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aus Heft 46/2014 Kunst

Falsches Erbe

Seite 2: »Die Kristallschale und Tante Mariechens Möbel

Marianne Moesle 



DIE KRISTALLSCHALE

Klaus Kirdorf, 75, Lehrer im Ruhestand, Wetzlar:
»Einmal, das war 1966, wollte meine Frau die ersten abgeschnittenen Härchen unserer Tochter in dieses Kristallschälchen mit dem Deckel tun, das bei uns rumstand. ›Das geht nicht!‹, habe ich geschrien, ich wurde richtig wütend. Das war unser erster großer Streit. Dabei konnte sie es ja nicht ahnen. Ich wusste damals schon, dass die Kristallschale aus jüdischem Besitz stammt. Ich wusste nur nicht, wie sie in meine Familie gelangt war.

In meiner Schulzeit habe ich mir zum ersten Mal Gedanken über gewisse Dinge in unserem Haushalt gemacht. ›Die Andenken hat der Papa aus der Kristallnacht mitgebracht‹, sagte die Mutter. Wahrscheinlich habe ich dieses Wissen in mich reingefressen und bin dann irgendwann explodiert.

Die Mutter hat viel erzählt. Wie sie schwanger mit mir war und am Abend des 8. November 1938 vom Säuglingspflegekurs nach Haus kam und der Vater am Küchentisch am Malen war. So eine Idylle. Und draußen werfen die SA-Banden Fensterscheiben von jüdischen Geschäften ein. Dass mein Vater bei der SA war, weiß ich von Familienfotos, aber an diesem Abend war er wohl nicht dabei.

Dafür hat er am nächsten Tag die Gelegenheit genutzt. Die Sachen haben angeblich auf einem Glashaufen gelegen, im Hof vom Parfümeriegeschäft ›Albersheim‹ und dem Juweliergeschäft ›Netter, Herz und Heimerdinger‹ in der Wiesbadener Wilhelmstraße. ›Ein nobler Laden und so feine Leute, da traute man sich gar nicht, ins Schaufenster zu gucken‹, sagte Mutter.

Vielleicht hat der Vater ins Schaufenster gegriffen. Wie andere auch, wäre ja dumm gewesen, wenn er nichts eingesteckt hätte. Eine Aktentasche voll. Der vornehme Bakelitspiegel mit dem silbernen Griff, diverse Kristallschalen, zwei Döschen für Puder, in denen Klämmerchen bei uns im Bad gesammelt wurden.

›Andenken‹ nannte sie die Mutter. Andenken an diejenigen, die man vergessen wollte, würde ich sagen. Nie hätte ich mich getraut, das Thema zu Lebzeiten meines Vaters anzuschneiden. Es war das Verschweigen, das alles so schwer gemacht hat. Aber dann im November 2004 nehme ich an einer Führung durch die Ausstellung ›Legalisierter Raub‹ in Wetzlar teil. Es ist, als ob ich auf diese Gelegenheit gewartet hätte. Plötzlich stehe ich inmitten fremder Menschen und erzähle von unseren Andenken. Ohne zu überlegen, ob mein Bekenntnis vielleicht Verrat ist oder wie die Familie reagieren würde.

Manchmal habe ich im Leben getan, was alle tun, manchmal habe ich mich dagegen gestellt. Man denkt ja immer, es wären die anderen. Als würde einen die ganze Geschichte nichts angehen. Aber mich geht sie etwas an. Ich will meinem Vater keine Schuld zuschieben, aber doch, es war Diebstahl. Und ich war ein Mitwisser. Wiedergutmachung nein, geht nicht, aber ich will mich befreien, mich dem Unrecht stellen und die gestohlenen Dinge an den Ort zurückbringen, an den sie gehören.

Sogar meine Mutter hat dann nachgeschaut, was sie noch findet. Nur mein Bruder war sauer – für ihn war ich ein Nestbeschmutzer. Als dann die Ausstellung ›Legalisierter Raub‹ auch in Wiesbaden gezeigt wurde, habe ich unsere ›Andenken‹ beigesteuert. Bei ihrer Eröffnung sprach mich die Leiterin des Museums für deutsch-jüdische Geschichte an und sagte, sie habe mit einer Gaby Glückselig, geborene Netter, an einer Forschungseinrichtung zum deutschsprachigen Judentum in New York zusammengearbeitet.

Es ist ein schier unglaublicher Zufall, doch Frau Glückselig stammt tatsächlich aus diesem noblen Laden in meiner Heimatstadt Wiesbaden. 1938, da war sie 25 Jahre alt, ist sie über Luxemburg in die USA geflüchtet. Ihr Vater war kurze Zeit in einem Konzentrationslager, konnte sich aber freikaufen und ist mit Frau und zweiter Tochter ebenfalls in die USA geflohen.

Wochenlang war ich aufgewühlt, mit einem Brief zusammen habe ich das Bleikristallschälchen dann nach New York geschickt. Es zurückgegeben. Da hat Gaby prompt bei uns angerufen und sich bedankt. In perfektem Deutsch sagte sie da, sie habe meinen Brief bei ihrem deutschen Stammtisch vorgelesen, und dass sie sich sogar vorstellen kann, in welcher Vitrine die Schale gestanden hat. Als ich sie anlässlich des New Yorker Marathons besucht habe, war das fast wie ein Familientreffen.«


MARIECHENS MÖBEL


Margareta Rosenstock, 57, IT-Trainerin, Ulm:
»Einmal im Jahr musste ich als Kind im Haus der Großeltern putzen. Es war vermietet bis auf einen Raum, und der war vollgestopft mit Tante Mariechens Möbeln. Tante Mariechen lebte längst woanders. Sie war ein Drache, hieß es in der Familie, aber auch herzensgut. Ich wusste nicht viel von ihr, außer dass sie ihr halbes Leben Dienstmädchen bei Juden in Eschwege, Hessen, gewesen war, bevor sie im Krieg bei ihren Geschwistern in Thürin gen Unterschlupf gesucht hatte. Mariechen war meine Großtante. Ich bin auch in Thüringen aufgewachsen.

Immer mal wieder war von ihren feinen Möbeln die Rede. Lederstühle, Stühle mit Geflecht, ein schönes Sofa, feucht geworden und schimmlig, Silberlöffel mit Initialen, Tischwäsche – lauter hochwertige Sachen, die nicht zu unserer Familie passten. Wir waren einfache Leute mit Besteck aus Alu. Ich habe mir Mariechens Sachen angeschaut, aber nicht nachgefragt, weil das nicht üblich war. Und wenn man doch Fragen stellte und keine richtigen Antworten bekam, dann vergaß man schnell wieder. Das ist von den Juden, bei denen sie gearbeitet hat, hieß es mal. Dann wieder: Nein, nein, das stimmt nicht, das ist von den Großeltern. Juden waren ein großes Tabu in der DDR.

Erzählt wurden lieber andere Geschichten: von Mariechen, die gehofft hatte, ihr Patenkind Grete würde sich im Alter um sie kümmern. Aber dann geht die weg, heiratet und reist sogar kurz vor dem Mauerbau in den Wes-ten aus. Da muss die Großtante so stinkesauer gewesen sein, dass sie ein paar ihrer vielen Stühle zerschlagen hat. Grete hätte sie haben können und noch ein paar andere feine Möbel, hätte sie ihre Patentante versorgt, wie die einst ihre jüdische Dienstherrin.

Tante Mariechen war längst tot, da habe ich mein erstes kleines Zuhause nach dem Studium eingerichtet und gesagt: Wenn die Stühle niemand haben möchte, nehme ich sie. Man kann die ja nicht wegwerfen, sie haben eine Geschichte. Die Frage war nur: Was für eine Geschichte? Seit ich mit diesen Gegenständen von Tante Mariechen lebe, steht immer wieder die Frage im Raum: Woher kommen sie? Wenn jemand gefragt hat, habe ich gesagt: von der Großtante.

Und meistens habe ich dazu gesagt: Aber ich glaube, die sind eigentlich aus jüdischem Besitz.

Ja, Mariechens Dinge hatten ein Geschmäckle, ein ziemlich übles. Es hat lange gedauert, aber 2008 wollte ich endlich wissen, ob es noch Nachfahren der jüdischen Vorbesitzer gibt. Die würde ich fragen: Was ist passiert? Und: Wollt ihr etwas davon haben?

Vom Stadtarchiv Eschwege bekamen wir die Auskunft, dass Maria Rosenstock bei der Tuchhändler-Familie Kahn im Dienst gewesen war. Vater Oskar Kahn ist 1926 gestorben, der Sohn Ernst 1933 nach Palästina ausgewandert, die Mutter, Berta Kahn, blieb allein. Tante Mariechen hat sie versorgt, auch wenn die Nürnberger Gesetze die Arbeit für Arier im jüdischen Haushalt verboten haben.

›Meiner treuen Stütze Maria Rosenstock vermache ich mein gesamtes Mobiliar, Möbel und Hausgerätschaften für ihre langjährige aufopfernde Pflege‹, steht in einem Testament, hinterlegt bei der Finanzbehörde in Kassel. Berta Kahn hat es genau zwei Tage nach der Zerstörung der Synagoge in Eschwege verfasst, am 10. November 1938. Vielleicht war ihr Dienstmädchen die Einzige, der sie noch vertrauen konnte.

16 Esslöffel, zehn Messer, zehn Kuchengabeln …‹, Berta Kahn wurde nicht nur enteignet und gezwungen, Schmuck und Hausrat bis zum letzten Suppenlöffel aufzulisten, sondern noch mit Judenvermögensabgaben und Reichsfluchtsteuern geschröpft. Trotzdem hat sie versucht, ihren Besitz so zu verteilen, wie sie es für richtig hielt.

Mein Vermögen an Bargeld und Wertpapieren soll wie folgt verteilt werden: (…) davon 20 % an meine Hausgenossin Maria Rosenstock, weil sie mich so gut betreut hat. Hierbei bemerke ich, dass ich der Maria Rosenstock schon im Jahre 1938 für ihre langjährige treue Hilfe den Betrag von 10 000 RM geschenkt habe‹, steht in einem Testament vom 25. Juni 1940. Zuletzt musste Berta Kahn sogar für die Deportation ins ›Altenheim in Theresienstadt‹ zahlen. 1942, auf dem Weg dorthin, ist sie gestorben.

Wir haben in Israel nach ihrem Sohn Ernst gesucht. Verschiedene Anträge auf Rückerstattung bei der Finanzbehörde Kassel hat er noch gestellt, doch dann verliert sich seine Spur. Direkte Nachfahren konnten wir nicht finden.

Berta Kahns Stühle sind mir ans Herz gewachsen. Aber ich habe lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass sie rechtmäßig bei uns sind. Maria und Berta waren vielleicht sogar Freundinnen, Weggefährtinnen, Hausgenossinen auf jeden Fall. Sie waren füreinander da in einer schrecklichen Zeit, jüdische Dienstherrin und katholisches Dienstmädchen. Diese Einvernehmlichkeit ist für mich eine große Erleichterung. Nur eine Frage ist noch offen: Wie sind die deutschen Behörden mit Berta Kahns restlichem Erbe umgegangen?«
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Marianne Moesle empfiehlt Menschen, die ein Familienerbstück aus jüdischem Besitz zurückgeben möchten, den Kontakt zur Stiftung »Zurückgeben« (stiftung-zurueckgeben.de). Die unterstützt Projekte von Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen jüdischer Herkunft - war aber auch schon bei solchen Recherchen behilflich.

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