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aus Heft 06/2014 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Darf ich Senioren ein gesundes Leben wünschen, die in ihrer Einsamkeit lieber sterben möchten?

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»Ich bin Lehrer und war kürzlich mit einer Schulklasse im Seniorenheim zu Besuch. Eine Bewohnerin sagte, ihr einziger Wunsch zum bevorstehenden 102. Geburtstag sei, morgens nicht mehr aufzuwachen, weil sie sich einsam und unglücklich fühle, da alle ihre Freunde und Verwandten lange verstorben sind. Aus Reflex entgegnete ich der Dame, dass ich ihr dennoch weiterhin ein gesundes Leben wünsche. War das richtig?« Hartmut S., Berlin
 

Ein Todeswunsch verunsichert. Gilt doch Leben als höchstes Gut. Nur möchte ich an dieser Stelle widersprechen: Als höchstes Gut sehe ich nicht das Leben, sondern die Würde des Menschen, die sich auch in seiner Freiheit widerspiegelt. Solange der entsprechende Wille frei gebildet ist, nicht auf Krankheit, Verzweiflung, Not oder dergleichen beruht, darf ein Mensch als Ausdruck seiner Autonomie sich auch den Tod wünschen. Insofern verbietet es der Respekt vor der alten Dame und ihrer Selbstbestimmung, ihrem Todeswunsch einen bessermeinenden Lebenswunsch entgegenzusetzen. Die Dame darf und muss ihr Leben führen, nicht wir Außenstehende.

Weil das theoretische Überlegungen sind, habe ich diesen Fall mit dem Palliativmediziner Gian Domenico Borasio erörtert. Er stimmte mir zu, meinte aber ergänzend, als Arzt, der täglich mit Sterbenden zu tun hat, würde er die Frage gern umformulieren: »Was braucht die alte Dame von den Besuchern in dem Augenblick, in dem sie etwas sehr Intimes, nämlich ihren Todeswunsch, offenbart? Die Antwort lautet: Empathie. Das Sich-Hineinfühlen in ihre Situation bedeutet weder den Todeswunsch abzulehnen noch sich ihm anzuschließen. Beides würde dem leidenden Menschen, der vor einem liegt, nicht gerecht. Vielleicht eher, zu sagen, dass es wirklich schlimm sein muss, nach einem so langen Leben allein im Pflegeheim zu sein und alle geliebten Menschen schon verstorben zu wissen. Und dann einfach zu schweigen und zu warten, was kommt. Ein vereinsamter, pflegebedürftiger Mensch mit 102 Jahren hat jedes Recht, sich den Tod zu wünschen. Die Vorstellung, alle Todeswünsche dieser Art seien nur Ausdruck unzureichender Pflege und Betreuung, ist wissenschaftlich längst widerlegt. Umso wichtiger ist es, die Würde der alten Dame zu achten, indem man versucht, sich in ihre Situation einzufühlen, ohne urteilen zu wollen.«

Literatur:

Unbedingt empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang Gian Domenico Borasios Bestseller „Über das Sterben", Verlag C.H.Beck, München 2011.


Im Herbst 2011 gab Maurice Sendak, der Schöpfer des bekannten Kinderbuches „Wo die wilden Kerle wohnen" mit 83 Jahren ein halbes Jahr vor seinem Tod der Moderatorin Terry Gross in der Sendung „Fresh Air" im US-Amerikanischen National Public Radio NPR ein bewegendes Interview über Leben und Tod, in dem er sich auch ausführlich dazu äußert, wie es ist, wenn die geliebten Menschen um einen herum sterben, man selbst aber weiterlebt.

Ausschnitte aus dem Interview hat Christoph Niemann in einem wunderbaren kurzen Video für das New York Times Magazine illustriert.

Das ganze Interview von Terry Gross mit Maurice Sendak vom 20.September 2011 auf NPR kann man hier nachhören.


Das Transkript kann man hier nachlesen.

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