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aus Heft 42/2014 Literatur

»Wir bieten ihnen ein zweites Leben«

Lars Reichardt (Interview)  Fotos: Thomas Rabsch

Die Frankfurter Buchmesse ist vorbei. Die meisten neuen Bücher werden sich deutlich schlechter verkaufen als erhofft - wie immer. Dann interessiert sich niemand mehr für die Werke. Außer diesem Mann.

Bernd Detsch ist sechzig Jahre alt, gelernter Buchhändler, studierter Betriebswirt und seit 17 Jahren selbstständiger Buchramscher in Köln. Bei artbookcologne.com hat er 500 000 Bücher beziehungsweise 1200 Titel auf Lager, in seiner privaten Sammlung sind es 30 000 Bücher: »Die sind meine Altersversorgung.«
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SZ-Magazin: Herr Detsch, was ist ein Ramscher?

Bernd Detsch: Ich benutze immer gern das Bild aus Pulp Fiction: Harvey Keitel als »Cleaner« – ein Putzmann, der gerufen wird, um die blutigen Spuren eines Verbrechens zu bereinigen. Ein Ramscher kümmert sich um verunglückte Bücher, die sich aus irgendeinem Grund nicht verkaufen.

Sie meinen, Buch-Ramschen ist ein schmutziges Geschäft?
Zumindest gibt kein Verlag gern zu, dass er Bücher verbilligt in den Markt gibt. Ich wette, Sie bekommen keinen deutschen Verleger dazu, in der Öffentlichkeit über Ramsch zu reden.

Handelt ein Ramscher mit gebrauchten Büchern?
In der Regel nicht. Ramsch beschreibt im Buchhandel liebevoll den Begriff des »Modernen Antiquariats« – und nicht wie im Umgangssprachlichen wertloses Zeug. Ein Ramscher handelt mit Restauflagen, also mit verlagsfrischen Büchern, und mit »Remittenden« – das sind Bücher, die bereits den Weg in die Läden und tragischerweise zurück zum Verlag gefunden haben. Es gibt viele unterschiedliche Spezialisten im Bereich des Modernen Antiquariats. Ich hatte das Glück, mich auf die schönen Bilderbücher konzentrieren zu können, also Kunst-, Foto-, Architektur- und Designbücher.

Wer sind Ihre Abnehmer?
Kunst- und Fotobuchhandlungen, Museumsshops. Die Versandbuchhändler mögen Kunstbücher zum reduzierten Preis. Und natürlich die wenigen verbliebenen kleinen Läden für Modernes Antiquariat.

Wie kann es sein, dass Sie mit Büchern Erfolg haben, die bei anderen gefloppt sind?
Wir bieten eine Plattform – wenn Sie wollen, ein zweites Leben – für hochwertige Bücher, die im Meer der Neuerscheinungen untergingen. Der Preis spielt natürlich auch eine Rolle, aber nur wenn Bücher eine wie auch immer geartete Bedeutung haben, kann man sie erfolgreich preiswerter verkaufen.

Wie viele Ramscher gibt es in Deutschland?
Da muss man unterscheiden zwischen Einzel- und Großhandel. Ich kenne keine exakten Zahlen, schätze aber, dass es ein, zwei Dutzend in Deutschland arbeitende Grossisten sind, dazu eine Vielzahl an Einzelhändlern – als Anhängsel von Vollbuchhandlungen oder aber als ausschließliche Geschäfte für Modernes Antiquariat. Weltweit ist die Zahl der Großhändler natürlich größer, auf den drei Spezialmessen für Ramscher in London und Chicago findet man sechzig bis achtzig mit uns vergleichbare Anbieter. Die meisten sind allerdings größer und umsatzstärker als wir.

Wie groß sind Sie denn?
Ich habe acht Mitarbeiter in meiner Kölner Firma Art Book Cologne, wir haben im Schnitt nur 1200 lieferbare Titel auf Lager, rund 500 000 Exemplare – ständig wechselnd natürlich. Trotzdem recht bescheiden. Wenn wir von 5000 Büchern 4000 weiterverkaufen, ist das schon viel. Amerikanische Händler lachen über unsere Zahlen: Von einem Buch über Lady Gaga mit einer geschätzten Auflage von 200 000 sind gleich mal 120 000 im Ramsch gelandet. Wir haben 2000 Stück davon gekauft, hat im Laden mal sechzig Dollar gekostet, bei uns bekommen Sie es jetzt für 9,95 Euro. Unsere höchste Einkaufszahl lag bei 25 000 Stück: Paul Klee – ein vorzüglicher Katalog der Nationalgalerie Berlin.

Wie verträgt sich das Ramschen mit der Buchpreisbindung in Deutschland?
Nach 18 Monaten darf jeder Verlag die Preisbindung für ein Buch aufheben und es zum Ramschen freigeben, das muss man nur im Börsenblatt, dem Verbandsorgan des Börsenvereins, bekanntgeben. Bei Büchern mit begrenzter Aktualität geschieht das schon früher, zum Beispiel bei Publikationen zu einer Fußball-WM oder bei Ausstellungskatalo-gen. Wenn einer der bekannten Kunstbuchverlage wie Schirmer/Mosel oder Prestel Bildbände zum Ramschen freigibt, bieten wir etwa fünf bis zehn Prozent des ursprünglichen Ladenpreises und verkaufen diese Bücher an Buchhandlungen, Museumsshops oder Versandbuchhändler weiter, in der Regel zum Doppelten unseres Einkaufspreises. Wir empfehlen dann einen neuen Verkaufspreis, der meistens der Hälfte des ursprünglichen Ladenpreises entspricht. Unsere Spezialität ist auch, Bildbände ins Ausland zu verkaufen. Da hapert es bei vielen kleineren deutschen Verlagen.

Warum gilt Ihr Job dann als ehrenrührig?
Weil die Verlage Angst vor Autoren haben, vor Museen, vor Kuratoren und auch vor einem Imageverlust. Deswegen versprechen wir einigen deutschen Verlagen, ihre Überproduktion nur ins nichtdeutschsprachige Ausland zu verkaufen. So können die ihr Gesicht wahren und billiger verkaufen, ohne Probleme mit der Preisbindung zu bekommen, die ja nur in Deutschland Bedeutung hat. Aber der viel größere Skandal ist ja: Bücher, die nicht geramscht werden, muss man irgendwann schreddern. Darüber spricht man noch weniger gern. Ein Buchmessen-Journal hat mal einen Artikel veröffentlicht zum Thema »Was wirklich mit Büchern passiert« – mit einem Foto, auf dem ein Buch von Hans-Olaf Henkel zerschreddert wurde, dem ehemaligen Manager, der jetzt für die AfD kandidiert. Das gab richtig Ärger.

Warum zerstören Verlage lieber eine Restauflage, als mit Ihnen Geschäfte zu machen?
Ein Ladenhüter ist für alle schlecht. Die Lagerkosten sind immens. Aber bevor ihr Buch auf dem Billigmarkt landet, lassen es einige lieber heimlich verschwinden. Ich weiß von einem Picasso-Katalog, dessen Auflage von 4000 Stück vernichtet wurde. Das ist Schwachsinn. Hier hätte man vielen Kunstfreunden eine Freude bereiten können!

Es gibt Verlage, die auf Geld vom Ramscher verzichten, weil das schlecht aussehen könnte?
Die zahlen sogar drauf, denn Schreddern kostet Geld. Einige Verlage weigern sich generell, mit einem Ramscher zusammenzuarbeiten, andere geben nur bestimmte Autoren nie ins Moderne Antiquariat und zerstören das Buch stattdessen. Wobei ich zugeben muss: Wir lassen auch schreddern. Irgendwann, wenn man den Preis schon zweimal runtergesetzt hat. Einige Bücher haben so ein Schicksal durchaus verdient. Die Erinnerungen von Sarah Palins Tochter braucht kein Mensch.

Die Tochter der amerikanischen Politikerin ist doch kaum älter als Mitte zwanzig?
Hat Sex gehabt und ein Kind bekommen, das war ihr schon ein Buch wert. Der Bildband über Lady Gaga ist auch überflüssig. Hat Terry Richardson gemacht, der Skandalfotograf, der den Pornoschick mit erfunden hat, bei dem Buch hat er einfach ohne Sinn und Verstand drauflosgeknipst. Aber auch in Deutschland gibt es eine Vielzahl an Beispielen für unnütze Buchproduktion. Ich denke da an die 40 000 Exemplare eines Buches über den polnischen Papst, die in den Ramsch wanderten.
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Lars Reichardt empfiehlt dringend einen Roman, dessen Erstauflage von 2000 Exemplaren 1965 ein schnelles Ende im Ramsch fand, der nach seiner Wiederentdeckung vierzig Jahre später aber einige Bestsellerlisten eroberte: Stoner von John Williams.

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