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aus Heft 10/2014 Frauen

Die Frau, die Leben schenkte

Andreas Bernard (Interview)  Foto: Sigrid Reinichs

Sie hat in 30 Jahren 10 000 Kinder in der Petrischale gezeugt. Aber eigene Kinder wollte sie nie. Die Embryologin Helena Angermaier über die Geheimnisse ihrer Arbeit - und über die Gefahren.

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Man sieht ihr noch ein wenig an, dass ihr ursprünglicher Berufswunsch Primaballerina war: Helena Angermaier, heute eine der erfahrensten Embryologinnen Europas.


Ein Reproduktionszentrum in der Münchner Innenstadt. Die Embryologin Helena Angermaier sitzt vor einem Mikroskop des Laborraums im 6. Stock: eine hochgewachsene Frau Anfang fünfzig, mit weißblonden, zum Knoten gebundenen Haaren. Angermaier war 1992 eine der Ersten weltweit, die eine neue Zeugungsmethode namens »Intrazytoplasmatische Spermien-injektion« (ICSI) durchgeführt haben, bei der ein einzelnes Spermium unter dem Mikroskop in eine Eizelle gespritzt wird. In den Kinderwunschzentren der Welt gilt diese Methode inzwischen als Standardverfahren künstlicher Fortpflanzung und hat die In-vitro-Fertilisation (IVF), also das bloße Vermischen von Eizellen und Spermien in der Petrischale, als effizientere, auch die männliche Unfruchtbarkeit überwindende Methode verdrängt. In der Praxis am Stachus wird an sieben Tagen in der Woche gearbeitet: »Der Eisprung«, sagt die Embryologin, »kennt kein Wochenende.«

SZ-Magazin: Frau Angermaier, Sie arbeiten seit 30 Jahren in der Reproduktionsmedizin. Wissen Sie, wie viele Kinder Sie seitdem gezeugt haben?
Helena Angermaier: Etwa 10 000, wobei das vielleicht sogar untertrieben ist. Eine ganze Kleinstadt auf jeden Fall.

Spüren Sie nach so langer Zeit im Labor noch, mit welch einzigartigem Rohstoff Sie Tag für Tag hantieren?
Ja, dieser Schöpfungsakt wird für mich nie etwas von seiner Faszination verlieren: dass ich den Ablauf nachahme, den eigentlich die Natur vorsieht.

Bei der Auswahl der Zellen unter dem Mikroskop wissen Sie jedes Mal: Wenn ich das Spermium daneben einspritzen würde, entstünde ein anderer Mensch, mit anderem Aussehen, anderem Temperament, anderem Schicksal. Fühlen Sie sich ein bisschen wie ein Gott?

Nein, denn ich weiß ja glücklicherweise nicht, welches genetische Material in der Zelle steckt. Nehmen Sie nur das krasseste Beispiel: Wähle ich das eine Spermium aus, wird es ein Bub, nehme ich das nächste, wird es ein Mädchen.

Viele Paare kommen ja nach der Geburt ihrer Kinder zurück in Ihre Praxis, um sich bei Ihnen zu bedanken: Sprechen sie dann auch darüber, dass Sie als Erzeugerin einen bestimmten Einfluss auf das Wesen der Kinder gehabt haben könnten?

Ja, das kommt vor. In meinem Labor steht zum Beispiel das Foto von Zwillingen, die sind jetzt fast sieben Jahre alt. Diese Kinder habe ich an einem Nachmittag gezeugt, während ich den ersten Akt der Walküre auf CD gehört habe. Ich liebe Wagner, müssen Sie wissen! Und einige Zeit nach der Geburt traf ich einmal den Vater dieser Frau, also den Opa der Zwillinge – und er, ebenfalls ein glühender Wagnerianer, erzählte mir begeistert, wie musikalisch seine Enkel schon seien.

So als habe die Hintergrundmusik bei der Zeugung den Kindern die Musikalität in die Wiege gelegt.
Ich gehe auch manchmal hinüber in die Staatsoper, das ist ja nicht weit von unserer Praxis. Vielleicht überträgt sich der Geist der Musik ein wenig auf die Embryonen. Ich erinnere mich auch an ein anderes Paar. Wir hatten 16 Eizellen, aber der Mann war das Problem.

Sie fanden keine Spermien unter dem Mikroskop?
Er gab die Samenprobe ab: nichts. Das Gleiche noch mal, zwei Stunden später: wieder nichts. Die beiden saßen vor mir, völlig verzweifelt. Abends um elf kam er dann noch einmal ins Labor, und ich dachte mir: »So, jetzt höre ich meine absolute Favoriten-Musik«, das Tristan und Isolde-Vorspiel. Ich habe die CD eingelegt, die dritte Samenprobe unter das Mikroskop gelegt. Es ertönt der Tristan-Akkord – und in diesem Moment sehe ich ein Spermium vorbeischwimmen, ein schönes obendrein! Noch während des Vorspiels, das dauert elf Minuten, entdeckte ich sogar ein zweites. Die beiden habe ich injiziert, es waren die einzigen Spermien, die dieser Mann produziert hat.

Und?
Am nächsten Tag waren beide Eizellen befruchtet! Was glauben Sie, wie ich gejubelt habe! Es wurden dann Zwillinge, zwei Mädchen. Eines davon heißt Helena.

Nach Ihnen.

Nach mir. Ich habe das Paar dann nach der Geburt angerufen und gesagt: Das interessiert mich wirklich, ob diese Mädchen eine musische Ader entwickeln.

Wie alt sind sie jetzt?
Die müssten jetzt ungefähr zehn sein. Ich habe leider den Kontakt verloren.

Wie viel bekommt ein Embryologe bei seiner Arbeit im Labor überhaupt mit von den Patienten?
Das ist unterschiedlich. Bis 2011 habe ich in einer sehr großen IVF-Praxis mit drei Ärzten gearbeitet. Wir hatten da fast 2000 Eizellpunktionen im Jahr. Ich kam mir am Schluss wie eine Befruchtungsmaschine vor. Jetzt arbeite ich seit zweieinhalb Jahren in einem eher kleinen Zentrum und weiß endlich wieder, von welcher Frau welche Eizelle stammt.

Wenn man Ihnen zusieht, wie Sie am ICSI-Mikroskop arbeiten, hat man das Gefühl, dass das handwerkliche Geschick in der Reproduktionsmedizin eine beträchtliche Rolle spielt.
Ja, das ist sehr wichtig. Ich bin ja 1985 überhaupt nur deshalb in die IVF-Abteilung im Klinikum München-Großhadern eingetreten, weil ich aus der Biologie kam und Erfahrung mit Elektronenmikroskopen und hauchdünn geschnittenen Präparaten hatte. 1992 führte ich die ersten ICSI-Behandlungen durch und stellte dann jahrelang selbst die Pipetten her, die man für die Fixierung der Eizellen und die Injektion der Spermien benötigt.

Mit zwei linken Händen sollte ich also besser nicht Embryologe werden?
Niemals.

Sind Sie auch sonst eine Bastlerin? Wenn im Haus etwas kaputtgeht, richten Sie das alles selbst?
Selbstverständlich, ich kann schon sagen, dass ich außerordentliches handwerkliches Geschick habe. Mein Vater war übrigens orthopädischer Schuhmacher in einem Dorf in Niederbayern, ein wirklicher Künstler, und ich hatte schon als Kind größte Freude daran, bei ihm in der Werkstatt zu sein. Nach wie vor besohle ich auch meine Schuhe selber.

Die Debatten um die Reproduktionsmedizin sind ja vor allem auch vom zunehmenden Alter der Mütter geprägt.
Richtig, in den Anfangsjahren der IVF lag unser Altersdurchschnitt bei Anfang dreißig. Jetzt nähert sich dieser Durchschnitt in unserem Kinderwunschzentrum der Vierzigermarke an.

Was halten Sie davon?
Ich selber bin über 50, komme mir aber überhaupt nicht alt vor. Ich fühle mich so jung, wie sich vor 30 Jahren vielleicht eine 35-Jährige gefühlt hat. Und dieses Gefühl gestehe ich allen anderen Frauen auch zu. Andererseits sinkt die Erfolgsquote unserer Verfahren mit dem Alter stark.

Hat diese Entwicklung nicht auch damit zu tun, dass das allgemeine Hinauszögern der Adoleszenz bei den Frauen keiner Verlängerung der fruchtbaren Zeit entspricht? Das Durchschnittsalter, ab dem man sich alt fühlt, hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verschoben, der durchschnittliche Zeitpunkt der Menopause ist gleich geblieben.
Die Biologie kommt diesen Kulturveränderungen tatsächlich nicht nach. Die allgemeine Lebenserwartung ist zwar höher geworden, und das ist auch ein Grund, warum ältere Frauen sich noch Kinder wünschen. Doch die Grenze der weiblichen Fruchtbarkeit bleibt stabil. Das ist ein Problem.

Ein Problem, das sie konstant mit Patientinnen versorgt.
Das stimmt, aber ich finde es auch sinnvoll, wenn eine Frau heute erst einmal Karriere macht und dann die Zeit und das Geld hat, um eine Familie zu gründen. Und es kommt noch etwas hinzu: Inzwischen ist es völlig normal, sich scheiden zu lassen, und wenn erst der zweite Partner der Traummann ist, mit dem man ein Kind will …

Kennen Sie die Lebensgeschichten Ihrer Patienten?
Das ist auch ein Vorteil der kleineren Praxis jetzt: dass ich mit diesen Schicksalen wieder vertraut bin. Die Paare sind meistens sehr glücklich darüber, ihre Geschichte im Rahmen der Behandlung erzählen zu dürfen.
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Andreas Bernard durfte Helena Angermaier nur an Sonntagen in ihrem Münchner Labor besuchen, wenn keine Patienten in der Praxis waren. Sein Buch Kinder machen. Neue Reproduktionstechnologien und die Ordnung der Familie erscheint Ende März im Fischer Verlag.

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