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aus Heft 02/2014 Gesellschaft/Leben

Geschminkte Wahrheit

Thorsten Schmitz  Fotos: Alexander Gronsky

Olympische Spiele in Russland - und Wladimir Putin drangsaliert Homosexuelle mit absurden Gesetzen. Ausgerechnet im Austragungsort Sotschi haben sich Schwule und Lesben ein kleines Paradies geschaffen. Aber wie lange geht das gut?



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Samstag, früher Abend, goldgelb versinkt die Sonne im Schwarzen Meer. In Sotschi wird es im Dezember erst um 18 Uhr dunkel. Der ehemalige russische Präsident Dimitri Medwedew mochte die Winterzeit nicht, so hat er sie abgeschafft. Wladimir Putin mag Homosexuelle nicht, so gibt es jetzt ein Gesetz, das es Menschen wie Andrej Tanitschew und Roman Kochagow verbietet, sich zu küssen. Ein Kuss unter Männern auf der Straße gilt jetzt als »Propaganda für Homosexualität«. Man kann dafür eine Gefängnisstrafe oder eine Geldbuße bekommen.

Für einen Kuss.

Andrej, 35, und Roman, 39, lümmeln in ihrem Wohnzimmer auf einem beigefarbenen Designersofa, ihre Siamkatze kommt angeschlichen. »Champagner?«, fragt Andrej in die Runde. Am Esstisch sitzen zwei Freunde aus Moskau, beide sehr beschäftigt mit iPhone und iPad. Ein Korken knallt, Gläser werden gefüllt. Seit neun Jahren betreiben Andrej und Roman den Nachtclub »Majak« im Stadtzentrum von Sotschi. Tagsüber schlafen sie, nachts sortieren sie im Club-Büro Rechnungen und essen Sushi um Mitternacht. Majak heißt »Leuchtturm«. Der Club ist ein Hafen für Homosexuelle, in dem sich auch Heterosexuelle sehr wohl fühlen.

Die Villa ist ein Traum. Drinnen Fußbodenheizung, Kronleuchter, Kamin, draußen Mandarinenbäume und Hasenställe. Zehn Hasen besitzt Roman, denen er keine Namen gibt, »sonst kann ich sie nicht schlachten«. Hinter dem Haus sieht man die schneegepuderten Kaukasus-Berge, von der Terrasse aus Olympia-Stadt und Schwarzes Meer. Seit einem Jahr wohnen Roman und Andrej über den Hügeln von Sotschi. Es gibt keinen größeren Kontrast zwischen ihrem verrauchten Club und
der Einöde. Roman liebt es hier oben. Was genau er liebt? »Hier stört uns niemand.«
Im Juni hat Putin ein Anti-Homosexuellen-Gesetz erlassen. Es stellt »Propaganda für nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen« unter Strafe. Im Westen fordern viele, die Olympischen Winterspiele zu boykottieren. Elton John ist im Dezember in Moskau aufgetreten. Für einen Augenblick hat er sein Konzert unterbrochen und gesagt, das Gesetz mache ihn »sehr traurig«. Das Konzert hat er Wladislaw Tornowoi aus Wolgograd gewidmet. Der 23-Jährige war von Schulfreunden zu Tode getreten worden. Er hatte ihnen gesagt: »Ich bin schwul.«

In Sotschi kann man so einen Satz sagen, ohne um sein Leben fürchten zu müssen. Die Kleinstadt an der Küste ist die weiche Version von Russland: mediterranes Klima, Parks, Palmen, Bars, Straßenkatzen und viele alten Frauen, die Laub zusammenfegen. Vier Millionen Touristen strömen jedes Jahr nach Sotschi, auch Putin hat hier eine Villa, Gewalt wie in Moskau oder St. Petersburg gegen Schwule und Lesben gab es bislang nicht. Vor Kurzem hat ein zweiter Schwulen-Club geöffnet, das »Serkala«. Im Sommer sonnen sich Homosexuelle am Schwulen-Strand, im Lenin-Park gibt es einen Schwulen-Treffpunkt, und am Strand verkaufen Souvenirshops Reisepässe-Kopien, auf denen »Schwulen-Ausweis« steht. »Jeden Sommer«, sagt Andrej, »kommen Väter mit ihren Familien und leben ihre schwulen Seiten nachts bei uns aus.«

Roman und sein Partner Andrej haben in den letzten Wochen Reportern aus aller Welt Interviews gegeben. Der Rummel nervt sie inzwischen. »Viele wollen ihr Bild vom bösen Russland bestätigen«, sagt Andrej. »Dabei ist Sotschi ein Paradies für Homosexuelle.« Das Paradies liegt weit weg vom Kreml, und es gibt einen schon zu Sowjetzeiten bekannten Spruch: »Was in Sotschi passiert, bleibt in Sotschi.«

Dass Lesben und Schwule in Sotschi relativ unbehelligt leben, hat einen simplen Grund: Sie tun es hinter verschlossenen Türen. Roman krault die Siamkatze. Eigentlich wollte er nichts mehr sagen, spricht dann aber doch: »Putins Gesetz interessiert uns nicht. Wir Schwule leben hier eh nicht so wie die Schwulen in Europa.« Nicht aufzufallen, darin sind er und Andrej geübt. In den 13 Jahren, die sie zusammen sind, sind sie nicht einmal auf der Straße Hand in Hand gelaufen. Verstecken ist für ihn normal: »Die russische Gesellschaft ist nicht bereit, so etwas zu sehen. In Abu Dhabi würde ich ja auch nicht mit einer Flasche Bier auf der Straße rumlaufen.« Roman und Andrej halten nichts von Schwulen-Aktivisten. »Die«, sagt Andrej, »fachen mit ihren Demonstrationen nur Hass an.«

Putins neues Gesetz ist sehr populär: 88 Prozent der Russen befürworten es, fast vierzig Prozent halten Homosexualität für eine Krankheit. Bis 1993 konnte man wegen »Geschlechtsverkehr unter Männern« noch bis zu fünf Jahre Lagerhaft bekommen. Dann hob Präsident Boris Jelzin das von Stalin eingeführte Gesetz auf. Zwanzig Jahre später gibt es nun Putins Kussverbot, vor dem selbst internationale Firmen kuschen. Ikea hatte vor Kurzem in seiner Kundenzeitschrift ein Interview mit einem lesbischen Paar abgedruckt. Dasselbe Interview fehlt auf der russischen Internetseite von Ikea. Eine Sprecherin von Ikea Russland sagt: »Wir befolgen einfach das Gesetz in Russland.«

Der »Majak-Club« ist leicht zu übersehen. Eingezwängt zwischen dem unfertigen Neubau eines »Hyatt«-Hotels und dem Promenaden-Garten liegt er: ein goldfarbener Bungalow, dessen Fenster mit Goldfolie zugeklebt sind. Kein Name steht über dem Eingang, nur zwei Sicherheitskameras hängen dort. Drinnen wummert Euro-Pop, auf einer riesigen Videoleinwand flimmern Musikclips. Überall hängen Poster mit halb nackten Männern, einen Darkroom gibt es auch.

Es ist noch früh an diesem Abend, und früh im »Majak« heißt: 22 Uhr. Vor zwei Uhr morgens beginnt hier nie eine Show. Ruslan steht in der zugigen Garderobe vor dem Schminkspiegel und zupft sich die Augenbrauen, die zusammenzuwachsen drohen. Das »Majak« ist sein Wohnzimmer. Er isst und trinkt und flirtet hier. Es ist auch: sein goldener Käfig. Ruslan ist Kellner. Seine Eltern glauben, er arbeite in einer Hotelbar.

Ruslan vertreibt sich die Zeit in der Garderobe mit Andrej Smefanin, 28, und Ilja Usolcev, 29. Langsam verwandeln sie sich in ein Dragqueen-Paar, mit Hilfe von Schminke, die sie online in Deutschland bestellen. Beide stammen aus sibirischen Dörfern. »Da hätten wir nie überlebt«, sagt Andrej. In Russland, sagt er, »darfst du dich als Schwuler nicht umarmen, nicht küssen.« Sie hielten sich daran, sagt er. An seinem Hals hängt ein Jesuskreuz. Die Kette trägt er fast immer. Nur nachts, wenn sich Andrej falsche Brüste umschnallt, legt er den Jesus ab.

Andrej strahlt die Langeweile eines Schauspielers aus, der jeden Abend in dieselbe Rolle schlüpft. An fünf Tagen in der Woche verwandelt er sich in Fantasiefrauen, hundert US-Dollar bekommt er pro Auftritt. »Ich will so viel Geld wie möglich verdienen«, sagt er. Ilja und er wollen nach Amsterdam fliegen – um zu heiraten. Kurz vor Mitternacht: Schicht um Schicht tragen sie Make-up auf, die Füße stecken in weißen Socken und Plastikbadeschlappen. Über sein Coming-out redet Andrej nicht gerne: »Meine Eltern hoffen immer noch, dass ich eines Tages eine Frau heirate und Kinder bekomme.« Was er von Putins Gesetz hält? Andrej klebt falsche Wimpern an und sagt: »Kein Problem für uns. Wir merken hier gar nicht, dass es so ein Gesetz gegen Homosexuelle gibt.« Für Putin hat er sogar Lob übrig: »Putin hat die Renten erhöht.«

Ruslan hat nicht zugehört. Er klickt auf VK.com herum, der russischen Version von Facebook. Das Gesetz? »Politik interessiert mich nicht.« Ruslan lebt in der putinfreien Welt des »Majak«. Keine Nacht endet bei ihm vor acht Uhr morgens. Er sieht müde aus. Gern würde er seinen Eltern sagen, dass er auf Männer steht. »Aber dafür«, sagt er, »ist es noch zu früh.«
 
Für Wladimir ist es viel zu spät, mit der Wahrheit herauszurücken. Er ist jetzt 55 Jahre alt, und keiner weiß, dass er schwul ist. Nur Leonid. Wladimir wohnt am Stadtrand von Sotschi, weit weg vom Louis-Vuitton-Laden am renovierten Hafen. Zum Interview ist er nur bereit, wenn man seinen Nachnamen nicht nennt und ihn nicht fotografiert. In seiner Wohnung ist es sehr warm, er hat sich mit Parfüm eingesprüht. Wladimir war Kranführer, bis Rückenschmerzen ihn plagten. Jetzt bezieht er Frührente. »Einmal in meinem Leben habe ich gespürt, was Liebe ist«, sagt er und brüht Tee auf. Die Liebe galt Boris, einem Lkw-Fahrer. Doch Boris starb bei einem Unfall.

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Thorsten Schmitz war nicht nur das erste Mal in Sotschi, sondern auch das erste Mal in Russland. Zwei Dinge empfand er als gewöhnungsbedürftig: dass er in fünf Tagen so viel Fleisch gegessen hat wie in einem Jahr in Deutschland. Und dass, wenn er sich morgens um 9 Uhr verabreden wollte zu Interviews, jeder entsetzt abgewinkt hat. Die Russen, hat man ihm erklärt, schlafen gern etwas länger.

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