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aus Heft 07/2014 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Muss man als Handyverweigerer akzeptieren, dass die Handybesitzer im Freundeskreis Verabredungen immer in letzter Sekunde verschieben und man auf sie warten muss?

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»Menschen mit Handy nehmen Verabredungszeitpunkte nicht mehr sehr ernst, da man sie ja jederzeit verschieben kann. Ich habe kein Handy und muss von Freunden, wenn ich mich über Verspätungen beschwere, hören, ich sei selbst schuld, da ich mir kein Handy besorge. Ich finde, schuld sind die, die zu spät kommen – sollen sie doch ihre Zeit besser planen!« Lars B., Ulm

In William Shakespeares Romeo und Julia ersinnt der Mönch Lorenzo einen Plan, um die beiden Liebenden gegen den Willen ihrer verfeindeten Familien zusammenzuführen: Julia soll einen Trunk einnehmen, der sie 42 Stunden lang in einen todesähnlichen Schlaf versetzt. Wenn sie dann in der Familiengruft der Capulets beigesetzt werde, könne Romeo – von Lorenzo benachrichtigt – sie von dort abholen. Leider kann Lorenzos Mitbruder Markus den Brief an Romeo wegen eines Pestausbruchs nicht überbringen, und Lorenzo selbst kommt zu spät. Romeo hält Julia deshalb wirklich für tot und schluckt selbst ein tödliches Gift. Als Julia kurz darauf wieder erwacht und ihrerseits Romeo tot daliegen sieht, ersticht sie sich mit seinem Dolch. Man erkennt sehr schnell: Für Romeo und Julia wären Handys ein Segen gewesen.

Was bedeutet das nun für Sie, wenn Verspätungsnachrichten nicht zugestellt werden können, weil Sie Mobiltelefone für eine moderne Variante der Pest halten? Ich bin ein großer Freund der Pünktlichkeit und stimme Ihnen zu, dass, wer unpünktlich ist, seine eigene Zeit über die der anderen stellt – un-abhängig davon, ob man nun per Handy darüber informiert oder nicht. Wenn ich jedoch lese, wie im Rahmen einer Freundschaft Überlegungen über die Zuteilung von »Schuld« angestellt werden, umfängt ein leichtes Kräuseln meine Nackenhaare. Das Zusammenleben, speziell im Rahmen von Freundschaften, sollte man so gestalten, dass es für alle möglichst positiv und erfreulich verläuft, nicht danach, wer »schuld« ist. Das Leben ist nichts Statisches und folgt anderen Gepflogenheiten in einer Gesellschaft, in der es mehr Handys als Menschen gibt und ihr Gebrauch deshalb absolut üblich ist. Es kann Sie natürlich niemand zwingen, ein Handy zu kaufen, Sie tragen auch keine Schuld, aber Sie können auch nicht erwarten, dass alle anderen ihr Leben danach ausrichten, und müssen mit den Folgen Ihrer Entscheidung leben.
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