

Können Sie das irgendwie übersetzen?
Das ist die Kraft, die man braucht, um 200 Kilo zu halten – und zwar pro Bein. Es handelt sich um kurzzeitige Belastungen, aber das ist schon enorm. Erst recht bei einem Super-Riesenslalom oder einer Abfahrt, wenn die Rennläufer mit bis zu 140 Stundenkilometern unterwegs sind.

Fast ebenso lang wie Sie als Knieorthopäde arbeiten, haben Sie auch die deutsche Ski-Nationalmannschaft betreut. Hat sich der Rennsport so entwickelt, dass ein Athlet seine Karriere heute zwangsläufig als Teilinvalide beendet?
Die Wahrscheinlichkeit ist im Alpinsport sehr hoch. Es gibt eine Untersuchung des Internationalen Skiverbands, die über einen Zeitraum von fünf Jahren lief: Von den 280 erfassten Sportlern hatten sich 83 schwer verletzt. Eine erschreckende Zahl.

Gibt es auch Ausnahmen?
Rosi Mittermaier. Sie hatte zwar Verletzungen, aber nie richtig schlimme. Kein Kreuzbandriss, kein Meniskusschaden. Wir haben sie einmal untersucht, als sie über Schmerzen klagte. Aber es war nur eine Innenbanddehnung. Ansonsten hatte sie ein wunderbares Knie.

Wunderbares Knie, schöne Frauenbeine – hat man dafür noch einen Blick, nach mehr als 20 000 Knieoperationen?
Ich bin sicher hetero veranlagt, aber was das Knie angeht, sind mir Männer in der Regel lieber. Die haben einfach weniger Fettgewebe unter der Haut.

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Am Ende des Gesprächs wollten Werner Bartens und Rainer Stadler noch wissen, wie sie sich am besten für ihren Skiurlaub in den Weihnachtsferien vorbereiten. Münch rügte sie erst mal: Eine vernünftige Vorbereitung beginne mindestens sechs Wochen vor der ersten Abfahrt.

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