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aus Heft 49/2014 Sex

Hautaufgaben

Rainer Stadler  Illustrationen: Monica Ramos

Orgasmus in der Grundschule, Analsex in der Mittelstufe - worüber müssen Schüler Bescheid wissen? Zwischen Eltern und Pädagogen tobt ein Streit, der selbst unter die Gürtellinie geht.

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Wann sollten Kinder erfahren, was nackte Erwachsene miteinander tun können?


Seit einigen Monaten bekommt Mathias Ebert regelmäßig Mails, in denen steht, er sei ein Nazi oder homophobes Schwein. Manchmal heißt es auch nur, er solle verrecken. Ebert ist 28 und Vater von vier Kindern, er wohnt in Nordrhein-Westfalen, nahe der Stadt Siegen. Vergangenes Jahr hat er die Martens kennengelernt, eine Familie mit neun Kindern, die den christlichen Glauben sehr ernst nimmt. Eugen Martens, der Vater, hatte gerade eine Nacht im Gefängnis verbracht. Seine Tochter hatte in der Schule, vierte Klasse, den Sexualunterricht verlassen, weil ihr schlecht geworden war, wie sie selbst sagte, und sich dann geweigert, ins Klassenzimmer zurückzugehen. Auch am nächsten Tag blieb sie fern, als wieder Sexualkunde auf dem Programm stand. Das Schulamt verhängte daraufhin ein Bußgeld von 150 Euro gegen die Eltern. Weil sich der Vater weigerte zu zahlen, musste er in Haft. Drei Monate später drohte die Staatsanwaltschaft, auch die Mutter einzusperren, obwohl sie gerade schwanger war – und Mathias Ebert fragte sich: »In welchem Land leben wir eigentlich?«

Mitte Januar dieses Jahres standen er und 1000 weitere Demonstranten vor dem Kölner Dom, um gegen die »Frühsexualisierung der Kinder in Kitas, Kindergärten und Schulen« zu demonstrieren. Laut Ebert waren es hauptsächlich Eltern und Großeltern, die seine Irritation teilten – die Irritation darüber, dass neuerdings in Kindergärten die Kleinen zu Doktorspielen ermutigt würden, die auch beinhalteten, die anderen Kinder am Po zu beschnuppern. Dass in manchen Grundschulen eine Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit dem Titel Das kleine Körper-ABC verteilt wird, die alle Fragen zu chemischen Verhütungsmitteln, Pille danach und Scheidenflüssigkeit beantwortet. Dass in einer Grundschule in Köln-Lindenthal Neunjährige die Frage beantworten mussten, »was es bedeutet – Sex haben«. Oder: »Was ist ein Orgasmus?« Mehrmals haben sich Eltern beschwert, dass sie bei diesem neuen Lehrplan kein Mitspracherecht haben und auch nicht informiert werden, welche Materialien die Schule verwendet. »Ich habe nichts gegen Sexualkunde«, sagt Ebert. Er erinnert sich noch an seinen eigenen Unterricht in der fünften und sechsten Klasse, als es etwa darum ging, wie ein Kondom funktioniert. »Aber bei Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter«, sagt er, »muss man doch behutsam rangehen.«

Wie weit dürfen Kindergärten und Schulen bei der Sexualaufklärung gehen? Seit einigen Monaten tobt darüber in Deutschland ein erbitterter Streit. Außer in Köln gab es mittlerweile auch Protestveranstaltungen von Eltern in Frankfurt, Stuttgart, Augsburg, Dresden und Hannover. Unter Sexualpädagogen hingegen herrscht Einigkeit: Je früher, desto besser. Und die Kinder sollen, möglichst schon bevor sie in die Schule kommen, informiert werden, dass es noch andere Lebensformen gibt als heterosexuelle Zweierbeziehungen: homosexuelle Partnerschaften, Bi- oder Transsexualität.

Bis vor Kurzem wurden diese Gruppen durch Staat und Gesellschaft marginalisiert und diskriminiert, nun wird die neue Linie beim Sexualunterricht von fast allen Parteien in Deutschland befürwortet. Man könnte meinen: Die Fehler der Vergangenheit bloß nicht wiederholen. »Es geht nicht um sexuelle Früherziehung, sondern um die Vermittlung von Toleranz und Akzeptanz, in der jeder seine eigene Identität, auch die sexuelle, entwickeln kann«, sagt etwa Björn Försterling, FDP-Landtagsabgeordneter in Niedersachsen. Lediglich die AfD, die Partei Bibeltreuer Christen und auch die rechtsradikalen Parteien unterstützen die Demonstrationen der »Besorgten Eltern«, wie Mathias Ebert seine Gruppe in Nordrhein-Westfalen genannt hat. Nicht zuletzt wegen dieser Unterstützer ist die Elternbewegung in Verruf geraten, als Ansammlung reaktionärer Spießbürger, da half es auch nichts, dass Ebert die schwulen Gegendemonstranten in Köln aufforderte: »Kommt doch zu uns, wir haben überhaupt nichts gegen Schwule!«

Sind die Sorgen der Eltern unbegründet? Oder kann es sein, dass die sexuelle Aufklärung nicht nur befreiend wirkt, wie ihre Verfechter meinen, sondern auch zerstörend, wie nicht wenige Eltern befürchten?
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Rainer Stadler gehört noch zu jener Generation Schüler, die an das Fach Sexualkunde weniger durch den Unterricht als vielmehr durch diesen Sketch von Otto Waalkes herangeführt wurden: bit.ly/waalkes

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