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aus Heft 02/2014 Schule

Die drei von der Baumschule

Rainer Stadler  Fotos: Gerhard Westrich, Rafael Krötz

Juri, Immanuel und Semjon mussten nicht zur Schule gehen. Für viele Kinder ein Traum, für Behörden ein Albtraum. Nun sind die Brüder erwachsen. Wurden sie Verlierer, Versager, Verweigerer? Eben nicht.

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Alternativer Unterricht: Juri, Immanuel und Semjon (von links) lernten früh auf Bäume und Masten zu klettern.

Ein sonniger Herbsttag in Niedersachsen, auf einer Anhöhe nördlich von Hildesheim hat sich eine fröhliche Gemeinschaft versammelt, die eine Vorliebe für veganes Essen, Bionade, Afro- und Reggaemusik verbindet. Und die Ablehnung der staatlichen Schulpflicht. Aus dem ganzen Land sind Familien angereist, die sich dem Zwangsunterricht widersetzen und mit den Behörden streiten oder - wenn sie Glück haben - von ihnen geduldet werden. Schon der Ort des »Schulfrei-Festivals« - mitten im Wald, mit Bus oder Bahn kaum zu erreichen - deutet an: Wer in Deutschland den Traum vom Leben ohne Schule auslebt, begibt sich an den Rand einer Gesellschaft, die eher mehr als weniger Schule will, angeblich im Interesse der Kinder.

Drei Tage dauert das Festival, gut 300 Besucher lauschen Referenten aus Frankreich, England und Kanada, wo es Eltern erlaubt ist, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten. Auch Christiane Ludwig-Wolf hält einen Vortrag, über die rechtliche Situation von Schulverweigerern in Deutschland. Sie kennt sich aus, ihre drei Söhne gingen sechs Jahre lang nicht zur Schule. Immanuel, ihr Ältester und Mitorganisator des Festivals, steht am Eingang und kassiert für Eintritt und Essensmarken. Das damit verbundene Rechnen fällt dem 25-Jährigen etwas schwer, und sofort drängt sich der Verdacht auf: Ist das der Preis der Schulabstinenz? Doch sein jüngerer Bruder Juri hat ebenfalls sechs Jahre geschwänzt - und war trotzdem wenige Wochen nach der Einschulung in eine Regelschule Klassenbester in Mathe. Die Geschichte der Brüder Wolf liefert keine schnellen Antworten, dafür einige erstaunliche Erkenntnisse und jede Menge Zweifel am Sinn gängiger Schulbildung.

Anfang der Neunzigerjahre, in einem Dorf auf der Schwäbischen Alb. Immanuel Wolf besucht die zweite Klasse einer Waldorfschule. Jeden Morgen, wenn ihn sein Vater dort abliefern will, schreit und tobt er, wehrt sich buchstäblich mit Händen und Füßen gegen die Schule. Die Eltern stehen vor einem Rätsel. Ein Pädagoge rät, den Jungen einfach sechs Wochen lang in die Schule zu bringen, dann werde das Geschrei schon aufhören. Das entspricht nicht den Vorstellungen der friedensbewegten Eltern. Sie haben sich Anfang der Achtzigerjahre bei einer Sitzblockade gegen die Raketenbasis in Mutlangen kennengelernt und teilen ein Hobby, dem zu dieser Zeit viele junge Menschen nachgehen: ziviler Ungehorsam. Der Sohn wird also an der Schule krank gemeldet und Christiane Ludwig-Wolf, die Mutter, taucht tief in die alternative Pädagogik ein. Sie hört auch einen Vortrag von Olivier Keller, der Familien aus der Schweiz und Frankreich untersucht hat, die sich der konventionellen Schulbildung verweigern, und voller Bewunderung ihre Lebensgeschichten erzählt. Sie denkt: »Wenn andere Familien das hinkriegen, schaffen wir das auch.«
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Rainer Stadler erinnert sich, dass es an seiner Schule Zwang, aber auch viele Freiheiten gab: Im Klassenzimmer flogen Stinkbomben, im Klo wurde geraucht, und - heute unvorstellbar - sein Lateinlehrer war Protagonist einer damals überaus populären Werbekampagne: »Ich trinke Jägermeister, weil …«

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