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aus Heft 04/2015 Liebe & Partnerschaft

Herzschlag

Anna Bischoff  Fotos: Maciek Jasik

Unsere Autorin wurde von ihrem Mann verprügelt. Sie dachte, sie hätte es verdient. Und glaubte, er täte es nie wieder. Sie irrte sich. Wenn sie heute von häuslicher Gewalt hört, denkt sie an diese Zeit zurück und wird sehr wütend - vor allem auf sich selbst. Ihre Geschichte erzählt sie unter einem anderen Namen.

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Von außen ist Gewalt in einer Beziehung oft nicht zu sehen - auch weil die Opfer sich zu sehr schämen.


Im Februar 2014 hieb Ray Rice, Star des Baltimorer American-Football-Teams »Ravens«, im Fahrstuhl eines Kasinos in Atlantic City mit der Faust derart gegen den Kopf seiner damaligen Verlobten Janay Palmer, dass er gegen den Handlauf des Fahrstuhls prallte und sie ohnmächtig zu Boden stürzte. Es gibt ein Sicherheitsvideo von dem Vorfall. Man sieht, wie Rice nach dem kapitalen Schlag die schlaffe Verlobte halb aus dem Fahrstuhl zerrt. Wie er sie mit dem Fuß anschiebt, über sie rübersteigt und mit dem hinzukommenden Sicherheitsbeamten diskutiert. Wie die Frau, zwischen ihnen liegend, langsam wieder zu sich kommt. Keiner der beiden Männer nimmt Anteil daran. Rice Anwalt nannte den Schlag seines Mandaten später »eine kleine körperliche Auseinandersetzung«.

Und was tat die Verlobte, Janay? Sie heiratete ihren Schläger. Sie schrieb an das Gericht, das demnächst darüber urteilen soll, ob der Vorfall vielleicht doch eine große Auseinandersetzung war, und bat um Verständnis für ihren Mann. Sie erklärt sich in Talkshows und Nachrichtensendungen. Ihre Mutter sitzt ihr zur Seite. Die Mutter sagt: »Ich habe meine Tochter gewiss nicht dazu erzogen, sich misshandeln zu lassen!« Die Tochter sagt: »Ich würde mich niemals, nie von einem Mann demütigen lassen!« Beide sagen, sie fühlen mit den Millionen Frauen, für die häusliche Gewalt trauriger Alltag sei. Aber die Öffentlichkeit müsse verstehen, dass diese auf keinen Fall eine solche Beziehung sei. Der Mann sagt: »Es war nur ein einziger übler Abend!« Seine Frau sagt: »Es kommt auf keinen Fall wieder vor!« Und ich denke: Du dummes Huhn!

Und gleich darauf: Ich hab’s nötig. Ich, die sich vier Jahre lang von einem Mann immer wieder ins Krankenhaus prügeln ließ. Die mit blaugeschlagenen Augen und zerplatzten Lippen wieder und wieder zu ihm zurückgekrochen kam. Aus dem Krankenhaus, aus dem Frauenhaus, von meinen Eltern. Von überall, wo ich für ein paar Stunden oder Tage Zuflucht gesucht hatte, oder was auch immer. »Es kommt auf keinen Fall wieder vor!« Ich habe den Satz heruntergebetet. Für mich, für andere. Habe ich ihm geglaubt? Nach der ersten Prügelattacke? Auch noch nach der zweiten? Damals hätte ich ohne Zögern gesagt: »Ja!« Auch nach dem zehnten Mal. Heute bin ich mir nicht sicher. Es ist schwierig zu verstehen, geschweige denn zu erklären, wer ich damals war. Auch für mich.

Die Erinnerung macht mich zornig. Wenn ich nicht aufpasse, macht sie mich weniger zornig auf den Mann, der mich schlug. Dann macht sie mich zornig auf mich. Diese Frau, die ich damals war, lächerlich, machtlos, erbärmlich, beschämt mich. Am liebsten wäre mir, ich würde nicht mehr mit ihr in Zusammenhang gebracht. Mich nicht mehr mit ihr in Zusammenhang bringen müssen. Am leichtesten wäre, ich könnte wütend auf eine andere, irgendeine Frau sein, die jetzt Platzhalterin dieser Erbärmlichkeit ist. Auf Janay, das dumme Huhn. Sie ist Mutter einer zweijährigen Tochter. Steht in der Öffentlichkeit. Sie ist die Frau eines wenn auch noch so fragwürdigen Idols. Und damit selbst Vorbild. Ist das nicht Grund genug, auf sie wütend zu sein? Anderseits: Auch ich bin Mutter. Vorbild für meine Töchter. Habe ich nicht mehr als genug Grund, auf mich wütend zu sein?

Wenn ich nicht aufpasse, bin ich so wütend, dass ich in Gefahr bin zu übersehen: Es war diese Wut auf mich selbst, die den prügelnden Mann überhaupt erst möglich machte. Es waren die Scham und die Tücke des Sich-mit-dieser-Frau-nicht-in-Zusammenhang-bringen-Wollens, die mich bei ihm hielten.

Ich lernte den Mann kennen, da war ich 16. Er war 26. Mir erschien das nicht fragwürdig. Nicht unpassend. Er war nicht mein erster Freund. Den ersten, gleichaltrig, sanft, zuvorkommend, hatte ich seinetwegen verlassen. Ich suchte nach etwas. Ich hätte nicht sagen können, nach was. Nur, dass ich spürte: Dieser wollte es bieten. Er schien der Richtige. Ich schien richtig für ihn. Beides auf schrecklich falsche Weise. Er war schön, dunkel, gut angezogen. Ich war ein Punk. Er erschien mir gebildet, belesen. Ich war ein Schulmädchen. Er kam aus London. Ich aus einem deutschen Kaff. Damals muss ich mich in seiner Gesellschaft irgendwie aufgewertet gefühlt haben. Und er sich in meiner.

Als er mich zum ersten Mal schlug, nach einer Party, nachts, auf offener Straße, waren wir drei Monate zusammen. Vielleicht auch nur zwei. Kurz genug, nüchtern besehen. Ich kann mein Bleiben keiner Erinnerung an »so viele gute Jahre«, keiner geldbedingten Abhängigkeit, und auch noch keinen gemeinsamen Kindern anlasten. Ich war frei zu gehen. Stattdessen ging er. Drehte sich um und ließ mich stehen. Und das war es, was mich dort auf der Straße zerriss. Meine plötzliche Einsamkeit. Die mich umfangende Leere. Da war niemand mehr. Nichts mehr. Nicht einmal Schläge. Ich rannte ihm nach. Ich schrie. Ich stellte mich ihm in den Weg. Griff seinen Arm. Er stieß mich fort, blicklos, wortlos, und ging weiter. Ich stolperte hinterher. Ich folgte ihm nach Hause, um seine Zuwendung bettelnd wie ein getretener Hund. Wie kann ich meine Erleichterung, als er mich mit in seine Wohnung ließ, auch nur annähernd angemessen beschreiben?

Meine Mutter war zornig. Auf mich. Meine Mutter sagte, sie schäme sich. Für mich. Sie klagte: »Von mir hast du das nicht gelernt!« Wahr ist: Mein Vater hat meines Wissens nach meine Mutter niemals geschlagen. Ich wurde nie Zeugin körperlicher Gewalt zwischen meinen Eltern. Ich könnte auch das nicht für meine Erbärmlichkeit verantwortlich machen. Ich hielt die Ehe meiner Eltern für vorbildlich, über Jahre. Ihre Lebensführung erschien mir makellos. Ich beneidete sie um ihre Auf-die-Sekunde-Pünktlichkeit. Um ihr Durchorganisiertsein. Um ihre zu jederzeit vorführbar reine Eigentumswohnung. Der einzige Unordnungsherd in dieser Wohnung, in ihrem Leben, war ich. Sie haben es mir oft genug gesagt. »Wenn wir uns eines Tages scheiden lassen sollten, dann wegen dir. Du bist das Einzige, was uns auseinanderbringt.« So gut ist ihre Ehe.
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Anna Bischoff ist heute eine große Anhängerin der Kurzschlussreaktion. Die Entscheidung, ihrem Mann davonzulaufen, kam ohne jede Überlegung - und war die klügste ihres Lebens.