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aus Heft 31/2014 Technik

»Viele Beine machen die Sache kompliziert«

Lars Reichardt (Interview) 

Keiner faltet die Welt so gekonnt wie der Amerikaner Robert Lang. Im Interview erklärt der Origami-Künstler die Komplexität von gefalteten Käfern - und warum ihn die Autobranche als Berater engagiert.



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SZ-Magazin: Herr Lang, Origami ist die japanische Kunst, Modelle aus einem Blatt Papier zu falten, ohne dabei eine Schere zu benutzen. Sie sind profes-sioneller Origami-Künstler. Wie kann man davon leben, Käfer oder Vögel aus Papier zu falten?
Robert Lang:
Origami bietet da viele Möglichkeiten. Und ich habe sicherlich an die zwei Dutzend Kollegen in den USA, Kanada, England, Israel, denen es auch gelingt, davon ganz gut zu leben.

Welche Möglichkeiten sind das?
Ich verkaufe meine Papiermodelle an private Sammler, arbeite auf Bestellung, viele Aufträge bekomme ich aus der Werbewirtschaft, die Werbespots mit Origami-Figuren drehen. Ich halte Vorträge, gebe Workshops, schreibe Bücher, berate Unternehmen, die Produkte entwickeln, die irgendwie gefaltet werden müssen. Seit vergangenem Jahr arbeite ich auch verstärkt mit verschiedenen Universitätsfakultäten in Kalifornien zusammen, die sich mit industriellen oder militärischen Anwendungsmöglichkeiten von Origami beschäftigen.

Warum interessieren sich amerikanische Universitäten für japanische Papierfaltkunst?
An einer Uni habe ich zum Beispiel gemeinsam mit Studenten eine zusammenfaltbare Tasche für Medizinzubehör entwickelt. Sie lässt sich öffnen, ohne dass die sterilen Instrumente berührt werden oder mit nicht sterilen Objekten in Kontakt kommen. Für das Militär habe ich mit Kollegen ein auffaltbares Weltraumteleskop entwickelt. Ein anderes Uni-Team versucht, künstliche Organe zu entwickeln, die zusammengeklappt in den Körper eingeführt werden und sich dort aufklappen und einsetzen lassen. Bei Versuchen mit Schweinenieren hat das offenbar schon ganz gut funktioniert. Ein Kollege in Oxford arbeitet an zusammenfaltbaren Stents, die aufklappen, sobald sie an der richtigen Stelle in den Herzgefäßen sitzen. Ein anderer Kollege vom MIT erforscht, ob Proteine, wenn sie falsch gefaltet sind, Alzheimer oder BSE verursachen können. Origami bietet etliche Anwendungsmöglichkeiten. Wir fangen gerade erst an, sie zu entdecken. Aber einige Erfindungen haben es schon in unseren Alltag geschafft.

Wo im Alltag begegnet man Origami-Produkten?
Beim Airbag. Vor zwölf Jahren habe ich für ein deutsches Unternehmen berechnet, wie es seine Airbags am besten falten sollte.

Sie sind gelernter Physiker und haben in der Forschung gearbeitet, bevor Sie sich vor zwölf Jahren als Origami-Spezialist selbstständig machten. Haben die Universitäten und die Industrie Sie damals ernst genommen?
Den Respekt mussten meine Kollegen und ich uns erst verdienen. Ich hätte mir damals in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass es heute allein in den USA 13 staatlich subventionierte Forschungssprogramme geben würde, in denen industrielle Anwendungen von Origami erforscht werden. Alles in allem gibt es inzwischen dreißig bis vierzig Origami-Lehrstühle mit unzähligen Studenten, die sich darauf spezialisieren.

Hatten Sie keine Bedenken, dass Sie zu wenig Geld verdienen könnten?
Eigentlich nicht. Ich hatte ja auch zuvor schon einzelne Modelle verkauft. Auch meine Frau hat mich voll und ganz bei dem Schritt in die Selbstständigkeit unterstützt.

Was kostet ein echter Robert Lang im Schnitt?
Durchschnitt ist ein schlechtes Wort, Spannbreite ist aussagekräftiger: Die reicht von ein paar Hundert Dollar bis zu mehreren Tausend.

Für einen kleinen Papierfrosch?
Für große Elefanten oder Schildkröten aus Bronze oder einem anderen Metall. Vor ein paar Jahren habe ich auch damit begonnen, einige Origami-Modelle in Bronze nachzugießen. Papier-Origami kann ewig halten, aber es ist sehr empfindlich und lässt sich nicht gut transportieren. Bronze ist robust, man kann sie auch draußen aufstellen. Im letzten Jahr habe ich schon weit mehr Bronze-Figuren verkauft als welche aus Papier.

Sie lieben offenbar Insekten, Ihre Bücher sind voll von verschiedensten Käfer-Modellen.
Von meinen letzten 15 Origami-Modellen waren nur zwei Insekten, alles andere waren Vögel, Blumen, Dinosaurier, auch etwas Abstraktes, Wollähnliches. Ich habe viele Insekten entworfen, bin aber abwechslungsreicher geworden.

Sind Insekten die Objekte, die sich am schwierigsten nachfalten lassen?
Es gab zumindest mal eine Zeit, in der das so war. Anfang der Neunzigerjahre, zur Zeit der sogenannten Käfer-Kriege, haben japanische Kollegen und ich uns ein paar Jahre lang regelrechte inoffizielle Wettkämpfe um die Nachbildung der schwierigsten Käfer geliefert. Viele Beine machen die Sache kompliziert. Inzwischen hat man aber weit komplexere Figuren entworfen: Außerirdische aus Fantasyspielen etwa oder einen Drachen, den ein Japaner vor Kurzem gefaltet hat.

Sie haben sogar eine Kuckucksuhr mit Kuckuck und Pendel gefaltet – ohne auch nur einmal eine Schere zu benutzen. Lässt sich ein Schwierigkeitsgrad bei Origami mit der Zahl der Faltschritte messen?

Keinesfalls. Ein einziger Schritt in der Faltanleitung beinhaltet mitunter hundert Knicke zur gleichen Zeit, die natürlich viel schwieriger auszuführen sind als hundert Faltschritte nacheinander. Komplexität lässt sich nicht exakt messen. Dennoch kann ich Ihnen versichern, dass der Drache meines japanischen Kollegen weit komplexer ist als meine Kuckucksuhr.

Was war Ihr schwierigstes Modell?
Ich habe so ein Projekt, das ich alle paar Monate aus der Schublade hole, um ein wenig daran zu arbeiten, aber bald wieder weglegen muss. Ich bin abergläubisch, deshalb verrate ich Ihnen jetzt nicht, um was es sich dabei handelt. Nur so viel: Es wird eine Art Pflanze.

Sie können aus einer Dollarnote einen Surfer auf seinem Board falten. Was noch alles?
Wenn man von der begrenzten Größe absieht, ist das Falten von Geldscheinen nicht besonders schwierig. Viele Werbekunden verlangen von mir eine Palme, ein Flugzeug oder Flipflops. Mit neun Dollar falte ich Ihnen einen Hummer.

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Lars Reichardt war zu einer Party eingeladen, auf der drei Gäste das Origami-Papier des Gastgebers entdeckten - und alle drei unabhängig voneinander den in der Szene sehr bekannten Frosch von Robert Lang nachfalteten. Mit Erfolg. Robert Langs Kunstwerke sind größtenteils auf www.langorigami.com zu sehen.

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