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aus Heft 26/2014 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Warum soll man gegenwärtiges Leben schützen, wenn im Laufe der Erdgeschichte immer wieder Arten ausgestorben sind?

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»Ökologisch oder nachhaltig zu handeln, kann anstrengend sein. Deshalb frage ich mich, warum eine ethische Verpflichtung zum Erhalt von Ökosystemen oder einzelner Arten besteht. Im Laufe der Erdgeschichte starben immer wieder Arten aus, dafür entstanden neue Lebensformen, inklusive der Menschheit. Warum also gegenwärtiges Leben besonders schützen?« Petra M., München

Kennen Sie folgenden Witz? Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine Planet zum anderen: »Wie geht’s?« Antwortet der andere: »Schlecht. Ich hab Homo sapiens.«

Genau das ist der Punkt: Zwar gehen manche Arten und Ökosysteme im natürlichen Verlauf zugrunde, derzeit ist es jedoch der Mensch, der sie mehr oder weniger aktiv auslöscht. In einem ähnlich verheerenden Ausmaß wie eine globale Umweltkatastrophe. Aber weil der Mensch ein moralisches Wesen ist und sich entscheiden kann, was er tut und was nicht, ist er für die Folgen seines Tuns auch moralisch verantwortlich – anders als Naturphänomene, etwa ein Komet. Von ihm zu verlangen, nicht auf der Erde einzuschlagen, weil das zu einem großen Artensterben führen könnte, wäre nicht nur praktisch, sondern auch moralphilosophisch schwierig.

Zudem beutet der Mensch die Ökosysteme um seines eigenen Vorteils willen aus. Sich dabei darauf zu berufen, dass Lebensformen ohnehin immer wieder aussterben, käme jemandem gleich, der seine Erbtante umbringt mit dem Argument, der Tod gehöre zum Leben, und sie wäre ohnehin gestorben. Das Argument ist zwar zutreffend, rechtfertigt aber nicht, jemand anderen umzubringen, vor allem deshalb nicht, weil man ihn oder sie vorzeitig tötet.

Das leitet über zum nächsten Grund, dem intergenerationellen. Tierarten und Ökosysteme, die wir jetzt vernichten, enthalten wir künftigen Generationen vor. Es scheint mir schwierig, das unter Gerechtigkeitsaspekten zu begründen.

Und schließlich noch ein Argument, das nicht unbedingt ethisch ist, sondern eines der Klugheit, falls die Menschheit selbst überleben will. Der Witz vom Anfang ist nämlich noch nicht zu Ende erzählt. Auf die Klage des befragten Planeten, dass er Homo sapiens habe, antwortet der erste Planet tröstend: »Das geht vorbei.«

Literatur:

Den Witz von den zwei Planeten verdanke ich Hermes Phettberg, der ihm am 18. November 1995 in seiner „Phettbergs Nette Leit Show“ aufgezeichnet für den ORF im Margarethe Schütte-Lihotzky-Saal des Globus Verlagshauses in Wien erzählte. Die Fortsetzung „Das geht vorbei“ ergänzte sein damaliger Gesprächspartner Paul Chaim Eisenberg, Oberrabbiner der israelitischen Kultusgemeinde Wien. Nachzulesen in: Hermes Phettberg, Frucade oder Eierlikör – präsentiert von Kurt Palm, Knaur Verlag, München 1996, S. 268

Übersicht über die Umweltethik bieten:

Angelika Krebs, Ökologische Ethik I: Grundlagen und Grundbegriffe (S. 386-425) und vor allem Anton Leist, Ökologische Ethik II: Ökologische Gerechtigkeit: Global, intergenerationell und humanökologisch (S. 426-513), in: Julian Nida-Rümelin (Hrsg.), Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung, Kröner Verlag, Stuttgart, 2. Auflage 2005

Konrad Ott, Umweltethik zur Einführung, Junius Verlag, Hamburg 2010

Dieter Birnbacher (Hrsg.), Ökologie und Ethik, Reclam Verlag, Stuttgart 2001

Angelika Krebs (Hrsg.) Naturethik. Grundtexte der gegenwärtigen tier- und ökoethischen Diskussion, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997
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