Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München -3°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 46/2014 Kunst

»Manchmal ist der Albtraum das, was wir brauchen«

Tobias Haberl (Interview)  Fotos: Marguerite Rossouw

Roger Ballen fotografiert, um die Seele des Menschen zu verstehen. Längst zählt er zu den bedeutendsten Fotokünstlern unserer Zeit. Für diese Edition 46 haben wir ihn in Johannesburg besucht und zeigen unveröffentlichte Arbeiten.



Anzeige
"Theater des Absurden" - zur Fotoserie von Roger Ballen geht es hier.


Erst erschrickt man ein bisschen, wenn man sich diese Bilder anschaut, dann stellt man sich Fragen und findet keine Antworten. Wahrscheinlich gibt es auch keine, zumindest keine endgültigen, aber es gibt Hinweise, Botschaften, versteckte Schlüssel; man stößt darauf, wenn man Roger Ballen in Johannesburg besucht und mitfährt, wenn er die Menschen trifft, die er seit dreißig Jahren immer wieder fotografiert. Es sind Menschen, die an den Rändern der Stadt in Bretter- und Wellblechbaracken leben, umschwirrt von Fliegen, neben Hunden und Katzen mit entzündeten Augen. Es sind weiße Menschen mit abstehenden Ohren und irrem Blick, manche haben verfaulte Zähne, manche überhaupt keine. »Es ist gut, wenn Sie das alles sehen, bevor wir uns unterhalten«, sagt er.

Roger Ballens Atelier befindet sich in einer Art florentinischem Palast im Stadtteil Parktown, einer wohlhabenden Gegend, die um diese Jahreszeit im Oktober fast überquillt vor violett blühenden Jacaranda-Bäumen. In Südafrika werden jedes Jahr rund 16 000 Menschen ermordet, in Parktown hört man nur davon. Ballen ist müde, er ist heute früh aus New York zurückgekommen, wo sein Vater vor ein paar Tagen im Alter von 97 Jahren gestorben ist. Das Atelier ist groß und düster, eine Mischung aus Büro und Voodoo-Höhle. Das Sonnenlicht bricht in dünnen Streifen durch die heruntergelassenen Rollos, im Dämmerlicht zeichnen sich Fotobände und riesige Drucker ab, dazwischen ausgestopfte Paviane, afrikanische Masken, Puppen, groß wie Kleinkinder, mit weißen Gesichtern, schiefen Mündern und herausgerissenen Gliedmaßen. Ein Ort wie ein psychoanalytisches Labor, aus jeder Ecke starrt bedeutungsvoll eine Fratze, wie aus der Vergangenheit oder einem fiebrigen Traum. In einem Käfig rennt eine Ratte hin und her, sie heißt Pepper, im Zimmer daneben gurrt eine Taube, sie heißt Salt. »Wir sollten nach Pretoria fahren«, sagt Ballen, »ich möchte Ihnen Stan zeigen. Das Interview machen wir morgen.«

In Pretoria, der Hauptstadt Südafrikas, sechzig Kilometer nördlich von Johannesburg, ist es zwei, drei Grad heißer, auch ruhiger, weniger geschäftig. Auf einmal steht am Straßenrand eine Gestalt und winkt. Ein seltsam aussehender Mann, irgendwie schief, verschoben, wie ein kubistisches Gemälde. »Hi, Roger«, sagt er immer wieder. Er hat einen immensen Kopf und einen verkrüppelten Arm, sein rechtes Bein ist kürzer als das linke. Er trägt eine kurze Sporthose; es sind dreißig Grad, aber seine Kniestrümpfe hat er bis ganz nach oben gezogen. Unmöglich, sein Alter zu schätzen. Er könnte 39 sein, aber auch 64.

Ballen fotografiert Stan seit vielen Jahren. Es gibt zwei richtig berühmte Bilder von ihm, aufgenommen in den Neunzigerjahren in einer verfallenen Schule. Auch heute macht Ballen dort ein paar Aufnahmen, der Komplex steht immer noch, genauso beschädigt und verwahrlost, voller Scherben und Dreck. Für seine Serien Dorps (1986) und Platteland (1994) hat Ballen den Menschen direkt ins Gesicht fotografiert, inzwischen komponiert er gespenstische Stillleben, indem er Orte des Verfalls zu surrealen Seelenlandschaften arrangiert. Von den Menschen sieht man meistens nur Teile, oft sind sie versteckt, maskiert, unnatürlich verrenkt. Ein Kritiker hat mal geschrieben: »Ballen wühlt im schwer zugänglichen Untergrund, wo nur sieht, wer tief in sich hineinhorcht.«

Ballen fotografiert Stan ohne T-Shirt, mit angespannten Muskeln, mal grimassierend, mal abwesend, ungeduldig. Er lässt ihn machen, als wäre es ein Spiel. Mal bittet er ihn, die Wand hinter sich mit einem Stück verkohltem Holz zu bemalen, dann wieder zeichnet er selbst, Gesichter, Geister, dämonenartige Gestalten. Nach zwei Stunden findet Stan, dass er jetzt eine Belohnung verdient hat. Also kauft ihm Ballen im Supermarkt Brot, Bananen, Tee, Käse und Kaffee und fährt ihn dann nach Hause, in eine Art größere Hundehütte, zwei mal drei Meter groß, dunkel und beklemmend. Auf dem Boden liegt eine schmutzige Schaumstoffmatratze, überall krabbeln Ameisen, davor surrt ein kleiner Kühlschrank, leer – bis auf ein paar Plastikflaschen mit abgekochtem Leitungswasser. »Räum die Sachen gleich ein, damit sie nicht schlecht werden«, sagt Ballen und steckt ihm zum Abschied 100 Rand zu, sieben Euro.

Eine Stunde später – Ballen ist auf der Autobahn Richtung Johannesburg – klingelt das Handy. Es ist Stan. Ob Ballen ihm beim nächsten Mal Kakerlakengift mitbringen könne? »Kakerlakengift?«, sagt Ballen. »Kein Problem, Stan.«

SZ-Magazin Sie arbeiten seit Jahrzehnten mit ausgestoßenen, deformierten und lädierten Menschen, die am Rand der Gesellschaft existieren. Was fasziniert Sie an diesen Menschen?
Roger Ballen Für mich spiegelt sich in ihnen die conditio humana, die Natur der menschlichen Existenz. Sie haben gesehen, wie Stan lebt. Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann, aber manchmal erinnert er mich an einen Buddhisten, der das Nirwana erreicht hat, weil es für ihn keinen Grund gibt, sich anzustrengen. Wenn ich ihn frage, was er heute gemacht hat, sagt er: nichts. Wenn ich ihn frage, was es Neues gibt, sagt er: nichts. Es ist egal, was er tut oder sagt. Er kann nicht gewinnen. Er hat eine Ebene der Wahrhaftigkeit erlangt, die für die meisten Menschen unerreichbar ist.

Das klingt, als würden Sie ihn romantisieren.
Keine Sorge, ich weiß, dass Stan vor allem leidet. Er ist arm und einsam, er hat Hunger, wird ausgelacht und hat kein Selbstwertgefühl. Ich kenne ihn seit zwanzig Jahren, wir telefonieren alle paar Tage, er schreibt mir laufend SMS.

Trotzdem wird er in Ihren Fotografien poetisiert.
Sie dürfen nie vergessen: Fotografie arbeitet nicht mit dem Bewusstsein der Menschen, sondern mit ihren Formen, ihrer physischen Präsenz. Das Foto ist eine Abstraktion der Wirklichkeit, die man nicht mit der Realität verwechseln sollte. In meinen Bildern erfüllt Stan eine symbolische Funktion. Deswegen bringt es nichts, meine Bilder moralisch oder emotional zu bewerten. Sie sind keine Kommentare auf Stans wirkliches Leben.

Hat Ihre Arbeit Ihre Empathie für die Menschen gesteigert?

Wenn ich Empathie für sieben Milliarden Menschen empfände, wäre das sehr verwirrend, genauso gut könnte ich Empathie für den Aktienmarkt empfinden. Umso mehr kümmere ich mich um die Menschen, mit denen ich arbeite. Für sie bin ich Fotograf – aber auch Sozialarbeiter, Therapeut, Anwalt und Priester.

Ein Kritiker hat mal geschrieben: »So wie Ballen fotografiert, träumen wir in den verstörendsten Nächten.«
Vielleicht ist das so.

Aber warum sind es immer Albträume?
Weil manchmal der Albtraum genau das ist, was wir brauchen. Er konfrontiert uns mit der Wahrheit, er spielt kein Spiel mit uns, sondern teilt uns eine Botschaft mit, die bedeutsam sein kann. Schon möglich, dass wir diese Botschaft nicht immer gut finden, aber sie kann von großer Wichtigkeit sein.

Man merkt, dass Sie Psychologie studiert haben.

Nicht nur das, ich habe damals alles aufgesogen, was in mir in die Finger kam, Soziologie, Literatur, Philosophie. Später habe ich meinen Doktor in Geologie gemacht. Die anderen haben Gras geraucht und Rockmusik gehört, ich habe Nietzsche, Schopenhauer, Jung, Freud und Beckett gelesen.

Samuel Beckett hat geschrieben: »Nichts ist komischer als das Unglück.« Stimmen Sie zu?

Und Nietzsche hat geschrieben: »Der Mensch allein lacht, weil er so tief leidet, dass er das Lachen erfinden musste.«

Haben Sie schon mal Motive geträumt, die Sie anschließend fotografiert haben?
Ich träume seit 64 Jahren, aber wenn ich ein Bild machen will, hat mir ein Traum noch nie geholfen. Ein Maler kann malen, was er will, ich bin abhängig von der Realität, dem Licht, dem Raum, den Menschen. Meine Bildern erwachsen aus den Orten, an denen ich sie mache. Das geht nicht in einem Studio in New York mit einem Model, dem ich Sachen vom Flohmarkt anziehe.
Anzeige

Seite 1 2 3

Tobias Haberl schlenderte am Tag nach dem Interview in Johannesburg über einen Witch Doctor Market, einen Basar für Naturmedizin. Neben verschiedenen Kräutern gab es dort abgehackte Pferdefüße, Leopardenfelle und Tierkadaver. Auf die Frage, wofür ein toter Flamingo gut sei, der ausgetrocknet in der Sonne lag, antwortete die Verkäuferin: »Damit können Sie einem Menschen einen Blitz schicken.«

  • Kunst

    Wo wie wilden Vögel wohnen

    Nicht nur wir Menschen hegen den Traum vom schmucken Eigenheim. Zumindest, wenn es nach Jada Fitch geht. Die Künstlerin baut Häuser für Vögel. Mit Veranda und Kamin.

    Von Till Krause
  • Anzeige
    Kunst

    Wie Sperrmüll zu Kunst wird

    Ein unbekannter Künstler verpasst Gerümpel in den Straßen von Los Angeles traurige Clownsgesichter. Seine Arbeiten sind inzwischen sehr begehrt – dabei wurde der Mann eher zufällig zum Streetartist.

    Von Jona Spreter
  • Kunst

    »Das wollen Sie mich wirklich alles fragen?«

    Zuerst schien Sophie Calle schockiert von den Interview-Fragen. Dann erzählte die Künstlerin bereitwillig von ihrem Werk, dem Tod ihrer Eltern, ihrer Leidenschaft für Stierkampf – und der Abschiedsfeier, die sie für ihre Brüste veranstaltet hat.

    Von Tobias Haberl