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aus Heft 50/2014 Außenpolitik

Auf Droge

Matthias Fiedler  Fotos: Dave Lauridsen

Das US-Militär verordnet traumatisierten Soldaten maßlose Tablettenkuren. Die Geschichte eines stolzen Marines, der inzwischen oft vergisst, die Zähne zu putzen.



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Ein Montag im Mai 2014. Kurz vor dem Frühstück geht Luis Femat in die Küche, öffnet einen Schrank und holt zwei durchsichtige Plastikdosen heraus. Auf der einen steht in schwarzer Schrift »Adderall«, auf der anderen »Concerta«. Er fummelt aus jeder Dose zwei Pillen, die einen blau, die anderen weiß, und spült sie mit einem Glas Wasser hinunter.

Femat sagt, er brauche die Tabletten gegen seine chronische Müdigkeit. Verschrieben hat sie ihm sein psychiatrischer Krankenpfleger, ein Leutnant. Der hatte über Adderall gelacht: »Guter Stoff, ist wie legales Crack.« Für Femat ist es der Start in den Tag. Um den Irakkrieg aus seinem kahl rasierten Schädel zu bekommen, nimmt Luis Femat seit zehn Jahren ein Dutzend verschiedene Pillen. Aufputschmittel, Antidepressiva, Schlaf- und Schmerztabletten – alle paar Stunden drei bis vier Stück. Er nennt sie spöttisch »Happy pills«, seine Frau Mary sagt: »Sie machen ihn kaputt.«

Seine Krankheit heißt Posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS. Sie ist tückisch, sie überfällt manche Soldaten schon eine Woche nach dem Einsatz, manche erst nach zehn Jahren, sie lässt sich weder ertasten noch im Röntgenbild sehen, aber sie nimmt Femat die Lust am Leben, macht ihn apathisch und gefühllos. Femat ist technischer Unteroffizier bei den Marines, er weiß, dass die US-Armee Problemfälle wie ihn am liebsten nicht hätte.

Femat weiß auch, dass er nicht der Einzige ist, den die Erinnerungen quälen. Von den 2,2 Millionen aus dem Irak und Afghanistan zurückgekehrten US-Soldaten leiden mehr als 650 000 an PTBS: fast jeder Dritte. Mit dem Abzug der letzten Truppen vom Hindukusch, der Ende 2016 abgeschlossen sein soll, werden es jeden Tag mehr.

Luis Femat und seine Frau Mary, Grundschullehrerin für Mathe und Englisch, haben heute frei. An jenem Montag im Mai feiern die USA den Memorial Day – einen Gedenktag zu Ehren der für das Land gefallenen Soldaten. Der Vormittag ist sonnig in Kalifornien, das Licht scheint durch die weißen Fensterläden ihres 250 Quadratmeter großen Hauses, vor der Tür lässt der Wind die Palmenäste wippen, drinnen riecht es nach frischer Wäsche. Femat, 45 Jahre alt, steht in Fellhausschuhen und Spiderman-T-Shirt im Wohnzimmer und starrt auf die riesige Stars-and-Stripes-Flagge, die er vor vielen Jahren in einem wuchtigen Holzrahmen über den Kamin gehängt hat. Seine Schultern sind schlaff, der Blick ist leer, er bemüht sich um Haltung. Er sagt: »Marine für immer!« Er klingt stolz.

An schlechten Tagen wie heute hilft ihm der Stolz ein bisschen. Femat erinnert sich dann an das Glaubensbekenntnis der US-Marines. »The few, the proud, the Marines«, heißt es darin, die Wenigen, die Stolzen, die Marines. Femat sagt, Marines sind Elitesoldaten. Und Elitesoldaten klagen nicht.

PTBS ist schwierig zu kurieren. Die Störung verlangt eine aufwendige Diagnostik und regelmäßige Gesprächstherapien mit Psychiatern. Doch dem Militär und der Veteranenbehörde fehlen dafür das Personal und die Zeit. Zu viele Patienten gibt es mittlerweile. Fragt man US-Soldaten, wie Armeeärzte und Veteranenärzte ihre Traumata behandeln, erzählen sie von Untersuchungen im Minutentakt und Rezepten, die ihnen so beliebig verschrieben werden wie Hustendrops. 80 Prozent der PTBS-Patienten erhalten mindestens ein Antidepressivum, mehrere Antipsychotika und dazu Schlaftabletten – manche bis zu 40 Stück pro Tag. Luis Femat hat zuletzt das Antidepressivum Effexor verordnet bekommen, pro Dosis 225 Milligramm. »Keine Ahnung, ob das viel ist«, sagt er. Auf der Verpackung steht in Großbuchstaben: »Nehmen Sie jeden Tag drei Kapseln.« Also nimmt Femat jeden Tag drei Kapseln.

Welche Nebenwirkungen die Tabletten haben, wolle er gar nicht wissen. Effexor listet auf dem Beipackzettel eine Vielzahl auf. Schlaflosigkeit, Vergesslichkeit, Suchtgefahr, Halluzination, Herzrhythmusstörungen, Impotenz, Selbstmordgedanken. Femat sagt: »Ich leide unter fast allen.« Seine Stimme springt, von laut zu leise, von leise zu laut, wie ein kaputter Lautsprecher. Eine Folge der Tabletten.

Seit 2001 stieg der Einsatz von Psychopharmaka unter Militärangehörigen um 76 Prozent – und mit ihm die Selbstmordrate. Im Jahr 2012 nahmen sich etwa 350 US-Soldaten im aktiven Dienst das Leben, täglich bringen sich 22 Veteranen um – alle 65 Minuten einer. Mehr als je zuvor.

Um viertel nach acht ist Femat mit seinen Cornflakes fertig. Er schiebt die Schüssel beiseite und faltet die Hände wie zum Gebet. Jetzt sei er bereit zu erzählen, was passiert ist. Er tippt auf den silbernen Armreif an seinem linken Handgelenk und sagt: »Mit dem Jungen hat alles angefangen.« Der Junge – das ist der Soldat James Houston. Femat hat sich diesen Namen in das Edelmetall eingravieren lassen, dazu den Tag, an dem er starb: 02/07/2004.

Femat war mal als militärischer Personalvermittler tätig, und im Jahr 2001 warb er diesen 20-Jährigen per Telefon für den Irakkrieg an, er sagte ihm, dass sein Land Männer wie ihn jetzt brauche. Als Luis Jahre später von Houstons Tod erfuhr, »begannen die Schuldgefühle durch seinen Kopf zu toben«, sagt Mary.

Im September 2004, Houston war tot, flog Femat zum ersten Mal in den Irak, dann noch einmal 2006 und 2009. Bei seinen ersten beiden Einsätzen wurde er für jeweils sieben Monate auf der US-Basis in Ramadi stationiert, beim letzten Mal für knapp ein halbes Jahr auf dem Luftwaffenstützpunkt Al Asad. Femat war Logistiker. Er organisierte den Wareneinkauf für die größten Supermärkte der US-Lager und bestellte jeden Tag Container voller Lebensmittel. Am meisten gefiel ihm, dass er neben dem Notwendigen auch Dinge ordern konnte, die das Leben bei 44 Grad erträglicher machten: Eiscreme, Energydrinks, Zigaretten.

In Lastwagen musste er mit Kollegen alle paar Wochen Nachschub aus Bagdad holen, das von Ramadi aus 133 Kilometer in südöstlicher Richtung liegt. »Oft wurde unser Konvoi von Sprengfallen erschüttert«, erzählt Femat. Einmal raste ein Selbstmordattentäter mit Auto samt Bombe in einen der Lastwagen. »Mein Truck fuhr zum Glück weiter hinten«, sagt Femat, »aber die Explosion war so laut, dass mir noch Wochen danach die Ohren fiepten.«

Im März 2005 war Femat gerade von seinem ersten Einsatz im Irak zurückgekommen. Gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter wohnte er zu dieser Zeit in Japan auf dem US-Luftstützpunkt nahe der Stadt Iwakuni. Er hatte im Irak nie auf Menschen geschossen, nie getötet, aber er sah in Gedanken immer wieder diese Bilder: Raketen, die auf seiner Basis in Ramadi einschlagen, Kameraden, denen Beine fehlen, Särge, in denen Freunde liegen.

In Japan begann sich Femat an kleinen Dingen zu stören. Wenn Flugzeuge starteten, hielt er sich die Ohren zu, weil er das Dröhnen der Turbinen unerträglich fand. Fiel eine Autotür zu, zuckte er zusammen, weil er glaubte, die Splitter einer Sprengfalle würden ihn gleich treffen.

Femat ging zu einem Arzt auf der Basis, doch behandelt wurde er nur von einem psychologischen Betreuer. Der nahm sich 15 Minuten Zeit und fragte: Haben Sie vor, sich umzubringen? Femat sagte Nein. Der Pfleger sagte »gut«, gab ihm eine Flasche Prozac und schickte ihn mit dem Antidepressivum weg. Femat nahm die Pillen mehrmals am Tag.
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Matthias Fiedler schrieb diese Reportage mit Unterstützung des Seminyak-Stipendiums und reiste dafür mehr als drei Wochen lang durch Kalifornien. Luis Femat lernte er bei einer Konferenz über Kriegstraumata kennen. Seine Frau Mary hatte Femat überredet, daran teilzunehmen.

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