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aus Heft 48/2014 Gesellschaft/Leben

Leben und sterben lassen

Renate Meinhof  Illustrationen: Rutu Modan

Unsere Autorin hatte eine sehr glückliche Gans. Sie hat sie gemeinsam mit ihrem Sohn besucht, gefüttert - und zu Sankt Martin gegessen. Protokoll eines Schlachtplans.



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Und jetzt lässt du dich streicheln, Ramona.

Sie ist ganz warm noch, und ihre feinsten Federflocken sind ein Hauch, sodass man kaum merkt, wenn man sie einatmet. Sie liegt auf dem Küchentisch, den Hals über der Kante. Das bisschen Blut, das jetzt noch tropft, mühsam tropft, wie dunkler Sirup tropft, geht in den Eimer. Den Teppich, der sonst unter dem Tisch liegt, der Kinder wegen, dass es warm ist von unten, den Teppich haben wir eingerollt. Er liegt im Wohnzimmer. Den Boden in der Küche kann man wischen. Die Kinder sind nicht da. Niemand ist da, nur Marcel und sie und ich. Das Beil haben wir geschliffen. Schweres, altes Eisen. Es war scharf, ich wollte aber, dass es noch schärfer ist. Als die Schleifsteine draußen im Schuppen fertig waren, fuhr ich mit dem Daumen über das Geschärfte, um ganz sicher zu gehen. Ein Schlag sollte es tun, ein einziger.

Das Geschärfte glänzte silbern und schabte mit trockenem Geräusch über die Haut. Marcel sah meinem Daumen zu, schwieg, zog die Augenbrauen hoch wie zur Frage: Und? Scharf genug?

Draußen hörte man sie rufen, hinten auf der Wiese, acht Gänse unter den Apfelbäumen. Man hörte ihre Ahnung, die Unruhe. Marcel sagte: »Merkst du, die wissen genau …« Sonst sprachen wir wenig. Dämmerung brach ein, Novemberdämmerung. Bitte jetzt nicht noch Regen. Doch. Regen. Unpassend zart und lautlos, aber Regen.

Marcel steht draußen am Schuppen und raucht. Ich bin allein mit ihr.

Damals, als wir sie zum ersten Mal sahen, sagte Marcel einen Satz, dessen Absicht ich erst jetzt verstehe, vielleicht auch dessen Weisheit: »Du wirst eine krasse Erfahrung haben, und danach wird alles anders sein.«

Im Eimer liegt auch ihr Kopf, und dass ihr eines Auge blau, das andere aber grau war, das ist jetzt nicht mehr zu erkennen.

So ist es also, das Ende.

Jetzt bin ich der homo necans, der schlach-tende Mensch, denn der Akt des Tötens gehört zu meiner genetisch geprägten Tiefenstruktur, so beschreibt es Walter Burkert, der Religionsphilosoph, zu meiner archa-ischen Psyche gehört es. Nur haben wir das Töten arbeitsteilig ausgelagert, haben Maschinen beauftragt, Köpfe abzuschneiden. Wir kaufen und essen nur noch, aber zum Essen gehört das Töten, gehört der Ritus.

Ich sitze bei Ramona, unserer Gans, diesem ausblutenden Torso in Marcels Küche, die wir nass wischen werden, wenn alles vorbei ist.

Ich bin hier und bin ganz woanders.

Meinen Vater höre ich, wie er am Sonntag auf der Kanzel steht, Hunderte Male in seinem Pastorenleben auf der Insel Rügen steht er da und spricht diese formelhaften, rhythmischen Worte, mit denen er der Gemeinde mitteilt, wer über die Woche gestorben ist: Es hat dem Herrn über Leben und Tod gefallen aus dieser Welt abzuberufen die Witwe Erna Schack, oder den Schornsteinfegermeister Fritz Molkentin, oder die Melkerin Hildegard Dau.

Während er so spricht, geistert seine Tochter zwischen den Bankreihen umher und fragt sich, warum es Gott eigentlich gefällt, die Melkerin oder den Schornsteinfeger ins Jenseits zu holen. Ob Gott das Spaß macht? Und ob Gott auch Tiere abberuft, ob ihm das auch gefällt?

Die alten Frauen in den Kirchenbänken ziehen umhäkelte Taschentücher aus ihren steifen, weißen Sonntagshandtaschen. Bei den Frauen, die Westpakete
bekommen, riecht es nach Lux und nach Fa, weil sie die kostbaren Seifenstücke zwischen die Wäsche legen. In deren Nähe will ich sein, wenn mein Vater im Talar über den Tod und die Abberufenen spricht, in einem trostvollen Ton, der die Hoffnung lässt, dass das Ende womöglich gar kein Ende, sondern ein Anfang ist.

Daran muss ich denken, als ich die Stelle abtaste, da, wo der eine Hieb des Beils sehr sauber ihren Kopf vom Rumpf getrennt hat. Säuerlich riecht es, nach ihrer Hälmchenverdauung, die jetzt unkontrolliert auf den Küchentisch läuft. Wir werden dann alles wischen, ja.

Himmel, sage ich zu mir selbst und trinke einen Schluck aus dem Glas, das Marcel mir eingeschenkt hat, auf meine Bitte hin, White Rum steht auf der Flasche, im Glas schwimmt eine Daune. Nun bleib mal ruhig, ganz ruhig. Es war ja kein Mensch. Es war nur ein Tier.

Der Anfang. Also der Anfang der Geschichte war eigentlich sehr lustig.

Komm, sagte ich zu meinem Sohn, wir kaufen eine Gans. Nicht irgendeine Gans, sondern eine, die ein glückliches Leben auf dem Lande führt. Wir besuchen sie manchmal und streicheln ihre Federn und reichen ihr Hälmchen, und dann, wenn ihre Zeit gekommen ist, dann wird es uns nur einleuchten, dass wir sie abberufen und also schlachten, denn dafür haben wir ihr schließlich die Hälmchen gegeben, und ein herrlicher Braten landet auf unserem Sankt-Martins-Tisch.

»Na, Söhnchen, was sagst du dazu?«
Erst einmal sagte Simon nichts.
Dafür fragte meine Tochter: »Aha, wir ermorden also eine Gans?«

Tilda ist jetzt 15, Simon elf Jahre alt. Sie schauten mich beide an, tief und durchdringend, wie sie es tun, seitdem sie die Augen aufgetan haben. Die Kinder, begnadet mit feinsten Antennen, waren sofort misstrauisch. Zum einen, weil sie spürten, dass es mit Sicherheit nicht meine Idee gewesen war, eine glückliche Gans zu kaufen, sondern dass es irgendwas mit der Zeitung zu tun haben musste. Das stimmte auch. Zum anderen, weil sie ahnten, dass die Gans den Essens-Graben, der quer durch unsere Familie geht, noch vertiefen und dass selbst eine glückliche Gans nur Probleme bringen würde.

Wir hatten den Kindern natürlich, als sie klein waren, auch Selma Lagerlöfs Geschichte über Nils Holgersson vorgelesen, diesen Däumling, der mit dem Gänserich Martin fliegt. Und erst Friedrich Wolfs großartiges Märchen, mit dem jedes ostdeutsche Kind groß wurde und die auch in unserer Familie seit Jahren vor Weihnachten Kult ist: Die Weihnachtsgans Au-guste, am allerbesten gelesen von Dieter Mann. Sie erzählt von der Klugheit der Frauen, und dass es meistens zur Katastrophe führt, wenn vergeistigte Männer sich großspurig in Haushaltsdinge einmischen. Sie erzählt aber vor allem davon, dass es unmöglich ist, eine Gans zu schlachten und zu essen, die man mit einem Namen benannt – und zu der man also eine Bindung aufgebaut hat.

Simon sagte: »Mama, Auguste dürfen wir sie bitte nicht nennen.«

Wir sind vier. Gregor, mein Mann, und Tilda, unsere Tochter, essen kein Fleisch. Gregor spricht oft noch nicht einmal von Fleisch. Er sagt mit einem Lächeln »totes Tier«, wenn er Fleisch meint. Der dabei mitschwingende und in den Vorwurf gleitende Unterton ist da, seitdem Jonathan Safran Foer sein Buch Tiere essen auf den Markt und auch in unser Haus gebracht hat. Na, gibt’s wieder totes Tier? Wenn so ein Satz fällt, krachen Simon und mir natürlich sofort die eigenen Schuldgefühle auf den Teller. Wir möchten aber lieber von unseren Schuldgefühlen unbehelligt Fleisch essen.

Wir essen nämlich sehr gerne Fleisch, nicht oft, aber einmal im Monat etwa gibt es so einen Lustmoment, und dann kaufe ich am Samstag Lamm oder Hühnchen, immer im türkischen Supermarkt an der Grunewaldstraße, weil es da so lebendig und sinnlich zugeht, dass ich all die abberufenen Tiere an der Theke zwar als tot, aber noch ins Leben eingebettet wahrnehme. Doch natürlich kommt das Fleisch auch hier aus der Massentierhaltung.

»Na, schmeckt’s?«, fragen unsere beiden Vegetarier, wenn wir mit dem Hühnchen, sie aber mit ihrem Gemüseteller am Tisch sitzen.

Es war im Mai, als ich zum ersten Mal Marcels Nummer wählte, um mich heranzutasten an unsere Gans, an das Dorf, in dem sie lebte, an die Geschichte, die ich schreiben würde. Der Mann am Telefon sprach ruhig, er klang jung und doch in einer Weise nachdenklich, dass ich wusste: Mit ihm wird das gehen.

»Und? Haben Sie denn eine passende Gans, also eine, die zu Sankt Martin auf dem Tisch stehen kann?«, fragte ich ihn am Schluss.

»Ja, ich hätte da eine Kandidatin«, antwortete er nach kurzem Überlegen.

Ob ich wollte oder nicht, ich ergänzte gedanklich sofort: Todes-Kandidatin. Es ging hier um eine Todeskandidatin.

Wir wollten unsere Kandidatin Ramona nennen. In meiner Kindheit hatte es einige bräsige, irgendwie ganshafte Mädchen gegeben, die Ramona hießen, und
so war ich es, die den Namensvorschlag machte, schon auf der ersten Fahrt zu ihr, nach Schönerlinde, an den Nordrand Berlins. Dahin, wo die Stadt alles ausspeit, was sie in ihrem Innern nicht haben will: ein hochmodernes Klärwerk, eine hochmoderne Biogasanlage, die lautlose Schweinemast, unruhig blinkende Windräder, eine knatternde Kartbahn und ein immer rauschendes Autobahnkreuz. Das alles hat Schönerlinde.

»Ich freu mich schon so auf mein Gansilein«, sagte Simon, neben mir im Auto.

Es war der 11. Juni. Die Linden blühten.

Am auffälligsten, was das Äußere betrifft, sind seine Rastazöpfe, die dick und so lang sind, dass sie ihm bis zum Hosenbund reichen. Marcel Riedel ist in Chemnitz geboren, 1979. Da hieß Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt. Vor acht Jahren ist er mit seiner Freundin rausgezogen aus der Stadt, ins Berliner Umland, hier werden ihre Kinder groß. Leonhard ist sieben, Madita ein gutes Jahr alt.

Die schmale Haushälfte, die sie bewohnen, ist gemietet. Sie kommen ohne Auto klar, machen alles mit dem Rad und mit der Bahn, obwohl sie mitten in Berlin arbeiten, und beide mit Kindern. Ann-Kathrin als Tagesmutter, Marcel ist fast fertig mit der Erzieherausbildung. Er hat schon vieles gemacht in seinem Leben, aber seit Jahren arbeitet er nun schon in einem Kinderladen in Berlin-Moabit. Er sagt: »Das ist die glücklichste Arbeit meines Lebens.«

Einer der Vorteile des Hauses in Schönerlinde ist, dass ein großes Stück Wiese dazugehört. Man geht durch einen Riegel von Schuppen nach hinten, öffnet zwei Zauntore und steht mitten im Grün mit den Apfelbäumen. Da lebt die Gänseherde, tagsüber jedenfalls, denn am Abend treibt Marcel die Tiere meistens in den Stall, weil manchmal in der Nacht der Fuchs kommt, und Greifvögel gibt es hier auch. Im Stall nur sind sie sicher. Die Herde, das sind sieben Gänse und ein Ganter. Marcel hat auch sieben Hühner, zwei Hähne, zwei Kaninchen und Rieke und Rudi, die beiden wilden Terrier.
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Renate Meinhof

, Seite-Drei-Reporterin der Süddeutschen Zeitung, und ihr Sohn vermissen die Besuche beim »Gänsehirten« Marcel Riedel in Schönerlinde - auch weil er sie nie ihne Eier, Äpfel oder Birnen nach Hause fahren ließ.

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