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aus Heft 26/2014 Gesellschaft/Leben

Eine Wahnsinnsgeschichte

Olaf Przybilla, Uwe Ritzer und Rainer Stadler  Fotos: Julian Baumann

Der Skandal erschütterte Deutschland: Gustl Mollath saß sieben Jahre in der Psychiatrie, trotz zahlloser Widersprüche in den Gerichtsakten. Jetzt wird sein Fall noch einmal aufgerollt. Porträt eines Mannes, der wieder draußen ist - aber immer noch nicht frei.


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Ein Freitagmorgen im Mai, kurz nach neun, Schulungsraum 8 des ADAC-Fahrsicherheitszentrums Schlüsselfeld bei Nürnberg. »Das Auto funktioniert nur mit Last«, erklärt der Leiter des Fahrertrainings seinen 23 Schülern, »ihr müsst also vor der Kurve scharf einbremsen, damit euer Wagen mehr Grip hat.« Die Tür öffnet sich, und Gustl Mollath betritt den Raum. Am Abend zuvor saß er bei einer Diskussion in München auf dem Podium, Thema »Menschenrechtsverletzungen in der bayerischen Psychiatrie«. Er hat einen blauen Kapuzenpulli an, Jeans und Turnschuhe, in der Brusttasche seines Hemds steckt eine Zahnbürste. Er ist viel unterwegs in diesen Tagen und ein gefragter Gast in Talkshows – MDR, SWR-Nachtcafé, Beckmann – sowie auf Podiumsdiskussionen mit Justizopfern und Justizkritikern, als Kronzeuge für das Komplettversagen eines Systems.

Doch in Schlüsselfeld ist er nur der motorsportbegeisterte Gustl, und für manche noch nicht mal das. »Wir gehen jetzt gleich raus und beginnen mit dem Training«, sagt der Dozent zu den Fahrschülern, »eure Instruktoren sind heute der Edi, ich, und der – jetzt hab ich deinen Namen vergessen. Wie heißt du gleich?« – »Ich bin der Gustl«, antwortet Gustl Mollath freundlich.

Das Training haben Freunde von ihm organisiert, die er seit Jahrzehnten kennt, schon mit 19 fuhr Mollath Rennen. Die Kursteilnehmer begeben sich zu ihren Autos und fahren in einem Korso auf die »Multifunktions- und Eventfläche« des ADAC-Trainingsgeländes, einen großen betonierten Platz. Es gibt einiges zu bestaunen, einen schwarzen Chevrolet Camaro, einen roten Porsche 911, eine weiße Corvette. Gustl Mollath redet die Besitzer an und beugt sich neugierig über geöffnete Motorhauben.

Seine Schüler machen zunächst Brems- und Ausweichübungen, dann quietschen die Reifen über einen kleinen Rennparcours. Mollath wechselt immer wieder das Auto und gibt als Co-Pilot Tipps. Die meisten, sagt er, würden viel zu schnell fahren. Wichtiger sei es, erst mal die Linie zu finden und dann langsam zu beschleunigen. Mollath genießt diesen Morgen sichtlich: »Das ist auf jeden Fall therapeutisch wertvoller als der Aufenthalt in einer geschlossenen Anstalt.«

Sieben Jahre war Gustl Mollath in der Psychiatrie gefangen, erst im Bezirkskrankenhaus Straubing, dann in Bayreuth. Fast ebenso lang hat er um seine Freiheit gekämpft, Hunderte Briefe geschrieben, Anträge gestellt, Beschwerden eingelegt. Ist er angekommen im normalen Leben, das er sich so sehr ersehnte? Wie haben ihn die sieben Jahre verändert, in denen ihm Richter, Staatsanwälte, Gutachter und Ärzte immer wieder wahnhafte Züge, Realitätsverlust und Paranoia attestierten? Und wie das knappe Jahr, das er nun in Freiheit verbracht hat?

»WIR MÜSSEN SIE ENTLASSEN«

6. August 2013, kurz nach elf Uhr. Der Anwalt des Bezirkskrankenhauses Bayreuth und der stellvertretende Chefarzt betreten die Zelle von Gustl Mollath und eröffnen ihm: »Herr Mollath, wir müssen Sie entlassen.« Er habe drei Stunden Zeit, seine Zelle zu räumen. Drei Stunden? Mollath entgegnet, er müsse doch erst mal packen. Außerdem wisse er nicht, wo er unterkommen soll. Er fragt, ob er nicht noch ein paar Tage bleiben könne. Das Gesuch wird abgelehnt. Der Apparat, der Mollath sieben Jahre lang wegsperrte, weil er angeblich eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellte, kann ihn nun nicht schnell genug loswerden.

Die ersten zwei Tage verbringt er bei einer Opernsängerin, einer von vielen Unterstützerinnen, die sich in den vergangenen Jahren für seine Freiheit eingesetzt haben. Ihre Familie teilt Wohnung und Alltag mit ihm. Das ist mehr Nähe, als Mollath verkraftet. Er zieht zu einem langjährigen Freund, der ihm schon lange vor der Entlassung angeboten hat: »Wenn du rauskommst, überlasse ich dir meinen Zwölfzylinder-Mercedes und eine Wohnung mit Granitboden und Fußbodenheizung.« Dort wohnt er seither, aber wovon lebt er? »Gott sei Dank habe ich einen Freund«, sagt Mollath. Präziser wird er nicht.

DER ERSTE FERNSEHAUFTRITT

Eine Woche nach der Entlassung, Gustl Mollath ist mit einer Mitarbeiterin der Talkshow Beckmann beim Einkaufen in der Hamburger Innenstadt. Als er im 27. Februar 2006 in die Psychiatrie eingeliefert wurde, hatte er nichts außer die Kleider, die er am Leib trug. Er bekam dann Kleidergeld, 50 Euro im Jahr. Das reichte nicht mal für Schuhe, also schrieb Mollath während seiner Zeit in der Psychiatrie den Quelle-Versand an. Zu seiner Überraschung lag kurze Zeit später ein Gutschein in der Post. Aber fernsehtauglich wären die Klamotten nicht gerade gewesen, die er davon kaufte.

Nun steht er also mit neuem weißen Hemd und schwarzem Jackett im Hinterhof auf dem Gelände von Studio Hamburg, wo die Sendung aufgezeichnet wird. Sein erster Fernsehauftritt. Reinhold Beckmann ist gerade mit seinem hellblauen VW-Käfer vorgefahren, hat kurz die Studiogäste begrüßt und sich in die Garderobe zurückgezogen. Gustl Mollath mustert den Käfer von allen Seiten, Baujahr 2003, die letzte Serie aus Mexiko.

Wenig später nehmen alle Beteiligten im Studio Platz, damit Ton- und Kameraleute ihre Geräte einrichten können. Noch wenige Minuten bis zur Sendung. Andere Gäste wären nervös oder würden sich von Mitarbeitern noch mal briefen lassen. Mollath verwickelt Beckmann in eine Fachsimpelei über dessen VW-Käfer und nennt Details zu Modellreihen anderer Autos. Beckmann erzählt, welche Autos er früher gefahren hat. Dann sagt er, gleich beginne die Aufzeichnung. Mollath zeigt immer noch kein Zeichen von Aufregung, obwohl er weiß, dass an diesem Abend Millionen Zuschauer die Sendung verfolgen werden.

Seine äußere Gelassenheit irritierte schon das Klinikpersonal in der Psychiatrie: »Der Affekt ist heiter, die Stimmung wirkt grenzwertig gehoben«, notierte ein Arzt in Bayreuth. Dabei verrät das Äußere wenig über Mollaths wahren Gemütszustand. Als er später eine Aufzeichnung der Beckmann-Sendung sieht, ist er nicht begeistert von seinem Auftritt, meint aber: »Es hätte schlimmer laufen können. Die Situation war nicht einfach, so kurz nach der Entlassung.«

SCHLAFPROBLEME UND OLIVENÖL

Was hat ihn am meisten belastet in den ersten Tagen nach der Entlassung?

Er sei nachts oft aufgewacht, sagt Mollath, manchmal schweißnass. Warum, kann er sich nicht erklären: »Ich habe das zweifelhafte Glück, dass ich mir Träume nicht merken kann.« Er reagiere nachts nun aber sehr sensibel auf Licht und Geräusche. Das kann er sich schon erklären: In der Psychiatrie gab es oft Kontrollen, »jede Nacht, manchmal stündlich. Wenn Sie am verletzlichsten sind, wenn Sie am schutzlosesten sind, weil Sie schlafen. Die wollen Sie quälen.« Das macht Mollath oft, dass er den Zuhörer in seine eigene Geschichte einbindet. Mit dem »Sie« gibt er zu verstehen: Was mir passiert ist, kann auch dir passieren.

Nach außen würden die Kontrollen mit der Sorge um die Kranken begründet, erzählt Mollath. Mehr als einmal habe er deshalb zu den Wärtern gesagt: »Was soll das? Sie sehen doch, dass ich jedes Mal aufwache. Sie wissen ganz genau, was es bedeutet, wenn der Mensch keinen Schlaf bekommt. Depression, Probleme mit dem Fettstoffwechsel, auch Diabetes.« Die Antwort habe dann immer gelautet: »Wir machen das immer so. Nur Sie regen sich darüber auf.«

Worauf hat er sich am meisten gefreut nach der Entlassung? Auf einen riesigen Berg Pasta, sagt Mollath, mit richtigem Olivenöl, das gab es nämlich in der Anstalt nicht. Als er dann zum ersten Mal in den Bio-Supermarkt zum Einkaufen ging, war er sehr angetan, »welche Auswahl es da inzwischen gibt«. An solchen Alltäglichkeiten fällt auf, wie lange Mollath aus der Welt war.

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Allen Lesern, die am Wiederaufnahmeverfahren im Fall Mollath interessiert sind, empfehlen Olaf Przybilla, Uwe Ritzer und Rainer Stadler die Liveberichte der SZ-Onlineausgabe: www.sz.de/mollath. Und natürlich wird auch die Zeitung den Prozess ausführlich verfolgen.

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