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aus Heft 17/2014 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Unsere Leserin findet Kindermützen mit Tierohren albern. Nun trägt ihre Nichte eine Mütze, die ihren Kopf wie eine Erdbeere aussehen lässt. Dürfen Eltern ihre Kinder verkleiden, weil sie es niedlich finden?

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»Kindermützen mit Katzen-, Hasen- oder Bärenohren fand ich schon immer albern. Jetzt aber bekam meine einjährige Nichte eine Mütze übergestülpt, die ihren Kopf wie eine Erdbeere aussehen lässt. Ist es gerechtfertigt, dass Eltern ihre Kinder ohne deren ausdrückliches Einverständnis als Gegenstand oder Tier verkleiden, weil sie es niedlich finden?« Laura M., Bielefeld



Alles, was mit Kindern geschieht, hat den Vorteil, einem klaren Prüfungsmaßstab zu unterliegen: dem Kindeswohl. Es sollte über allen anderen Erwägungen stehen, wenn auch nicht vollkommen allein. So sehr es manche überraschen mag, auch Eltern haben Rechte, ebenso Nachbarn und alle anderen Mitmenschen. Dennoch steht, weil und soweit Kinder schutzbedürftig sind, das Kindeswohl weit oben und dessen Verbindung zu Erdbeermützen liegt nicht direkt auf der Hand.

Manchmal habe ich den Verdacht, dass es sich bei lustigen Kinderoutfits schlicht um Rache handelt, nach dem Motto: Du entscheidest zwar, wann ich schlafen kann oder nicht, aber ich entscheide, was du anziehst. Und weil ich so wenig Schlaf bekomme, musst du eben als Erdbeere herumlaufen. Dieser Verdacht gründet darauf, dass selbst die liebevollsten Eltern manchmal an die Grenzen ihrer Liebesfähigkeit und -willigkeit kommen. Vor diesem Hintergrund kann man den lustigen Bekleidungen bei Kindern tatsächlich etwas Positives im Sinne des Kindeswohls abgewinnen: Die Eltern finden das niedlich und das steigert, wie das Kindchenschema mit den großen Augen zeigt, die Zuneigung, was wiederum dem Kind zugutekommt und verhindert, dass es beim nächsten Schreianfall zum eigenen Schaden die Grenzen elterlicher Geduld überschreit und -schreitet.

Abgesehen davon scheint es mir jedoch schwer begründbar, ein Kind zum Amüsement der Erwachsenen lustig zu verkleiden. Zu nichts anderem aber kann es dienen, einem Kind eine derartige Mütze aufzusetzen. Vielleicht hilft eine kleine Faustregel: Man sollte einem Kind nur Sachen anziehen, die man im Prinzip auch tragen würde. Und gewagte Outfits sogar dann vermeiden, wenn man sie selbst mag. Es ist moralisch zulässig, sich selbst zum Affen zu machen, aber nicht einen anderen, der sich nicht wehren kann.

Literatur:

Christoph Schickhardt, Kinderethik. Der moralische Status und die Recht der Kinder, mentis Verlag, Münster 2012
Dort besonders Kapitel 6 Kindeswohl: Glück und personale Autonomie, S. 160-190

Christoph Schickhardt, Zum Begriff des Kindeswohls: Ein liberaler Ansatz, in: M. Hoeltje, Th. Spitzley und W. Spohn (Hrsg.), Was dürfen wir glauben? Was sollen wir tun? Online-Veröffentlichung der Universität Duisburg-Essen, 2013, S. 501-506 PDF

Micha Brumlik, Advokatorische Ethik - Zur Legitimation pädagogischer Eingriffe, 2. Auflage, Philo-Verlag, Berlin 2004



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