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aus Heft 45/2014 Fernsehen

»Ich trauere den Neunzigern nicht nach« - »Ich schon«

Patrick Bauer und Stefan Niggemeier (Interview)  Fotos: Thomas Rabsch

Jörg Grabosch und Marcus Wolter haben gemeinsam Stefan Raab entdeckt. Dann gingen sie getrennte Wege. Ihre Produktionsfirmen Brainpool und Endemol feiern jetzt zwanzigsten Geburtstag. Aber gibt es im Fernsehgeschäft überhaupt noch was zu feiern?

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Jörg Grabosch und Marcus Wolter (rechts) begegnen sich höchstens noch auf Preisverleihungen. Zum Interview in Köln betrat Wolter erstmals wieder die Brainpool-Zentrale.


SZ-Magazin: Wer von Ihnen ist denn nun der wahre Entdecker von Stefan Raab?

Marcus Wolter: Stefan hat sich selbst entdeckt, oder? Mit seinen Talenten, seiner Kreativität, seinem Ehrgeiz hätte der seinen Weg immer gemacht, in jeder Branche. Ich glaube, Stefan Raab hätte bis auf Bundestrainer alles werden können.
Jörg Grabosch: Ich denke, Stefan glaubt, er könnte auch das.wolter Ich hatte jedenfalls das Glück, mit ihm die ersten Schritte im Fernsehen zu machen. Ich habe ihn Mitte der Neunziger zu Viva geholt. Stefans große Fernsehkarriere fing dann aber bei Brainpool an.
Grabosch: Wir haben eine Pilotsendung mit ihm gemacht: Das kann ja mal passieren. Mit dir, Marcus, als Producer. Die Sendung lag anderthalb Jahre herum, die wollte keiner. Dann wurde unsere Ulla Kock am Brink-Show auf ProSieben abgesetzt, dadurch waren Mittel frei, und daraus ist TV total entstanden.

War Ihnen klar, dass Raab ein Großer werden könnte?
Wolter: Das war klar. Er war bereit, Grenzen zu überschreiten.
Grabosch: Aber dass der mal der neue Thomas Gottschalk werden würde, das hat sich keiner träumen lassen. Georg Kofler, der damalige ProSieben-Chef, hat gefragt: »Der Raab von Viva? Nur über meine Leiche!« Er erlaubte uns dann vier Sendungen mit Armageddon-Klausel, das heißt: Viermal guck ich das an, dann muss es ein Erfolg sein.

Herr Wolter, wenn Sie sehen, was aus Raab geworden ist, bereuen Sie, ihn und Brainpool 2002 verlassen zu haben?
Wolter: Nicht eine Sekunde. Ich ging, weil ich nicht nur mit einem Künstler zusammenarbeiten wollte. So kann ich heute mit jungen, neuen Leuten wie Joko und Klaas etwas aufbauen und nicht zuletzt ein Unternehmen wie Endemol führen.

Und Sie, Herr Grabosch, kommen nicht los von Raab.
Grabosch: Das will ich auch nicht. Wir machen auch Sachen ohne Stefan. Aber er ist unser Hit, unsere Coca-Cola.

Trotzdem: Wenn montags auf ProSieben nach Endemols Circus HalliGalli mit Joko und Klaas dann Raab wie eh und je im TV total-Studio sitzt, wirkt er schon alt, oder?
Grabosch: Also bitte. Circus HalliGalli finde ich nicht so sensa-tionell. Joko und Klaas sind natürlich lustige Kerlchen. Die sind für ProSieben so stilprägend, wie es früher TV total war. Aber ohne Raab gäbe es Joko und Klaas nicht. So wie Stefan einst Harald Schmidt nachgefolgt ist. Und: Joko und Klaas machen nur einmal die Woche Late-Night, wir viermal – mit besseren Quoten. Und am Samstagabend sind wir mit Schlag den Raab deutlich erfolgreicher als Joko und Klaas mit Duell um die Welt, was Endemol sich übrigens gut bei unserem Format Elton vs. Simon abgeschaut hat. Aber egal: Wir haben im Dezember die fünfzigste Schlag den Raab-Sendung und hatten gerade den zehnten Bundesvision Song Contest. Das sind tradierte Formate.

Eben. Früher galt Brainpool als innovativer als Endemol.
Grabosch: Solange Cola getrunken wird, muss man das Rezept nicht ändern. Und Stefan entwickelt sich doch ständig weiter. Bei uns rücken auch Neue nach, etwa Luke Mockridge, der ist frischer als Joko und Klaas. Das darf man nicht vergessen: Joko und Klaas gelten als die Jugend. Dabei sind die Mitte dreißig.
Wolter: Ich muss jetzt schon mal klarstellen: Wir haben mit Jokos und Klaas Duell um die Welt nicht Elton vs. Simon kopiert, das ist Quatsch. Natürlich entsteht auch Neues im Fernsehen aus den immer gleichen Grundzutaten. Klar schauen wir auch, was Brainpool macht, die sind halt gut. Aber wir kopieren nichts.

Jetzt streiten Sie schon um Quoten und Urheberschaft. Gerade wollten wir Sie bitten, dem anderen zum Zwanzigsten nett zu gratulieren.
Grabosch: Okay, Privatfernsehen in Deutschland kann man sich ohne Endemol gar nicht vorstellen. Der Gründer John de Mol war immer ein Vorbild für mich. Der saß in den Neunzigerjahren in seinem Eispalast in Hilversum, rauchte unfassbar viele Zigaretten und entwickelte verrückte Ideen, die er weltweit verkauft hat. Big Brother ist nicht mein Fernsehen. Aber das hat der einfach erfunden. Toller Typ.

Der mit Endemol heute gar nichts mehr zu tun hat.
Grabosch: Zu Endemol heute kann ich nicht so viel sagen. Die haben ihre Klassiker wie Wer wird Millionär? – und jetzt auch Promi Big Brother. Muss man nicht mögen.

Und Ihr Ständchen für Brainpool, Herr Wolter?
Wolter: Brainpool hat in den Neunzigern die deutsche Comedy neu erfunden. Und ich mag, dass die bis heute so souverän und selbstbewusst auftreten. Wenn es darum geht, Künstler aufzubauen oder Rechte selbst zu verwerten, war Brainpool für größere Produktionsfirmen wie uns früher oft ein Vorbild …

Aber?
Wolter: John de Mol, wir schätzen ihn alle, ist seit zehn Jahren nicht mehr bei Endemol. Die gute alte Zeit war schön, aber die ist vorbei. Wir sind stolz auf die Vergangenheit, aber die Zukunft sieht anders aus. Wir erreichen weltweit mit unseren Youtube-Kanälen über 300 Millionen Views pro Monat. Wir produzieren im Fernsehen jetzt mit Wiedemann & Berg auch anspruchsvolle Fiction, vier Tatorte seit letztem Jahr. Und wir sind in Berlin an Florida TV beteiligt, da wächst mit Künstlern wie Joko und Klaas, Olli Schulz oder Palina Rojinski die nächste Generation heran, das neue Brainpool. Ich trauere den Neunzigern nicht nach.

Sie, Herr Grabosch?
Grabosch: Ich schon manchmal. Damals konnte man Dinge leichter umsetzen. Für Die Harald Schmidt Show gab es kein Konzept – man hat einfach auf Talent vertraut. Es gab auch keinen Blödsinn wie Marktforschung. Mit Die Wochenshow fingen wir in einer alten Antennenfabrik an, da liefen die Ratten durchs Studio, und im Winter war es so kalt, dass Anke Engelke Eiswürfel in den Mund nehmen musste, damit man ihren Atem nicht sieht. Das war der Wilde Westen. Da haben wir Shows produziert wie Knack die Nuss mit Helge Schneider. Lief natürlich nie, aber man konnte machen, was man wollte, es kam genug Werbekohle rein. Wir kriegen für Sendungen heute teilweise weniger als vor zwanzig Jahren. Das Fernsehen ist erwachsen geworden.

Was ist Ihre früheste Erinnerung ans Fernsehen?
Wolter: Im Bademantel die Hitparade mit Dieter Thomas Heck zu gucken.
Grabosch: Lassie, Flipper, auch die Hitparade. Ich habe auch Disco geguckt und mit dem Kassettenrekorder The Ballroom Blitz von Sweet aufgenommen – und dann hat mein blöder Bruder die Tür zugeschlagen und die Aufnahme verdorben.
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Patrick Bauer und Stefan Niggemeier kannten Marcus Wolters Vergangenheit als Musikproduzent (2000 wollte er mit einem Schlager zum Eurovision Song Contest: bit.ly/marcuswolter). Aber erst jetzt entdeckten sie, dass er 1995 eine ebenfalls recht schnulzige Soloplatte veröffentlicht hat: Immer wenn die Welt sich dreht.

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