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aus Heft 04/2014 Fernsehen

Beifall auf Befehl

Stefan Niggemeier  Illustration: Philippe Petit-Roulet

Stundenlang rumsitzen, kein Schluck zu trinken, auf Kommando jubeln: Bei Fernsehaufzeichnungen werden Zuschauer schlechter behandelt als die Dekoration. Warum geht da überhaupt jemand hin?

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Fernsehstudios sind die Wüsten dieser Republik. Trinkwasser ist hier noch eine seltene Kostbarkeit, die streng rationiert wird - wenn es sie überhaupt gibt, für die Zuschauer vor Ort. Heute gibt es sie nicht. RTL feiert seinen dreißigsten Geburtstag und zeichnet in einem Studio am Stadtrand von Köln zwei große Fernsehshows mit vielen Stars auf. Tausend Menschen sitzen im Publikum als Kulisse. Ab 16 Uhr sind sie gekommen, um ihre Karten abzuholen, dreißig Euro pro Stück. Um 17 Uhr haben sie sich in die Schlange vor der geschlossenen Studiotür eingereiht. Ab 17.30 Uhr wurden sie auf ihre Plätze gesetzt. Als sie das Studio wieder verlassen, ist es kurz vor halb zwölf.

René Travnicek, der als »Warm-upper« dafür zuständig ist, das Publikum bei Laune zu halten, hatte die Verantwortlichen der Produktionsfirma vorher gefragt, ob es bei einer geplanten Aufnahmezeit von viereinhalb Stunden nicht gut wäre, die Zuschauer zwischendurch mal mit Wasser zu versorgen. Die Antwort: Geht auch ohne.

Dabei ist das Fernsehen auf das Publikum angewiesen. Das lässt es sich aber nicht immer anmerken. Im Studio schon gar nicht. Viele Hunderttausend Menschen brauchen die deutschen Sender jährlich für ihre Shows. Sie sitzen da als eine Art Spiegel für die Zuschauer zu Hause, damit die sehen und hören, wie lustig das Programm ist, wie applaudierenswert, wie ausrastungswürdig. Sie sind da, um sich zu begeistern. Aber nicht zu ihrem Vergnügen. Sie müssen klatschen, wenn ihnen etwas gefallen hat, damit man das auch hört. Und sie müssen klatschen, wenn ihnen etwas nicht gefallen hat, damit man das nicht hört. Man nennt sie auch Klatschvieh.

Der Mann, der dafür verantwortlich ist, dass alle Plätze im Publikum besetzt sind, heißt Torsten Thelemann. Seine Firma TV Ticket Service ist eine von wenigen, die sich auf dieses Geschäft spezialisiert haben. Die Zahl der Zuschauer, die er jährlich mit 15 festen Mitarbeitern und bis zu hundert Call-Center-Leuten für das deutsche Fernsehen organisiert, kann er nur grob schätzen: Hunderttausend könnten es sein. »Nur ein Fünftel davon kommt freiwillig«, sagt er - und verbessert sich schnell: »Nur ein Fünftel fragt selbst nach Plätzen.« Die anderen müssen mehr oder weniger mühsam akquiriert werden, zur Not: mit Geld gekauft. Seit etwa zwanzig Jahren macht Thelemann den Job, aber er hat immer noch schlaflose Nächte, wenn er mal wieder nicht weiß, wie er die Zuschauerreihen bei den in den nächsten Tagen geplanten Aufzeichnungen füllen soll.

Sein wichtigstes Kapital ist eine Datenbank mit einer halben Million Menschen, die sich irgendwann mal registriert haben und deren Alter und Vorlieben bekannt sind. Sie bekommen regelmäßig freundlich-nervige Anrufe, dass demnächst wieder eine tolle Sendung produziert werde, die sie interessieren könnte, ob sie nicht die Gelegenheit nutzen wollten.

Hinzukommen Schulgruppen, die eine Klassenfahrt in die große Stadt machen und für die »Besuch einer Fernsehshow« theoretisch ein aufregender und praktisch immerhin ein lehrreicher Programmpunkt ist. Notfalls werden auch Menschen spontan in der Fußgängerzone verhaftet, eine ganze Klasse vor dem Dom ist der Jackpot. Doch Thelemann sagt, das passiert nicht mehr, das sei nämlich gar nicht erlaubt.

Und so versuchen Call-Center-Mitarbeiter die Ware zunehmend verzweifelt an den Mann zu bringen. Erst gibt es Rabatt. Später locken Freikarten. Doch deren Empfänger sind chronisch unzuverlässig, weil sie sich nicht verpflichtet fühlen. Jeder, der gebucht hat, erhält kurz vor dem Termin noch einen Kontrollanruf, ob er auch wirklich kommt. »Wir sind keine Vorverkaufsstelle, die die Karten verkauft und der es dann egal ist, ob man überhaupt erscheint«, sagt Thelemann. »Uns ist es nicht egal, ob jemand kommt.« Dreißig Prozent der Buchungen fallen in der Regel wieder raus, die Zuschauer sagen vorher schon ab oder tauchen zur Aufzeichnung nicht auf.

In den Neunzigerjahren explodierte der Bedarf des Fernsehens an Saalpublikum. Tägliche Talkshows wurden industriell am Fließband produziert und brauchten Unmengen an Zuschauermaterial. Die, die damals dabei waren, erzählen noch heute tolle Anekdoten aus der Wild-West-Zeit. Geschichten von Reisebussen mit Publikum für eine Talkshow, das kurzerhand von einer anderen gekapert wurde. Von dem Tag, an dem Ilona Christen Glück hatte, weil bei Jeopardy! nebenan die Spieletechnik versagte und man sich flugs die nicht in Gebrauch befindlichen Zuschauer auslieh; als es dann wieder ging, war das Publikum weg. Von Busfahrern, denen man Geld zusteckte, damit sie behaupteten, das Fahrzeug habe eine Panne und könne nicht sofort wieder in die Stadt zurück, damit die Insassen noch für eine weitere Aufzeichnung bleiben. Von abgeschlossenen Ausgängen.
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Geschlagene 27 Stunden saß Stefan Niggemeier für diese Geschichte in Fernsehstudios - und erlebte, wie befreiend Standing Ovations sein können: als Vorwand, sich aus der Klemme der Nachbarschultern auf den engen Rängen zu befreien. Am schönsten, weiß er nun, ist Fernsehen auf dem heimischen Sofa.

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