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aus Heft 05/2014 Gesundheit

Unguter Hoffnung

Lara Fritzsche  Illustrationen: Alessandro Gottardo

Neuerdings erwartet die Gesellschaft auch von Schwangeren, dass sie sich allen möglichen Schönheitsidealen unterwerfen. Das ist nicht nur absurd, sondern gefährlich: Es gibt immer mehr Mütter mit Essstörungen.


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An ihren ersten Gedanken erinnert sich Louisa Bartel noch genau. Sie schämt sich dafür, und doch - das weiß sie - wäre es heute wieder das Erste, was ihr in dem Moment einfiele. Sie hatte den Schwangerschaftstest neben der Toilette auf dem Badewannenrand liegen gelassen und war mit langsamen Schritten einmal die ganze Wohnung abgegangen. Als sie wieder ins Bad zurückkam, waren sicher drei Minuten verstrichen. Das Ergebnis: zwei Streifen, schwanger. Und ihr erstes Gefühl: Panik. Weil sie die vielen alten Ängste alle auf einmal wieder einholen. Zuerst der Gedanke: »Ich kann nicht mehr jeden Tag joggen gehen.« Dann: »Ich muss jetzt mehr essen.« Regelmäßig essen - in ihrem Kopf klingt das furchtbar. Dann die Gewissheit: »Ich werde fett werden.« Am Bauch auf jeden Fall, vielleicht auch woanders: Beine, Po, Brüste. »Krieg ich das je wieder runter?«

Die neun Monate Schwangerschaft sind ein ständiges Auf und Ab. Mal geht es Louisa Bartel gut, sie isst ihren Teller leer und vergisst hinterher sogar, es zu bereuen. Unbeschwerte Tage. Und dann kommen wieder die anderen: Tage, an denen sie sich vor dem Essen ekelt, nichts runterkriegt und mit beißendem Hunger ins Bett geht. Das hält sie gut aus, das kennt sie schon von früher. In ihrer Pubertät erkrankt Louisa Bartel an Magersucht, viele Jahre ist sie in Therapie, zwischenzeitlich sogar für ein halbes Jahr in einer Klinik. Als sie entlassen wird, gilt sie als geheilt. Sie selbst hat das nie so empfunden. Anfällig für eine gestörte Körperwahrnehmung bleibt sie. Therapiesitzungen nimmt sie immer wieder mal in Anspruch, über all die Jahre. Jetzt ist sie 37. »Unwohl habe ich mich im Grunde immer gefühlt«, sagt sie.

Nach außen sieht man das nicht und soll es auch nicht sehen. Louisa Bartel ist Unternehmensberaterin in einer Münchner Consulting Agentur. In diesem Beruf steht sie täglich Leuten gegenüber, denen sie ihre Ideen vermitteln muss. Oder die viel Geld dafür bezahlt haben, dass Louisa Bartel ihnen sagt, dass sie schon heute alles richtig machen. Um andere zu überzeugen, muss man zunächst mal von sich selbst überzeugt sein. Oder es zumindest vortäuschen können. Einen Ruf als unsichere Selbstzweiflerin kann sie sich nicht erlauben, deswegen heißt sie in diesem Text anders als in Wirklichkeit.

Freunde und Arbeitskollegen kennen eine Frau, die mit ihren feinen Lachfältchen um die Augen, dem offenen Blick, der Naturperlenkette und ihrem blau-weiß geringelten Pullover gleichermaßen ernsthaft wie unbekümmert aussieht. Sie wirkt wie eine, die das Leben genießt und alles im Griff hat. Oder: immer alles im Griff haben will. Genau das ist das Problem. Essstörungen sind ein Kontrollversuch. Sie treten dann auf, wenn biologische oder emotionale Veränderungen anstehen, die unüberschaubar scheinen und womöglich überfordern könnten. Deshalb galten sie lange als Pubertätskrankheiten. In den emotionalen und biologischen Besonderheiten der Umbruchphase zwischen Kindheit und Erwachsensein sehen Experten die Ursachen für eine Erkrankung.

Neben der Pubertät ist die Schwangerschaft im Leben einer Frau die zweite große Umbruchphase. Die sie vor ganz ähnliche Herausforderungen stellt: Der Körper verändert sich, das Leben verändert sich - und das alles unter Hormoneinfluss.

Trotz der Parallelen stand die Schwangerschaft lange nicht im Fokus der Psychologen und Experten, die sich mit Essstörungen beschäftigen. Die Möglichkeit, dass schwangere Frauen ihrem Nachwuchs absichtlich zu wenig Nährstoffe zuführen, schien offenbar zu abwegig. Biologisch unlogisch.

Erst im vergangenen Jahr haben sich sieben britische Wissenschaftlerinnen, darunter einige, die selbst auch Mütter sind, an die Hypothese herangetraut: Das Ergebnis der Studie, die die Neurologinnen, Psychologinnen, Gynäkologinnen und Soziologinnen vom Institut für Kindergesundheit und der psychiatrischen Abteilung der Universität London gemeinsam durchgeführt haben, war eindeutig. Von den 739 schwangeren Probandinnen gab jede vierte an, große Angst vor einer Gewichtszunahme und der Veränderung ihrer Körperform zu haben. Jede zehnte Probandin zeigte bereits Verhaltensweisen einer Essstörung; hungerte, hatte Fressanfälle, erbrach sich, verwendete Abführmittel, Darmspülungen oder trieb exzessiv Sport. Und jede 15. Schwangere erfüllte alle Kriterien einer Essstörung. Ein überraschendes Ergebnis. Selbst für die Forscherinnen, die als einige wenige das Auftreten dieser Krankheit überhaupt für denkbar gehalten hatten.

»Wir haben festgestellt, dass die vielen Unzufriedenheiten der Frauen mit dem öffentlichen Bild der schwangeren Frau zusammenhängen«, erklärt die Leiterin der Studie, Nadia Micali. Die Schwangerschaft sei heute sehr viel öffentlicher und weniger schamhaft. Frauen tragen enge Kleidung, zeigen ihren Bauch. Zumindest in den Massenmedien. »Prominente zeigen heute ihre Babybäuche und sehen wenige Tage nach der Geburt wieder superschlank aus. An all dem haben wir teil durch Fernsehen, Zeitschriften, Internet. Diese Bilder erzeugen bei vielen Frauen unrealistische Erwartungen an ihren Körper«, sagt Micali.

Als Herzogin Kate im Juli 2013 den britischen Thronfolger George auf die Welt gebracht hatte und kurz danach mit ihm und ihrem Mann vor dem Londoner Krankenhaus für die Fotografen posierte, löste ihre Erscheinung bei vielen Leuten Fragen aus: »Wieso ist da immer noch diese krasse Wölbung unter dem hellblauen Kleidchen? Sie hat das Baby doch im Arm und nicht mehr im Bauch.« Fragen, die sich viele offenbar ernsthaft stellten, denn der Reporter der britischen Sun sah sich genötigt, sie in seiner Live-Übertragung zu beantworten. Etwas linkisch erklärte er den Zuschauern, dass es durchaus normal sei, dass der Bauch nicht gleich wieder flach sei. Alte Hebammen- regel: Was neun Monate entsteht, braucht auch neun Monate, um wieder zu verschwinden. Logiknachhilfe für die Gesellschaft.

Das gewohnte Bild ist ein anderes: Heidi Klum modelte nur fünf Wochen nach der Geburt ihres Sohnes Henry schon wieder in Unterwäsche. Michelle Hunziker moderierte vier Tage nach der Geburt von Tochter Sole ihre Satire-Show Striscia la notizia - in pinkem Minikleid und schlank wie eh und je. Und Designerin Victoria Beckham trug eine Woche nach der Geburt ihres vierten Kindes Harper wieder Größe 34. Wie das geht? Ärzte gehen davon aus, dass das nur möglich ist, weil viele Prominente ihre Kinder einige Wochen vor dem errechneten Termin per Kaiserschnitt holen lassen. Denn die Gewichtszunahme in der Schwangerschaft verläuft exponentiell. Wer sich die letzten fünf Wochen spart, spart sich gleich einige Kilos.

Wer die volle Schwangerschaft aussitzt und danach noch immer einen dicken Bauch hat, dem hilft Großbritanniens bekanntestes People-Magazin OK! Es veröffentlichte am Tag nach der Geburt von Thronfolger George einen selbsterdachten Diätplan für die Herzogin. Und der Personal Trainer von Kate wird in der gleichen Ausgabe mit den Worten zitiert: »Sie ist superfit, ihr Bauch wird sich wieder komplett zurückentwickeln.« Was für eine Erleichterung! Dass Kates After-Baby-Bauch-Auftritt nicht Unverständnis hervorrief und Häme, sondern auch sehr viel Lob und Zuspruch, zeigt im Grunde nur eines: Das ganz Normale ist nicht mehr normal. Die neun Monate sind heute keine Auszeit mehr vom allgemein herrschenden Schönheitsideal und erst recht keine heilige Lebensphase, in der Frauen für zwei essen sollen und pralle Bäuche bedeuten, dass die werdende Mutter es besonders gut gemacht hat. Im Gegenteil.

Längst gibt es Schönheitsideale für Frauen während der Schwangerschaft. Eine kleine Kugel bekommen: okay. Selber eine Kugel werden: eher nicht so. Kim Kardashian, die Verlobte von Rapper Kanye West, erfuhr das am eigenen Leib. Amerikanische Klatschzeitschriften unkten über ihren Körper: »Kims Hintern ist noch fetter als ihr Bauch.« Eine bekannte Kolumnistin schrieb: »Geht es nur mir so, oder habt ihr auch den Eindruck, Kim gebärt auch noch etwas aus ihrem Arsch?« Eigentlich logisch: Nicht alle Frauen behalten in der Schwangerschaft einen tollen Po und eine schmale Taille, sodass man ihnen von hinten die Schwangerschaft gar nicht ansieht - übrigens ein sehr geläufiges Kompliment in Babykaufhäusern und Vorbereitungskursen. Wo immer schwangere Frauen aufeinandertreffen und nett sein wollen, versichern sie einander, dass sie von hinten immer noch als unschwanger durchgehen.

»Unschwanger aussehen« ist auch das Stichwort für die Zeit danach: In deutschen Großstädten heißen Rückbildungskurse inzwischen »Fit und schlank nach der Geburt«. Harmlose Familienzeitschriften rechnen vor, wie viel Kilo eine Frau durch die Geburt verlieren kann: 3,3 Kilo wiegt etwa das Baby, etwa 500 Gramm wird man los, sobald die Plazenta raus ist, Fruchtwasser und Blut machen zusammen knapp zwei Kilo aus. Und - superpraktisch - einen Teil der Wassereinlagerungen schwitze die Frau außerdem beim Gebären aus. Da wird das Pressen zum ersten Work-out.

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