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aus Heft 35/2014 Wissen

Was wäre, wenn…

Randall Munroe  Illustrationen: Randall Munroe Aus dem Englischen von Ralf Pannowitsch

… alle Menschen gleichzeitig in die Luft sprängen? Wie viel Platz braucht das Internet? Egal wie abstrus die Frage ist: Der ehemalige NASA-Robotertechniker und Comicautor Randall Munroe beantwortet sie (fast immer) streng wissenschaftlich auf seiner Webseite.


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DER EINSAMSTE MENSCH


Wann und wo war ein Mensch am weitesten entfernt von jeder anderen lebenden Person? Und hat er sich da einsam gefühlt?
Bryan J McCarter

Die wahrscheinlichsten Verdächtigen in unserem Falle sind die sechs Apollo-Raumfahrer, die während der Mondlandungen in der Kommandokapsel blieben und mit ihr den Mond umkreisten: Mike Collins, Dick Gordon, Stu Roosa, Al Worden, Ken Mattingly und Ron Evans. Jeder dieser Astronauten blieb allein in der Kapsel zurück, während zwei seiner Kollegen auf dem Mond landeten. Am entferntesten Punkt ihrer Umlaufbahn trennten ihn etwa 3585 Kilometer von den anderen Raumfahrern.

Nun denken Sie vielleicht, Astronauten hätten den Rekord fest in der Hand, aber so sicher ist das gar nicht. Es gibt ein paar andere Kandidaten, die ziemlich nah herankommen!

Polynesier
Es ist schwer, 3585 Kilometer zwischen sich und einen auf Dauer unbewohnten Ort zu bringen. (Wegen der Erdkrümmung müssten Sie sogar 3619 Kilometer auf der Erdoberfläche schaffen, um für den Titel infrage zu kommen.) Die Polynesier, die sich als erste Menschen über den Pazifik verbreiteten, mögen es geschafft haben, aber nur, falls ein einsamer Segler allen übrigen Menschen schrecklich weit voraus gewesen ist. Das kann passiert sein – vielleicht durch ein Missgeschick, bei dem jemand in einem Sturm weit von seiner Gruppe fortgetragen wurde –, aber wir werden es wohl nie genau wissen.

Inzwischen ist es praktisch unmöglich, auf der Erdoberfläche noch Regionen zu finden, in denen es jemand auf 3585 Kilometer Abstand zu seinen Mitmenschen bringen könnte, denn selbst der antarktische Kontinent ist dauerhaft von Forschern bevölkert.

Entdeckungsreisende in der Antarktis
In der Zeit, als die Antarktis erstmals erforscht wurde, sind einige Menschen der Bestmarke der Astronauten nahe gekommen, und es ist möglich, dass einer von ihnen tatsächlich den Rekord hält. Sehr nahe heran kam Robert Falcon Scott. Er war ein britischer Forschungsreisender, dessen Leben tragisch endete. Sein Expeditionsteam erreichte 1911 den Südpol und musste feststellen, dass der norwegische Entdeckungsreisende Roald Amundsen schon ein paar Monate früher dort gewesen war. Der völlig niedergeschlagene Scott und seine Gefährten machten sich auf die strapaziöse Rückreise zur Küste, aber alle starben, als sie das Ross-Schelfeis überquerten. Das letzte überlebende Expeditionsmitglied wäre für kurze Zeit einer der isoliertesten Menschen auf der Welt gewesen. (Amundsens Expedition hatte zu dieser Zeit den Kontinent bereits verlassen.) Doch wer immer es gewesen sein mag, seine Entfernung zu den nächsten Menschen – zu den Außenposten anderer Antarktisforscher und zu den Maori von der neuseeländischen Stewart-Insel (Rakiura) – lag noch innerhalb der 3585 Kilometer.

Es gibt noch haufenweise andere Kandidaten. Der französische Seemann Pierre François Péron behauptete, auf der Amsterdam-Insel im südlichen Indischen Ozean ausgesetzt worden zu sein. In diesem Fall hätte er die Astronauten beinahe geschlagen, aber er war ein kleines Stück zu nahe dran an Mauritius, Südwestaustralien und dem Rand von Madagaskar.

Mit Sicherheit werden wir es wahrscheinlich niemals wissen. Es ist möglich, dass der Titel »Isoliertester Mensch der Welt« irgendeinem schiffbrüchigen Seemann zukommt, der im 18. Jahrhundert in einem Rettungsboot durchs Südpolarmeer trieb. Aber so lange nicht plötzlich ein überzeugendes historisches Beweisstück auftaucht, haben meiner Meinung nach die sechs Apollo-Astronauten ziemlich gute Ansprüche auf den Rekord.

Das bringt uns zum zweiten Teil von Bryans Frage: Fühlten sie sich einsam?

Einsamkeit
Nach seiner Rückkehr zur Erde sagte Mike Collins, der Pilot der Kommandokapsel von Apollo 11, er habe sich überhaupt nicht einsam gefühlt. In seinem Buch Carrying the Fire: An Astronaut’s Journeys schrieb er über dieses Erlebnis:

»Weit davon entfernt, mich einsam oder verlassen zu fühlen, spüre ich ganz intensiv, dass ich ein Teil von dem bin, was auf der Mondoberfläche vor sich geht … Ich will nicht leugnen, dass ich ein Gefühl der Abgeschiedenheit habe. Es ist einfach da, noch verstärkt durch die Tatsache, dass der Funkkontakt mit der Erde plötzlich abbricht, wenn ich hinter dem Mond verschwinde.

Jetzt bin ich allein, wirklich allein und völlig isoliert von allen bekannten Lebensformen. Wenn man eine Zählung machen würde, wären es dort, auf der anderen Seite des Mondes, drei Milliarden plus zwei, auf dieser Seite aber nur ein einziger Mensch plus Gott weiß was noch.«

Al Worden, Pilot der Kommandokapsel von Apollo 15, hat die Erfahrung sogar genossen:

»Allein sein ist das eine, einsam sein etwas anderes. Es sind zwei verschiedene Dinge. Ich war allein, aber nicht einsam. Als Jagdflieger bei der Luftwaffe und später als Testpilot (meistenteils in Kampfflugzeugen) war ich es durchaus gewohnt, auf mich allein gestellt zu sein. Ich habe es uneingeschränkt genossen. Ich musste mit Dave und Tim nicht mehr reden … Auf der erdabgewandten Seite des Mondes brauchte ich nicht einmal mehr mit Houston zu sprechen, und das war der beste Teil des Fluges.«


Introvertierte Menschen werden das verstehen: Der einsamste Mensch der Weltgeschichte war einfach nur glücklich, ein paar Minuten seine Ruhe zu haben.


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Die erste Leserfrage beantwortete Randall Munroe 2012 auf seiner Webseite xkcd.com, wo er ansonsten Comics veröffentlicht. Sie lautete: »Was wäre, wenn ich einen Baseball schlage, der mit 90 Prozent der Lichtgeschwindigkeit daherkommt?« Das Buch What if? - Was wäre, wenn? erscheint im September im Knaus-Verlag.

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