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aus Heft 06/2015 Medien

»Ich bin sehr oft auf die Schnauze gefallen«

Sven Michaelsen und Michael Ebert (Interview)  Foto: Andreas Nestl

Er ist einer der schillerndsten Verleger des Landes - obwohl er meint, lange nur Fehler gemacht zu haben. Jetzt feiert Hubert Burda seinen 75. Geburtstag und spricht über seine Eltern, die »teure Freundschaft« zu Rupert Murdoch und den Vorteil, nur 1,70 Meter groß zu sein.


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SZ-Magazin: Herr Burda, die Ehe Ihrer Eltern hätte eine 1-a-Geschichte für die Bunte abgegeben. Ihr Vater Franz, einer der Titanen des deutschen Wirtschaftswunders, hatte von seiner zehn Jahre jüngeren Sekretärin ein Kind, das neun Monate nach Ihnen geboren wurde. Seine Geliebte machte er zur Chefredakteurin der Zeitschrift Effi Moden, die er für sie gekauft hatte. Seine Ehefrau Aenne feuerte die Nebenbuhlerin mit dem Satz »Ich lass mich nie und nimmer scheiden!«, übernahm das Heft selbst und baute daraus das weltumspannende Imperium Burda Moden. Um ihre Revanche zu würzen, nahm sie sich auf Sizilien einen Liebhaber mit dem klangvollen Namen Giovanni Panarello, mit dem sie fortan in ihrer Villa in Taormina die Ferien verbrachte. Nachdem sie ihren Italo-Lover bei ihrem Geburtstagsfest öffentlich vorgeführt hatte, rächte sich ihr Ehemann mit noch wilderen Affären. Mittendrin in diesem Tollhaus: Sie.

Hubert Burda: Mein Vater hat sich nicht gerächt. Ihm war der Liebhaber sehr willkommen. Er wusste genau, dass er die Mutter mit seinem unehelichen Kind in einem Maße desavouiert hatte, dass ihr Affären vollkommen zustanden.

Bereute Ihr Vater seine Vielweiberei?
Nein. Er hatte nicht mehr Affären als andere Einflussreiche und ging relativ locker damit um. Liebschaften gehörten für ihn zur Kreativität und guten Laune, so wie die Schubert-Lieder, die er morgens beim Aufstehen sang. Ich glaube, er liebte Picasso deswegen so sehr, weil der ein Weltmeister im Fremdgehen war und mit all diesen schönen Frauen so gut vorwärtskam.

Ihr Vater war ein Getriebener, dessen höchstes Vergnügen es war, 16 Stunden am Tag zu arbeiten. Ihre Mutter kümmerte sich erst um Burda Moden, dann um ihre Kinder. Waren Sie ein einsames Kind, dem vor Kummer das Herz gefror?
Es ist doch etwas Herrliches, ein einsames Kind zu sein! Was du alles aufsaugen kannst, welche Kreativität du entwickeln kannst. Ich hatte noch nie ein Problem mit der Einsamkeit.

Ihre Mutter warf mit Aschenbechern und Telefonen nach ihren Redakteurinnen und beleidigte sie mit gehässigen Bemerkungen. Ihren Gatten ohrfeigte sie in aller Öffentlichkeit mit einem Rosenstrauß. Noch mit 95 antwortete sie auf Fragen nach ihrem Wohlbefinden mit dem Satz: »Mir geht’s gut, ich hasse!«
Also, dass sie unkonventionell war, ist schon klar. Als sie mit Giovanni in Taormina in einem Restaurant saß, rief einer der Gäste dauernd »Aenne! Aenne!«, weil er ihre Aufmerksamkeit wollte. Sie nahm einen Teller Spaghetti und schmiss ihn durchs ganze Lokal auf ihn. Man muss dazu wissen, dass diese Aenne Burda sensationell gut aussah. Sie hatte vielleicht nicht die elegantesten Beine – deswegen trug sie immer lange Röcke –, aber sie hatte ein wunderschönes Gesicht. Und sie wusste um ihre erotische Kraft, mit der sie jeden in null Komma nichts in ihren Bann zog. Sie konnte aber auch grässlich sein. Man muss sich ja nur in der griechischen Mythologie auskennen.

Sie entwichen den Ehedramen Ihrer Eltern in die Kunst. Mit 15 schrieben Sie über Picasso, lasen Gedichte von Mallarmé und waren fest entschlossen, Maler zu werden.
Zwischen 13 und 15 habe ich jeden Nachmittag im Atelier eines Malers verbracht und Leinwände grundiert, Pigmente angerieben und gemalt. Mein Vorbild war Cézanne. Dessen Vater, ein Bankier, war auch dagegen, dass der Sohn Maler wird.

Als Sie Ihrem Vater mit 16 Ihre Berufswahl mitteilten, bekamen Sie zur Antwort: »Halt die Gosch! Du wirst Verleger.« Beleidigte es Sie, dass er Ihre Arkadiensehnsucht missachtete?
Nein. »Halt die Gosch« war bei uns in Baden zu verstehen wie »Grüß Gott«. Der Vater hatte kapiert, dass meine Fähigkeiten für eine Existenz als Künstler nicht reichen würden. Wir einigten uns auf den Kompromiss, dass ich Kunstgeschichte studiere. Die Bedingung war, dass ich mit 25 promoviere und dann ins Unternehmen komme. Ohne diesen Druck wäre ich nach der Promotion vielleicht irgendwo Assistent geworden und hätte auf eine Professur gewartet. Dann würden wir uns jetzt nicht gegenübersitzen.

Das Thema Ihrer Doktorarbeit lautete: Die Ruine in den Bildern Hubert Roberts.
Der Vater schüttelte den Kopf und sagte: »Ich baue von morgens bis abends ein Riesenunternehmen auf, und was machst du? Du schreibst über Ruinen!«

Ihre Karriere bei Burda begann mit einem fulminanten Fehlstart.
Ich habe sieben Jahre lang nur Fehler gemacht. Dass ich das überhaupt überlebt habe, ist ein Kapitel für sich. Ich kam aus dem Kunstseminar des berühmten Hans Sedlmayr und hatte mit Freunden einen Philosophenclub gegründet. Marcel Proust lasen wir nur auf Französisch, James Joyce nur auf Englisch, Dante nur auf Italienisch. Da wir natürlich auch Marcuse und Lukács lasen, waren wir, was die Ästhetik betrifft, Marxisten. Ich war wahnsinnig elitär und zum Teil auch von einer unerträglichen Überheblichkeit. Als ich mit dieser Attitüde bei Burda zur Tür reinkam, hieß es natürlich: »Dieses aufgeblasene Rindvieh von Doktor!«

Ihre erste Zeitschriftengründung war 1969 das Männermagazin M. Das Cover zeigte einen Mann, der mit nacktem Oberkörper Kopfstand macht und dabei buschiges, verschwitztes Achselhaar sehen lässt. Ihre Mutter kommentierte Ihr Gesellenstück mit den Sätzen: »Der Vater hat deine Zeitschrift in die Hände gekriegt. Jetzt isst er nichts mehr. Du bist schuld, wenn er stirbt!«
Der Vater war bockelhart gegen mich und hat mich teilweise vor versammelter Mannschaft zur Sau gemacht, aber was M angeht, hatte er recht. Die Zeitschrift ähnelte einem Film ohne Regisseur und Drehbuch.

Zu Ihren Beratern bei M gehörten der Lyriker Wolf Wondratschek, der spätere Hanser-Chef Michael Krüger und der brauseköpfige Ästhetik-Professor Bazon Brock.
Bazon hatte damals einen sehr großen Einfluss auf mich. Ihn bis heute durchzustehen, ist eine meiner größten Leistungen. Das ist auch nur mir gelungen. Aber ich verdanke ihm viel. Er war lange der Dramaturg meines Lebens und hat mir beigebracht, wie Inszenierungen funktionieren.

Als M nach nur zwölf Ausgaben beerdigt wurde, hatten Sie zwölf Millionen Mark in den Sand gesetzt. Ihr Vater tobte, Ihre beiden älteren Brüder fühlten sich in ihrer Überzeugung bestätigt, Sie seien als Verleger eine Null.
Nach der M-Krise bin ich mit Bazon im Schwarzwald spazieren gegangen. Ich wollte immer, dass Rudolf Augstein mal von mir Kenntnis nimmt, aber der nahm natürlich überhaupt keine Kenntnis von mir. Da Bazon in Hamburger Pressekreisen verkehrte, fragte ich ihn: »Was meint denn der Rudolf? Hast du mal mit ihm über mich geredet?« Er antwortete: »Der Rudolf sagt, wenn dein Vater stirbt, bringen dich deine beiden Brüder um.« Diese Prophezeiung blieb mir im Kopf. Nach dem Tod des Vaters herrschte dann tatsächlich Krieg. Um den zu beenden, haben wir das Erbe in drei Teile geteilt. Im Rückblick war die Realteilung das Beste, was uns passieren konnte.

Als Anfang der Siebziger Ihre Ehe mit Christa Maar zu scheitern drohte, sagte Ihre Frau, Sie sollen zum Analytiker gehen. Nach einigen Sitzungen sagte der Mann: »Ihr Problem ist Ihr Vater – der will Sie umbringen.«
Das war ein netter Analytiker, ordentlich freudianisch, aber als der mir plötzlich mit Sophokles und König Ödipus kam, habe ich die Sache abgebrochen.

Als Ihr Vater mit 63 Jahren sein Verhältnis mit einer jungen Bunte-Reporterin ungeniert zur Schau stellte, sagten Sie ihm: »Das kannst du meiner Mutter nicht antun!« Sie bekamen zur Antwort: »Jetzt pass mal gut auf, Bürschle, ich bin es, der die Firma aufgebaut hat, und wenn du nicht verstehen willst, wie das hier läuft, dann gehst du eben.«
Aus seiner Sicht hatte er recht. Für ihn war ich ein komplizierter, umständlicher Kerl, der dauernd Fehler machte. Wenn er sah, was ich tat, seufzte er meistens: »Mein lieber Heiland!« Dass ihm so einer in seine Affären reinquatschte, machte ihn doppelt wütend.

Ihr Vater verbannte Sie für ein Jahr in die USA. Als Sie zurückkamen, schickte er Ihnen einen Einschreibbrief: »Lieber Hubert! Deine Brüder und ich sind uns einig, dass Du für die Geschäfte dieser Welt nicht gemacht bist. Wir sind der Meinung, Du solltest eine Kunstgalerie aufmachen. Dafür erhältst Du fünf Millionen Mark, womit dann Deine Ansprüche an die Firma erloschen wären.« Haben Sie überlegt, den Deal anzunehmen?
Eine Kunstgalerie? Um Gottes willen! Ich wollte Verleger werden. Aber ich kann verstehen, dass ich für meinen Vater und meine Brüder wahnsinnig schwer zu vermitteln war. Ich war ein komischer Vogel und körperlich nicht privilegiert. Ich war nicht wie Claus Jacobi der 1,85-Meter-Typ, der auf Sylt auftritt, und alle liegen ihm zu Füßen und sagen: »Umwerfend! Hinreißend!«

Sie sind 1,70 Meter groß. Wäre Ihr Leben anders verlaufen, wenn Sie 1,85 Meter groß wären?
Großgewachsene Menschen müssen nicht den Ehrgeiz entwickeln, hochzuspringen. Es kann ein schweres Handicap sein, 1,85 Meter groß zu sein und saugut auszusehen. Wenn du es dann nicht schaffst im Leben, wunderst du dich umso mehr. Ich habe einem Reporter mal das Thema gegeben: die Tragik des älter werdenden, gut aussehenden Mannes. Da kenne ich Beispiel um Beispiel. Die hatten es alle zu leicht. Denen fehlten die innere Kraft und der Biss.

Der Schriftsteller Peter Handke, einer Ihrer intimsten Freunde, sagt: »Ich habe noch nie einen so einsamen Menschen erlebt wie Hubert Anfang der Siebziger-jahre.«
Es war alles zerbrochen, alles. Ich hatte ja nicht nur mit M Mist gebaut. Helmut Markwort, mein Alter Ego zu dem Zeitpunkt, verließ Burda und ging zu Gong. Und die Christa, damals sehr links, verließ mich und ging mit Uwe Brandner auf und davon, um Filme zu machen. Das Einzige, was mich überleben ließ, war ein Song von Simon & Garfunkel, den ich immerzu hörte: »I am a rock, I am an island. I have my books and my poetry to protect me.«

Vor was sollten Bücher und Poesie Sie beschützen?
Ich war damals oft in St. Moritz und Saint-Tropez und war in Gefahr, in diese Welt der reichen Erben abzustürzen. Aber in mir war etwas drin, was raus musste. 1976 war der Vater dann großzügig genug, diesem gescheiterten Vogel mit seinen 36 Jahren die Bunte zu geben. Sie war sein absolutes Lieblingskind.

Die Bunte erschien damals in Offenburg und war ein Oma-Blatt, in dem Redakteure nahe der Pensionsgrenze Märchen über gekrönte Häupter schrieben.
Als es hieß, der gescheiterte Hubert geht in die Provinz und macht die Bunte, habe ich innerhalb kürzester Zeit fast alle meine Freunde verloren. Für sie war es das Lausigste, was du tun konntest.

Wie kamen Sie bei der Bunte-Mannschaft an?
Nach der ersten Woche hat die Redaktion gestreikt. Nach vier Wochen war der Machtkampf zu meinen Gunsten entschieden.
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Beim Interview in Hubert Burdas ehemaliger Studentenwohnung nahe des Münchner Siegestores wollten Michael Ebert und Sven Michaelsen wissen, was aus der Jugendpassion des Verlegers geworden ist, dem Malen. Der bald 75-Jährige deutete auf ein halbes Dutzend Bilder an der Wand: »Ich stehe noch immer jedes Wochenende an der Staffelei - und wer mich stört, den bringe ich um.«

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