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aus Heft 09/2014 Religion

»Ich versuche, die beiden Realitäten zusammenzuschweißen«

Peter Seewald (Interview)  Fotos: Armin Smailovic

Der engste Vertraute des zurückgetretenen Papstes Benedikt XVI, Georg Gänswein, ist heute auch der Sekretär von Papst Franziskus. Ein Gespräch mit dem Mann, der das Innerste des Vatikans so gut kennt wie kein anderer.


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Georg Gänswein in seinem Amtszimmer in der Präfektur des päpstlichen Hauses. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich unter anderem die Anmeldungen und Anträge zu Papstaudienzen und die Listen der Pilgergruppen für die Generalaudienzen. Immer griffbereit: ein Duden.


SZ-Magazin: Herr Erzbischof, Ihr neuer Chef wohnt nicht im päpstlichen appartamento. Er trägt Straßenschuhe. Er fährt billige Autos. Viele finden das aufregend, andere denken an »Summerhill«. Sitzt da nun ein antiautoritärer Rebell auf dem Stuhl Petri?

Erzbischof Georg Gänswein: Nein. Wer mit Papst Franziskus in ständigem Kontakt ist, lernt zu unterscheiden zwischen einem Außenbild und der konkreten Persönlichkeit. Allein schon die Prägung als Jesuit spricht gegen Revoluzzer und gegen »anti«. Was die Schuhe betrifft, klar, das ist auch eine Frage der Ästhetik. Aber es war vergebliche Liebesmüh zu versuchen, ihn zu überzeugen, dass es möglicherweise nicht nur aus Gründen der Optik, sondern auch der Tradition richtiger wäre, sich in die Linie seiner Vorgänger einzufügen.

Vor allem wollte sich Franziskus nichts diktieren lassen.

Wahr ist, dass ich auch früher dem Papst nie etwas aufgezwungen habe. Wie käme ich dazu! Die Umstellung vom Vorgänger-Pontifikat zum jetzigen war in der Tat eine Herausforderung. Inzwischen komme ich sowohl mit dem Papa emeritus als auch mit dem regierenden Papst ausgezeichnet zurecht.

Allerdings scheint vieles, was man von Benedikt gewohnt war, bei Franziskus zu fehlen: die Präzision in der Sprache, der Reichtum der Tradition, die Noblesse in der Form.
Dass beide Persönlichkeiten ganz unterschiedlich sind, liegt auf der Hand. Papst Franziskus ist ein Mann der Gestik. Jemand, der auch Akte setzt, die man von einem Papst so nicht erwartet. Papst Benedikt hat man zugehört und sich von seinem Wort ergreifen lassen. Bei Papst Franziskus will man zunächst mal sehen, wie er dies macht, wie er jenes anpackt. Er ist ein Mann, der es versteht, den ganzen Menschen anzusprechen, nicht nur den Intellekt oder einen der Sinne. Ob der Enthusiasmus anhalten wird, muss man sehen. Wir warten ja noch auf inhaltliche Vorgaben.

Hatten Sie denn eine Wahl, ob Sie beiden Päpsten dienen wollten, oder nicht?
Ich habe mir den Doppeljob nicht ausgesucht, der kam eben auf mich zu. Ich nehme jetzt die beiden Realitäten, wie sie sind, und versuche, das zusammenzuschweißen.

Tagsüber Präfekt beim amtierenden, abends Privatsekretär beim emeritierten Papst – wie ist das jetzt mit Benedikt? Sie wohnen zusammen im Kloster Mater Ecclesiae in den Vatikanischen Gärten.
Im selben Haus wohnen auch die »Memores«, die ihn auch während des Pontifikats betreut haben. Es ist ein familiäres Zusammenleben, so wie vorher, allerdings ist nun der Druck der Verantwortung abgefallen. Das macht sich natürlich auch atmosphärisch bemerkbar. Papst Benedikt ist noch milder, noch gütiger geworden. Er ist nicht mehr zusammengedrückt von der Last des Amtes. Natürlich machen sich die Jahre bemerkbar. Er ist ein alter Herr, aber ganz klar und hell im Kopf und nach wie vor sehr humorvoll.

Über die Hintergründe seiner historischen Demission kursieren die seltsamsten Versionen. Die Zeit behauptet, letztlich sei es der Vatileaks-Skandal gewesen, »der zum Rücktritt des alten Papstes führte«. Zunächst: Wie erinnern Sie sich an den 11. Februar, den Rosenmontag 2013?

Es war im Grunde wie immer. Auch der 11. Februar 2013 begann mit der Heiligen Messe, dann folgten Brevier und Frühstück. Ich hatte nicht den Eindruck, dass der Papst nervös gewesen wäre. Auch als ich ihm dann später half, die liturgischen Gewänder – Mozetta, Rochette, Brustkreuz und Stola – für das Konsistorium anzulegen, merkte ich ihm keine Aufregung an. Dann ging es in den Saal, in dem die Kardinäle bereits versammelt waren.

Es ist der Augenblick der Verkündung des Rücktritts. Viele hätten den Akt zunächst gar nicht mitbekommen, heißt es, weil ihr Latein zu schlecht war.
Ganz so war es nicht. Das Konsistorium war angesetzt zur Ankündigung verschiedener Heiligsprechungen. An die siebzig Kardinäle saßen in Hufeneisenform vor dem Papst in diesem riesigen Saal mit dem schönen Namen »Sala del Concistoro«. Die Verblüffung begann, als Papst Benedikt Lateinisch zu sprechen begann: »Liebe Herren Kardinäle, ich habe Sie nicht nur zusammengerufen, um Sie an der Heiligsprechung teilhaben zu lassen, sondern ich habe noch etwas Wichtiges mitzuteilen.« Alle waren bereits irritiert, »was ist jetzt los?« Als der Papst dann fortfuhr mit der Lektüre der Erklärung, die er selber aufgesetzt hatte, wirkten einige Gesichter wie versteinert, andere ungläubig, ratlos, schockiert. Man sah sich gegenseitig an, fragte sich: »Habe ich das richtig verstanden?« Erst als Kardinal Sodano das Wort ergriff, war allen klar geworden, was los ist.

Nach meiner Information ist die Entscheidung für den Rücktritt bereits im August 2012 gefallen. Und sie sollte ursprünglich auch nicht erst im Februar 2013, sondern schon im Dezember 2012 bekanntgegeben werden. Hintergrund ist der Weltjugendtag in Rio. Turnusgemäß hätte dieser erst 2014 stattfinden sollen, wurde aber wegen der Fußball-Weltmeisterschaft um ein Jahr vorverlegt. Nach der strapaziösen Reise nach Mexiko und Kuba im März 2012 jedoch hatte der Leibarzt Benedikt erklärt, einen erneuten Flug über den Atlantik werde er nicht überstehen. Damit sei ihm klar geworden, sagte mir der Heilige Vater in einem unserer Interviews, »dass ich zeitlich so zurücktreten muss, dass der neue Papst einen Vorlauf nach Rio hat«. Benedikt XVI. wörtlich: »Sonst hätte ich schon noch durchzuhalten versucht bis 2014.« Hatten Sie versucht, ihn noch einmal umzustimmen?

Genauso, wie Sie das jetzt sagten, hat mir Papst Benedikt seine Entscheidung dargelegt. Meine spontane Reaktion war: »Nein, Heiliger Vater, das dürfen Sie nicht!« Aber das war im Affekt gesagt, denn mir wurde sofort klar: Er teilt nicht etwas mit, um eine Entscheidung zu finden, sondern er teilt eine getroffene Entscheidung mit.

Er habe seinen Schritt, meinte er mir gegenüber, »lange genug bedacht und mit dem Herrn besprochen. Und ich sehe jeden Tag, dass es richtig war«. Er sei sich sicher gewesen, »dass meine Stunde vorbei war, und dass das, was ich geben konnte, gegeben ist«. Sie waren eine von vier Personen, die in dieses Geheimnis eingeweiht waren.
Als mir der Papst eröffnete, was er vorhat, verpflichtete er mich, es unter dem Siegel der päpstlichen Verschwiegenheit zu halten. Sie können sich vorstellen, dass es nicht leicht war, und es gab Situationen, da hätte es mich wirklich fast innerlich zerrissen.

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Peter Seewald begleitet das Wirken Joseph Ratzingers seit 21 Jahren. Die drei Interviewbücher der beiden wurden internationale Bestseller. Als amtierender wie als emeritierter Papst stand Benedikt XVI. dem früheren SZ-Magazin-Redakteur Seewald zehn Stunden für die Arbeit an einer Biografie zur Verfügung, die 2015 erscheinen soll. »Er wirkt ganz weich und weise«, befand Seewald nach seinem letzten Besuch Anfang Februar, »und leicht wie eine Feder.«

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