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aus Heft 50/2013 Musik

Unerhört

Roland Schulz  Fotos: Philipp Ebeling, Thomas Rabsch

Evelyn Glennie ist so gut wie taub - und trotzdem eine der besten Schlagzeugerinnen der Welt. Die Geschichte eines kleinen Wunders.

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Vor Jahren bewarb sich die Schlagzeugerin Evelyn Glennie bei einem berühmten Ensemble. Sie zog, wie es ihre Art ist, vor dem Vorspielen die Schuhe aus, zur Verblüffung des Dirigenten.
»Wollen Sie mit den Füßen spielen?«, giftete er. Glennie murmelte, barfuß zu sein helfe ihr, die Musik zu hören.
»Sie ist taub«, erklärte der Musiker, der für Glennie gebürgt hatte.
»Wirklich?«, fragte der Dirigent. »Wie konnte sie dann verstehen, was wir sagen?« Er sprach, als wäre sie nicht mehr anwesend. Jetzt erhob Glennie ihre Stimme. »Ich lese Lippen«, sagte sie.
»Hör auf zu lesen und fang an zu spielen«, sagte der Dirigent. »Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit.« Da griff Glennie ihre Stöcke und wirbelte so lange in wildem Stakkato über die Mülltonnen, in denen der missmutige Dirigent wohnte, bis er juchzte.

Seitdem zählt Evelyn Glennie zum Ensemble der Sesamstraße. Sie hat mit Stars wie Björk oder Sting gespielt und mit den meisten der großen Philharmonie-Orchester musiziert – aber in keinem Konzert kamen sich die zwei Seiten ihrer Karriere so nahe wie damals, als sie vor Oskar auftrat, dem grünen Griesgram aus der Mülltonne: Sie, die ertaubte Schlagzeugerin, trommelte sich in die Sesamstraße.

Gewöhnlich trennt Glennie ihre Kunst und ihr Gehör strikt. Sie hat Veranstaltern lange verboten, Informationen über ihren Hörsinn zu verbreiten. Bis heute enthält die Biografie auf ihrer Homepage keinen Hinweis darauf. Sie will als Musikerin wahrgenommen werden – aber sobald ihr Gehör ins Spiel kommt, sehen Menschen sie als Wunder oder als Schwindlerin.

Sie steht in den Kulissen, eine ergraute Frau von fast fünfzig Jahren, umgeben von Pauken, Trommeln, Becken. Sie trägt ihr Haar lang, es fällt auf ihre Schultern wie ein Schleier. Sie ist sauer. In acht Stunden soll sie vor ausverkauftem Haus auftreten, Höhepunkt des Musikfestivals von Moers. Aber nichts ist aufgebaut. Jetzt befiehlt sie die Bühnenarbeiter selbst, die Stimme höflich und schneidend. Die Arbeiter flüchten davor in Geschäftigkeit, aber ihre Blicke bleiben Glennie nicht verborgen: Die soll taub sein? Die hat es doch voll drauf! Sie hat es so satt.

Als Evelyn Glennie ihr Gehör zu verlieren begann, war sie acht Jahre alt. Sie lebte auf einem Bauernhof im Nordosten Schottlands, nahe Aberdeen. Sie hatte früh Mundharmonika gespielt, dann Klavier, schließlich Klarinette. Sie hatte ein Gespür für Melodien. Erst merkte sie nichts. Ohrenweh mal, und oft nuschelten die Brüder nur. Sie war die jüngste. Sie kam schon zurecht. Seltsam war nur, dass ihre Nähe zu den Tönen schwand.

Ihre Musiklehrer hatten schnell begriffen: Das Mädchen hat das absolute Gehör. Nun erlebte sich Evelyn zwiegespalten: Die Töne klangen in ihren Gedanken klar und rein, aber sie vernahm sie verwaschen, als hinke ihr Gehör hinterher.

Vor ihrem Übertritt in die höhere Schule, 1977, stellte ein Amtsarzt fest: Das Kind ist hochgradig schwerhörig, Folge einer schleichenden Schädigung des Hörnervs, vermutlich ausgelöst durch eine verschleppte Entzündung. Er empfahl, es umgehend in eine Sonderschule für Gehörlose zu schicken. Musikerin? Nie im Leben.

Evelyn hatte das Gefühl, zum Krüppel erklärt zu werden. Zu Hause nahm ihr Vater sie zur Seite. Ob mit Gehör oder ohne, sagte er, sie solle im Leben tun, was sie tun wolle. Evelyn, gerüstet mit den stärksten Hörgeräten, wechselte auf die Oberschule. Dort wusste niemand, wie mit diesem Mädchen umgehen. Erst hatte Evelyn ein Geheimnis um ihr Gehör gemacht: Sie hatte sich das Haar so lang wachsen lassen, dass es ihre Hörgeräte verbarg. Dann kam heraus, dass sie kaum auf Hilfe angewiesen war: Seit ihr Hörsinn schwand, hatte sie sich angewöhnt, von den Lippen der Menschen zu lesen, was ihren Ohren entging. Schließlich erklärte sie, Schlagzeug lernen zu wollen.

Sieben Stunden noch. Sie streift das Spalier der aufgebauten Trommeln entlang, pocht auf Klangkörper, fährt über die Felle. Manche schlägt sie an. Manche streichelt sie nur. Am Anfang ihrer Karriere ließ sich Glennie ihre Instrumente einfliegen, um überall auf vertrauten Trommeln zu spielen, aber das ist unbezahlbar geworden. Sie hat über hundert Auftritte im Jahr. In ihrem Studio im Norden Londons stehen 1800 Instrumente. Sie spielt jetzt meist auf Schlagwerk, das ihr fremd ist. Deswegen das Prüfen. Sie verleibt sich den Klang ein.

1978 ließ sich der Schlagzeug-Lehrer des Schulbezirks, Ron Forbes, auf das Experiment ein. Am Anfang der ersten Stunde drückte er Evelyn eine Marschtrommel in die Hand und sagte: Bis nächste Woche dann. Ehrfürchtig nahm Evelyn das Instrument mit auf den Bauernhof. Kein Ständer. Keine Stöcke. Tag für Tag spielte sie an der Trommel herum.

Die Woche darauf fragte Forbes, wie weit sie gekommen sei. Eingeschüchtert schwieg Evelyn. Da sagte Forbes: Gib mir das Gefühl eines Traktors. Evelyn kehrte die Trommel um, schnalzte die Schnarre auf und schmirgelte damit über das Instrument.

Regen, sagte Forbes. Evelyns Finger spritzten über das Fell.
Schnee, sagte Forbes.
Schnee?, fragte Evelyn.

Schnee macht kein Geräusch, sagte sie. Dann kam sie drauf. Er hatte nicht nach dem Geräusch gefragt. Er hatte nach dem Gefühl gefragt. Sie suchte einen Weg, die Empfindung auszudrücken, wenn eine Schneeflocke auf der Wange zerrinnt. Sie scheiterte. Dann bis nächste Woche. Bis heute ist Forbes’ Art, ein Talent zu fordern, ihr Ideal von Musikunterricht.

Wenige Wochen später befahl Forbes, ihr Hörgerät auszuschalten. Er hatte den Eindruck, es hindere Evelyn. Da das Gerät ausnahmslos alle Laute verstärkte, erzeugte es keine Klarheit unter den Klängen, sondern Chaos. Unterhielt sich Evelyn unter Menschen, wurde ihre Stimme unbewusst schriller. Spielte sie Musik mit anderen, schlug sie immer lautere Töne an. Jetzt legte der Lehrer Evelyns Hände an die Wände des Proberaums und begann, langsam auf Pauken zu spielen.

Wo fühlst du das, fragte er. Die Beine hinauf, sagte Evelyn. Es war ein tiefer Ton. Und das? Im Nacken. Ein hoher Ton. So stimmten sie die Pauken, und mit ihnen stimmte Evelyn ihren Körper auf den Schall. Es dauerte. Manche Töne waren flüchtig wie ein Windhauch, manche so erschütternd, dass sie noch im Bauch bebten, wenn schon die nächsten die Glieder stürmten. Nach und nach bemächtigte sich Evelyn der Klänge aller Schlaginstrumente, derer sie habhaft wurde. Es war ein großartiges Gefühl. Sie war wieder im Einklang mit den Tönen. Es dauerte nicht lang, und sie spielte ihre ersten Konzerte.
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Ausgerechnet das Stammpublikum eines Orchesters höre dessen Konzerte nur eingeschränkt, erfuhr Roland Schulz: Wer stets auf seinem Stammplatz sitze, erklärte Evelyn Glennie, erfahre nicht die volle Dimension der Musik - dazu müsse man mal in der ersten Reihe, mal ganz hinten sitzen. Oder, im Falle ihres Parade-Instruments Marimba: sich direkt darunterlegen.

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