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aus Heft 14/2014 Politik

Spuren der Gewalt

Seite 2: »Sie brauchten einen Sündenbock«

Christoph Cadenbach 

Lynndie England hält einen nackten irakischen Gefangenen an der Leine.
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New York, Penn Station, im Herzen von Manhattan. Janis Karpinski ist mit dem Zug von zu Hause aus New Jersey gekommen und hat als Treffpunkt ein Restaurant im Bahnhof vorgeschlagen. Sie will keine Zeit verlieren, dazu gibt es zu viel zu besprechen.

Als die Folterfotos das erste Mal im Fernsehen gezeigt wurden, hörten die Zuschauer auch ihren Namen: Brigadegeneral Janis Karpinski, die Kommandierende von Abu Ghraib und damit verantwortlich für den Skandal. So stand es auch im offiziellen Bericht des Militärs, in dem ihr »schwacher Führungsstil« vorgeworfen wird: Karpinski habe sich nicht dafür interessiert, ob sich ihre Soldaten an die Regeln und Prinzipien der Armee halten. Auch ein Porträtfoto von ihr wurde im Fernsehen eingeblendet. Die Menschen sahen eine Soldatin mit streng zurückgebundenen Haaren und ebenso strengem Blick. Am nächsten Tag belagerten Kamerateams ihr Haus.

»Sie brauchten einen Sündenbock«, sagt Karpinski im Bahnhofsrestaurant. Sie trägt einen flauschigen weißen Wollpullover, Lippenstift, die Haare hat sie noch immer fest zu einem Pferdeschwanz gebunden, ansonsten wirkt die 60-Jährige gar nicht mehr streng, eher aufgebracht. Sie spricht so laut, dass die Gäste an den Nachbartischen sich umdrehen. Bis zum Skandal von Abu Ghraib habe ihr Leben darin bestanden, Verantwortung zu übernehmen, sagt sie. Nur in diesem Fall will sie das nicht. Sie erzählt von der Stimmung im Militär vor dem Angriff auf den Irak 2003, dass Donald Rumsfeld, der damalige Verteidigungsminister, diesen Krieg unbedingt wollte, obwohl die Armee damals gar nicht richtig vorbereitet gewesen sei. Trotzdem hätte kein General »Stopp!« gerufen, weil alle Angst vor Rumsfeld und um ihre Karrieren gehabt hätten.

Rumsfeld war es auch, der Ende August 2003 General Miller mit in den Irak brachte, den Verantwortlichen für das Gefangenenlager in der Guantanamo-Bucht. Damit, so Karpinski, habe die Katastrophe in Abu Ghraib begonnen.

Miller verordnete einen Politikwechsel: Das Ziel in der Haftanstalt war es von jetzt an nicht mehr, Kriegsgefangene oder Straftäter wegzusperren, sondern Informationen zu beschaffen. Damit stellte der General aus Guantanamo praktisch den militärischen Nachrichtendienst an die Spitze der Hierarchie im Gefängnis. Die Militärpolizisten, die Aufseher also, die Janis Karpinskis Kommando unterstanden, waren entmachtet. »Und sie waren überfordert von der neuen Aufgabe und der Masse an Irakern, die der Nachrichtendienst nun jeden Tag nach Abu Ghraib brachte«, sagt Karpinski.

Ende September saßen 3000 Gefangene in Abu Ghraib, Ende Oktober 6000 – und nur rund 360 Militärpolizisten sollten auf die Häftlinge aufpassen. »Da stimmt doch was nicht! Das kann doch nicht sein!«, sagt Karpinski. Selbst die Leute vom Nachrichtendienst hätten ihr damals erzählt, dass 75 Prozent der Gefangenen unschuldig sind und keine wichtigen Informationen verraten können. Später kam sogar heraus, dass dies für 90 Prozent der Insassen galt. Sie waren einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.

An seinem ersten Tag in Abu Ghraib versteckte sich Taha im hinteren Teil seiner Zelle. Er war nackt und schämte sich dafür.

Am zweiten Tag kamen drei Soldaten zu ihm, eine Frau und zwei Männer. Die Frau sagte, dass sie Sex mit ihm haben wolle. Taha antwortete: Das könne er nicht, dass sei gegen seinen Glauben. Die Frau lachte ihn aus: »Du bist wohl ein Wahabit, was?« Dann fesselten die beiden Männer Taha ans Stockbett, seine Arme ausgebreitet, er stand da wie Jesus am Kreuz. Die Frau küsste ihn am Hals. Taha spukte ihr ins Gesicht. Das reichte ihr wohl, sie und die Männer verschwanden.

Ein paar Minuten später tauchten sechs andere Soldaten auf, sie hatten Holzstöcke dabei und prügelten Taha, bis er bewusstlos war. Es dauerte eine Weile, bis sie ihn wieder besuchten.

Diesmal nahmen sie ihn in einen Verhörraum mit. Sie fesselten ihm die Hände auf dem Rücken, zogen einen Strick um seine Brust, sodass das Seil unter seinen Achseln feststeckte, und hängten ihn an der Decke auf. Dann fragte ihn ein Mann auf Arabisch: »Warum hast du die Amerikaner angegriffen?«
»Das habe ich nicht, warum sollte ich das tun?«, antwortete Taha.
»Du solltest es einfach zugeben. Die Amerikaner haben dich gesehen. Und auch die anderen Iraker, die wir verhaftet haben, sagen, dass du es warst.«
»Nein, das stimmt nicht, sie lügen!«
Dann sei der Mann laut geworden, erinnert sich Taha. »Ich werde dich töten!«, schrie er ihn an. Taha konnte nichts sehen, er trug einen Sack über dem Kopf. Plötzlich knallte es im Raum, ein Schuss, die Kugel traf ihn am rechten Schienbein.

Im Hotelzimmer in Erbil krempelt Taha sein Hosenbein hoch und deutet mit dem Finger auf eine weiße, runde Narbe, etwa so groß wie ein Zwanzig-Cent-Stück. Er zeigt darauf wie ein Staatsanwalt auf einen Zeugen. Die Narbe ist sein einziger sichtbarer Beweis, lächerlich klein für das, was ihm angetan worden ist.

Aus den wenigen US-Regierungsunterlagen, die bisher zu seinem Fall veröffentlicht wurden, geht zumindest hervor, dass er wegen der Explosion verhaftet wurde. Ansonsten kann er keine Belege für seine Leidensgeschichte bieten. Deshalb waren die Folterfotos aus Abu Ghraib auch so bedeutend: weil sie das Unfassbare sichtbar gemacht haben. Wer hätte ein paar irakischen Ex-Häftlingen schon geglaubt?

Taha weiß nicht, ob er auch auf den Fotos zu sehen ist. Die meisten abgebildeten Gefangenen tragen Säcke oder Frauenunterwäsche auf dem Kopf. Die Soldaten haben ihnen ihre Gesichter genommen und damit ihre Identität. Für Taha fühlt es sich so an, als würden sie die Opfer bis heute auslachen.

Ein Gerichtsprozess könnte ihm und seiner Geschichte recht geben. Aber ob es dazu kommt, ist fraglich. Im vergangenen Juni wurde seine Klage nach vier Jahren rechtlichen Streitereien um die Zuständigkeit des Gerichts erst einmal abgelehnt. Die vorgeworfenen Taten hätten nicht auf amerikanischem Boden stattgefunden, argumentierte der Richter. Tahas Anwälte sehen das anders und haben Berufung eingelegt: Sie sagen, der Irak sei damals keineswegs ein autonomer Staat gewesen, sondern hätte ganz eindeutig unter der Kontrolle der USA gestanden. Paul Bremer, von Präsident Bush eingesetzt, war der Zivilverwalter des Landes.

Ihre Klage gegen die Militärfirma CACI stützt sich vor allem auf Zeugenaussagen. Etliche Soldaten, die an den Misshandlungen beteiligt waren, behaupten, dass CACI-Mitarbeiter sie dazu angeleitet hätten. »Soften them up!« – kocht sie weich für die Befragung, sei ein gängiger Befehl der CACI-Verhörspezialisten gewesen. Ein verurteilter Militärpolizist hat sogar unter Eid ausgesagt, dass der CACI-Mitarbeiter Steven Stephanowicz ihn damals ganz konkret beauftragt hätte, die Gefangenen auszuziehen, sie mit lauter Musik wach zu halten oder die Hunde auf sie zu hetzen, »doggie dance« habe Stephanowicz das genannt. Auch im offiziellen Militärbericht steht, dass Stephanowicz allem Anschein nach einer der Hauptverantwortlichen für die Misshandlungen ist. Trotzdem stand kein CACI-Mann bisher vor Gericht.

Kritiker erklären das auch mit den engen Verflechtungen, die es zwischen dem Unternehmen und der US-Regierung gibt. CACI gehört zu den großen Profiteuren der Privatisierung des Krieges, seit 2001 konnte die Firma ihren Umsatz um 675 Prozent steigern, mehr als 90 Prozent der Milliardenaufträge kommen derzeit von der US-Re-gierung. Der Firmenname CACI wird spöttisch auch mit »Captains and Commanders, Inc.« übersetzt, weil so viele Mitarbeiter zuvor im US-Militär gedient haben, Stephanowicz beispielsweise war bei der Marine. Welche Aufgaben genau die 15 000 CACI-Leute weltweit für das US-Militär und den Geheimdienst übernehmen, ist nicht klar. Es geht wohl vor allem um das Sammeln und Auswerten von Daten und IT-Dienstleistungen, auch in Deutschland ist CACI in diesem Bereich aktiv und beschäftigt Mitarbeiter auf den verbliebenen US-Stützpunkten. Auf Interviewanfragen reagiert weder das Unternehmen noch Stephanowicz’ Anwalt. Der CACI-Gründer Jack London hat allerdings ein Buch geschrieben, in dem er seine Sicht der Dinge erklärt. Es ist eine Verteidigungsschrift auf 780 Seiten und sieht aus wie die Bibel, roter Umschlag, goldene Schrift, der Titel: Our Good Name.

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Christoph Cadenbach möchte an dieser Stelle auch die drei Iraker erwähnen, die gemeinsam mit Taha die amerikanische Militärfirma CACI verklagt haben: Suhail Al Shimari, Sa’ad Al-Zuba’e und Salah Al-Ejaili. Eine detaillierte Beschreibung des bisherigen Verfahrens steht auf der Internetseite des Center for Constitutional Rights. Was damals genau in Abu Ghraib passiert ist, erzählen die beiden sehenswerten Dokumentarfilme Standard Operating Procedure und Ghosts of Abu Ghraib.